Ein Ende und ein Anfang:
Wenn ein geliebtes Tier stirbt

Neuer Hund

Und dann ist es plötzlich so weit. Man hatte es schon seit längerem geahnt, aber wahrhaben wollte man es nicht. Eine Freundschaft, die mehr als ein Jahrzehnt dauert, ist ein fester Bestandteil des eigenen Lebens. In der Erinnerung reihen sich viele Spaziergänge, viele Ballspiele und auch so manch kleines Ärgernis aneinander, genug für ein ganzes Leben.

Die Zeit läuft für einen Hund anders ab, er lebt im Hier und Jetzt. Der Mensch kann - und das ist eines der vielen wunderbaren Sachen, die einem geschenkt werden, wenn man einen Hund hat - immer wieder teilhaben. Das Rätsel der Sphinx, das Ödipus lösen musste, lautete: "Was ist das: es geht morgens auf vier Beinen, mittags auf zweien und am Abend auf dreien." Der Mensch, der krabbelt am Anfang des Lebens, dann aufrecht geht in der Mitte, und einen Stock zur Stütze hat am Lebensabend ... das ist die Lösung. Für Hundehalter ist es ähnlich, denn am Anfang ist der Arm nach vorne gestreckt, weil der junge Hund mächtig an der Leine zieht, denn die Welt ist sooo interessant und alles will rasch erkundet werden. Im mittleren Alter liegt der Arm locker an der Seite, denn der gesetzte Freund läuft treu und verlässlich nebenher - bis man ihn von der Leine lässt und er sich austoben kann.

Wenn der Abend dann am Horizont erscheint, ist man schneller als der Hund ... auch wenn man langsam geht. Man passt den Schritt an, wie man es für einen geliebten alten Menschen tun würde. Und man denkt darüber nach, ob der Hund ein Gespür dafür hat und wie er es empfindet. Aber der Arm ist jetzt eher nach hinten gestreckt beim Spazierengehen. Wenn es so weit ist, verlässt einen das Bewusstsein des nahenden Abschieds nicht mehr, auch wenn man es ignorieren möchte.

Und dann passiert es - der Hund wird hinfälliger und schwächer, und er stirbt. Ob das nun ein sanfter Tod ist oder der Tierarzt eine erlösende Spritze gibt - ein ganzes Stück vom eigenen Leben fehlt nun auf einmal. Wer keinen Hund hat, versteht nicht unbedingt, dass man ebenso in Trauer verfällt, als ob es um einen Menschen ginge - und auch von denen, die selber zu den Hundehaltern gehören, kann es nicht jeder nachvollziehen. Aber viele, die Tiere lieben und auch mit ihnen zusammenleben, bestätigen, dass es manchmal sogar schlimmer ist - wahrscheinlich, weil ein Stück vorbehaltlose Nähe aus dem eigenen Leben verschwindet. Das Verstandenwerden, das Verstehen ohne Wertung und ohne Wenn und Aber ist unter Menschen nicht allzu häufig. Wir machen unsere Freundschaften von sehr vielen Dingen abhängig, auch wenn uns das nicht unbedingt bewusst ist. Freundschaften zu pflegen, zu halten und manchmal auch zu kitten ist nicht immer einfach - auch bei sehr miteinander verbundenen Menschen können soziale Faktoren zu Brüchen führen.

Ein Tier kann und darf menschliche Freundschaften nicht ersetzen - aber es hilft ungemein, die Seele zu entspannen. Bei einem Tier gibt es niemals Wertungen, im besten Fall auch von der menschlichen Seite nicht. Wenn ein Freund einer ist, mit dem man schweigen kann, dann ist ein Hund wohl ein echter Freund. Wenn er vollgequatscht wird, stört ihn das allerdings ebenso wenig - er nimmt uns an, wie wir sind. Und wer Hundehalter beobachtet, die schon lange mit ihrem Tier leben, der erkennt, dass sie sich sehr gut ohne Worte verstehen. Man geht auf die Macken des anderen ein - und das beruht tatsächlich auf Gegenseitigkeit.

Ist der Hund nun tot, so ist er deswegen noch nicht wirklich fort - die Leine hängt am Haken, beim Schränkerücken fördert man ein lange verschollenes Spielzeug zutage - und die ersten Wochen traut man sich mit Sicherheit nicht, Fotos anzuschauen, auf denen der Hund zu sehen ist. Man ertappt sich vielleicht auch dabei, beim Spazierengehen das eine oder andere Wort an den nicht mehr vorhandenen Hund zu richten - und beim Einkaufen greift man automatisch nach einer Tüte mit Leckerli. Und dann laufen die Augen über - man kann nichts dagegen tun. Zehn, zwölf, fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit.

Es gibt Leute, die das durchmachten und es dann rigoros ablehnten, sich noch einmal einen Hund zuzulegen. Sie scheuen die Trauer, die unweigerlich wieder auf sie zukommen würde. Das ist verständlich, denn einfach ist das nun wirklich nicht. Aber es gibt auch diejenigen, die es wieder auf sich nehmen. Weil sie wissen, was ihnen diese Freundschaft tatsächlich gegeben hat, weil sie einen "gepflegten Kumpel für gemeinsame Unternehmungen" brauchen, weil einem der schönste Wald oder die herrlichste Wiese ohne Hund nur halb so schön vorkommt und weil es einfach wundervoll ist, zusammen bei jedem Wetter unterwegs zu sein.

Bei diesen Menschen verbreitet nach einiger Zeit der leer gewordene Platz in der Wohnung Trostlosigkeit und Einsamkeit. Man hat nun die Wahl: entweder man stellt ein Regal dort hin, wo der Kumpel nach den Spaziergängen oder der Fütterung zufrieden alle Viere von sich gestreckt hat, oder man sucht einen neuen Hund.

Kein einziger Hund ist wie der andere - selbst wenn es sich um dieselbe Rasse und denselben Farbschlag handelt - jeder ist ein Individuum. Und ein neuer pelziger Hausgenosse ist eine neue Herausforderung, ein spannendes Abenteuer. Nichts und niemand kann den alten Freund ersetzen, er wird in der Erinnerung immer da sein. Aber um Ersatz geht es ja auch nicht - es geht um einen weiteren Freund, der das Leben nun mit einem teilt.

Hat man sich dann endlich dazu entschlossen, nicht ohne Hund leben zu wollen ... denn man war überhaupt nicht froh, dass man bei Regenwetter und Kälte nicht raus musste, sondern man stand tieftraurig am Fenster. Aber wenn man nun gar keinen Grund hat, sich die wetterfeste Jacke zu greifen und loszugehen - dann wird es Zeit, mit der Suche zu beginnen.

Lesen Sie auch den zweiten Teil Die Suche nach dem "richtigen" Hund

© Text "Wenn ein geliebtes Tier stirbt" und Foto: , 2012.

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