Böse Gedanken über das Schenken

Geschenkelisten und ihre Soll- und Haben-Aspekte

Geschenk

"Nächste Woche hat Franz Geburtstag, da muss ich noch ein Geschenk besorgen." Da haben wir es: das Wort "muss". Weil Franz nämlich erwartet, dass er etwas bekommt - schließlich hat er uns auch eingeladen. Außerdem hat er ja auch etwas mitgebracht bei der letzten Feier. Also gut, so ein gewisser Ausgleich sollte wirklich sein. Aber macht das noch wirklich Spaß, wenn einem dieser Termin so siedendheiß einfällt? Man bekommt Nervenzittern, weil man erstens nicht weiß, was man nun schenken soll, und zweitens, weil man sich die Jagd nach einem Präsent durch mehrere Geschäfte antun muss.

Man könnte auch etwas im Internet bestellen - beziehungsweise hätte man tun können, wenn man nicht viel zu lange damit gewartet hätte. Natürlich gäbe es die Möglichkeit, auf Franzens Geburtstag locker zu sagen: "Mein Guter, ich habe etwas für dich bestellt, aber es gibt da Zustellungsprobleme und du kriegst es etwas später." Die Schwierigkeit dabei ist, am süffisanten Grinsen der anderen Gäste vorbeizusehen, denn dass es nun wie eine Ausrede klingt, weiß man selber.

Schenken soll ja Freude bereiten, denkt man sich ... und zwar allen Beteiligten. Aber das ist reines Wunschdenken, denn meist ist die Angelegenheit etwas einseitig. Das lernt man schon als Kind, wenn die mühsam gebastelten Schlüsselbretter und gemalten Karten recht schnell irgendwo verschwinden und nie mehr gesehen werden. Die Erwachsenen kennen allerdings auch das eine oder andere frustrierende Erlebnis, wenn die hübsche Pudelmütze nur mit Todesverachtung übergestülpt und sofort wieder abgenommen wird, sobald das so beschenkte Kind das Haus verlassen hat. Allerdings kann man zu Bedenken geben, dass Kinder zu recht etwas Begeisterung erwarten können, wenn sie sich angestrengt haben. Dass Erwachsene daran glauben, mit einer selbst gestrickten und völlig unangesagten Strickarbeit punkten zu können, grenzt an Realitätsverlust.

Schenken wäre - betriebe man es so, wie es eigentlich gedacht ist - etwas sehr Schönes. Wenn es nur nicht meist dieses Verkrampfte hätte, dieses von Argwohn dominierte, unausgesprochene Reglement. Die Frage, was man jemandem schenkt, der sowieso schon "alles hat", wird irgendwie zur fixen Idee. Die Freude über die Freude des anderen wird in vielen Fällen durch das Klingen einer Registrierkasse ersetzt: "Was habe ich gegeben - und was werde ich dafür bekommen?" Stimmt das Verhältnis nicht, also selbstgebackener Kuchen gegen Parfüm aus dem teuren Drogerietempel, kann das zum kardinalen Thema bei Gesprächen werden. Eigentlich sollte es völlig anders sein, aber das war es wohl nie. Schon die Gaben an die Götter waren Bestechungsversuche - man erwartete da mehr oder weniger etwas ... und wahrscheinlich eher mehr.

Dass etwas erwartet wird dabei, ist ja auch nicht wirklich schlecht, denn wer etwas schenkt, zeigt damit sein Wohlwollen und erwartet das Gleiche. Es ist eine Art von Friedensvertrag, wenn man Geschenke austauscht. Schade nur, dass diese Art der gegenseitigen freundlichen Versicherung zur bloßen Geste geworden ist, ebenso auf dem politischen Parkett wie im Wohnzimmer. "Ein Geschenk machen" sollte auch nichts mit "Opfer bringen" zu tun haben - es geht dabei nicht darum, die letzten Münzen zusammenzukratzen, um etwas für die Hochzeit des Freundes zu kaufen, nur damit niemand die Brauen hochzieht. Wenn man das tut, dann nur, weil es Spaß macht, dem Guten etwas zu schenken und ihm eine Freude zu machen, auch wenn man dafür eine Woche Tütensuppe essen muss.

Es gibt Menschen, die über die Freude eines Beschenkten so glücklich sind, dass sie anfangen zu leuchten wie Laternen - sie lieben es, wenn sich andere über eine kleine Überraschung freuen. Sie erwarten nichts dafür, außer der echten Begeisterung, die sie am Gesicht ablesen können. Ihr Spaß fängt schon an, wenn sie im Geschäft nach etwas stöbern, von dem sie wissen, dass der zukünftige Empfänger es gernhaben wird. Sie machen sich Gedanken darüber, was sie nun kaufen oder auch basteln werden - es hat immer einen persönlichen Bezug. Mit Gesprächen wie: "Also, Sven wünscht sich dies und das - ich kaufe das PC-Spiel und dann könntest du ja die angesagten Stiefel besorgen" können diese begnadeten Schenker nichts anfangen. Sven weiß ja, dass die gesamte Familie für einen völlig abgehakten Wunschzettel sorgen wird - Freude wird hier durch bloßes Kassieren ersetzt. Schließlich ist ja sein Geburtstag oder Weihnachten, und ihm steht das schließlich zu.

Freudige Überraschung ist das Spezialgebiet derjenigen, die es wirklich verstehen, jemanden zu beschenken. Hier ein Wort über etwas, das jemandem gefallen würde, ein Gesprächsfetzen über Ulrike, die Glasfiguren sammelt ... und dann wird ohne große Worte etwas mitgebracht, das man "zufällig" gesehen hat. Zu Weihnachten sollte man sich solche Freunde und Verwandte wünschen - und keine Wunschlistenerfüller.

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© "Böse Gedanken über das Schenken" - ein Textbeitrag von , 2010. Illustration: Thomas Alwin Müller, littleART

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