Kalt serviert - das unpersönliche Mobbing

Über gute und böse Enten

Vielleicht kennen Sie ja diese Situation: es gab nie nennenswerte Probleme, man kam so ziemlich mit allen und allem klar - und dann ... plötzlich ist die junge Frau in der Bäckerei nicht mehr so freundlich wie sonst und eher kurz angebunden. Oder im Kindergarten ist die Erzieherin auf einmal - im Gegensatz zu sonst - nicht gesprächsbereit. Der sonst so leutselige Nachbar grüßt auf einmal nicht mehr, und der beste Freund lässt sich am Telefon verleugnen.

Anfänglich übersieht man das eine oder andere Signal vielleicht und schiebt es einfach darauf, dass nicht jeder jeden Tag gleich gut drauf ist, wie man so schön sagt. Aber dann plötzlich nimmt man den luftleeren Raum wahr, der sich zwischen der eigenen Person und den anderen auftut ... beim Bäcker im Stadtviertel, in der Kita, wenn man die Kinder abholt, oder wenn der wöchentliche Treff mit den Kollegen abgesagt wird - und dann doch stattfindet, ohne dass man davon erfahren hätte. Irgendetwas ist geschehen, das steht fest ... nur was?

Je nach Temperament werden einige Menschen ins Grübeln verfallen, andere gehen direkt auf die Person oder die Gruppe zu, die sich auf einmal so sonderbar verhält. Das Letztere ist mit Sicherheit die bessere Idee, denn wer sich nächtelang schlaflos mit Spekulationen herumwälzt, schadet nur sich selber. Aber gesetzt den Fall, man fragt ... dann wird es wahrscheinlich erst einmal kompliziert. Denn wiederum je nach Temperament und Charakterfestigkeit wird die betreffende Person entweder ableugnen, dass "irgendetwas nicht stimmt", oder aber sie fühlt sich sofort in die Enge getrieben und setzt zum Angriff an.

Im zweiten Fall erfährt man zumindest, worum es eigentlich geht - und man hat das ungute Gefühl, dass einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Denn meist handelt es sich um ein Gerücht, das irgendjemand in die Welt gesetzt hat, und zwar eines, das weitmöglichst von der Wahrheit entfernt ist. Spricht man mehrere Menschen darauf an, erfährt man, dass praktisch jeder alles weiß, nur man selber nicht. Was jetzt jedem zuerst einfällt, nämlich eine wortreiche empörte Verteidigung, ist der größte Fehler, den man in einem solchen Fall machen kann - denn man erreicht nur, dass der Schlamm so richtig das Wasser verdunkelt. Angebracht wäre eine ruhige, freundliche und vielleicht sogar humorige Richtigstellung - aber das schafft kaum jemand in einer solchen Situation.

Wenn Sie nachbohren, um herauszubekommen, wer da solche Dinge über Sie erzählt, werden Sie kaum jemals den wahren Verursacher finden, denn alle haben es nur gehört - von wem, wissen sie allerdings nicht mehr. Und das ist meist nicht einmal gelogen, denn wie schnell eine bloße Vermutung zu einem Teil des gedanklichen Gemeingutes werden kann, soll der folgende Fall zeigen.

Einer Mutter von drei Kindern schlug plötzlich eisige Kälte entgegen, wenn sie in ihrer Wohngegend unterwegs war. Die Kinder wurden zunehmend isoliert, ihre Freunde durften nicht mehr mit ihnen verkehren. Es ging soweit, dass das Jugendamt zu einem Gespräch bat. Die erstaunten Eltern erfuhren dann, dass man sie für Alkoholiker hielt. Was tatsächlich geschehen war, konnte durch einen Zufall ausnahmsweise rekonstruiert werden. Es war schlichtweg darum gegangen, dass die Frau beim Einkaufen jedes Mal eine große Menge Pfandgut zurückgab, was bei einer großen Familie nicht weiter verwunderlich ist. Saft- und Limonadenflaschen vermehren sich da fast von allein.

Der Ausspruch einer Kassiererin "... die bringt jedes Mal Unmengen von Flaschen mit ..." war so übersetzt worden, dass es sich um Bierflaschen handele, obwohl diese Auslegung durchaus nicht beabsichtigt gewesen war. In den Köpfen der Leute setzte sich der Gedanke einer Mutter mit drei Kindern, die fast täglich Schnapsflaschen entsorgt, mit rasanter Geschwindigkeit fest. Und den Kindern musste doch geholfen werden, das ist doch kein Zustand, nicht wahr.

In diesem Fall war keine Verleumdung beabsichtigt, und tatsächlich ist es das bei dieser Art Mobbing selten. Es ist mehr so etwas wie ein gedankenloses Weitergeben von nicht hinterfragten Aussagen. Und da wir alle Menschen sind, steigert sich die dramatische Kolorierung mit jedem Stafettenläufer, der das Gerücht weitergibt. Persönlich gemeint hat es eigentlich niemand, sondern guten Glaubens erst einmal so angenommen und auch so weitergegeben. Und da jeder, der das tat, schon im Vorfeld von der Wahrheit überzeugt war, entwickelte sich eine Promotion, von der Firmen nur träumen können - praktisch in Lichtgeschwindigkeit.

Mit Beleidigungen, Denunziationen oder Rufmord kann jeder von uns konfrontiert werden, ebenso können alle unabsichtlich an so etwas beteiligt sein. Niemals sollte man Informationen gedankenlos weitergeben, sondern diese stets so weit wie möglich prüfen. Ist die Falschmeldung erst einmal verbreitet, wird es schwierig, Geschehenes wieder in Ordnung zu bringen. Da braucht es jede Menge Courage - nicht nur um standzuhalten und zu dokumentieren, dass die Wahrheit eine andere ist, sondern auch den Mut zu einer Entschuldigung und Richtigstellung zu haben.

"Es tut mir sehr leid, aber ich habe da voreilige Schlüsse gezogen." Das ist etwas, das man sagen kann, denn irren können wir alle. Es ist nur gut, wenn man das einsieht und zugibt, bevor großer Schaden angerichtet ist.

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© "Kalt serviert - das unpersönliche Mobbing" - ein Textbeitrag von , 2011.

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