Der Geist in der WarteschlangeBeobachtungen von Eleonore Radtberger |
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Sie kennen diese Trägheit, wenn man sich mit dem Warten abgefunden hat? Ein Zustand der Ruhe in gewisser Weise... er hat etwas Schläfriges und die Gedanken machen Stippvisiten hier und da. Dann stockt das Vorwärtskommen in auffälliger Weise, und man sieht nach vorne, um herauszufinden, woran es liegt. Das hatte ich auch getan an diesem Tag, und was ich dann sah, glaubte ich erst einmal nicht. Ich glaubte es so wenig, dass ich die Situation hinnahm - was mir noch heute Leid tut. Was genau war passiert? Vor mir stand eine ältere Frau, die sich standhaft weigerte, die Schritte zu machen, die notwendig waren, um zum Vordermann aufzuschließen, wie das üblich ist. Zwischen ihr und eben diesem Mann, einem jungen Farbigen, klaffte eine Lücke von gut drei Metern. Hinter mir drängelten sich die anderen Wartenden, sie konnten den neu hinzugekommenen keinen Platz machen und von draußen kam kalte Luft herein, weil die automatische Türe pausenlos aufging.
Normalerweise hätte ich etwas gesagt, vielleicht auch etwas eher Dummes... so in der Art: "Warum rücken Sie nicht auf, Gnädigste? Glauben Sie etwa, dass da etwas abfärbt?" Oder vielleicht auch: "Wo liegt eigentlich Ihr Problem, gute Frau?" Etwas Intelligentes wäre mir wahrscheinlich nicht eingefallen. Tatsächlich starrte ich auf den Mann, auf den leeren Raum zwischen ihm und der Frau und sah das Gespenst, das ich fürchte, zum ersten Mal aus der Nähe. Ich war völlig hilflos, denn mir gingen sehr viele Dinge durch den Kopf und der "Fremdschämfaktor" war sehr hoch, obwohl der ruhige junge Mann sich großartig hielt. Widerwillig bewunderte ich sogar die Unverschämtheit der Frau, diese Schamlosigkeit, mit der sie öffentlich zeigte, dass sie nicht in die Nähe eines Menschen kommen will, der anders ist als sie. Wenngleich sie das Anders-Sein höchstwahrscheinlich ausschließlich an der Hautfarbe festmachte. Bestehende Gemeinsamkeiten, so wie etwa die gleichen Hobbies, konnte sie schon nicht mehr wahrnehmen dieser Barriere wegen. Außerdem lief sie Gefahr, jemanden wie mich in der Nähe zu haben, der normalerweise eine öffentliche Diskussion eröffnet hätte... nur leider jetzt schwieg - paralysiert von dem Gespenst, das die Frau beschworen hatte und das ich leibhaftig vor mir sah.
Der Vorfall geht mir nicht mehr aus dem Kopf - ich frage mich noch immer, was geschehen wäre, wenn ich fähig gewesen wäre, etwas zu sagen. Wie viele der Anwesenden wären wohl auf unserer - meiner und der des Mannes - Seite gewesen? Wir kennen die Berührungsängste der Menschen dem Fremden gegenüber, welche in schlechten Zeiten zu ausgesprochenem Rassismus werden können - diese lauernde Xenophobie. Aber nicht viele von uns haben sie schon gesehen, schon gar nicht als diese ruhige Selbstverständlichkeit, die so viel furchterregender ist als ein dämlicher Witz über "Schwarze" oder so etwas. Sie wusste, was sie tat, diese Frau - das schlimme ist, DASS sie etwas tat. Und ich - und die anderen, die denken wie ich... wir taten nichts. Welche Meinung haben Sie zu diesem Beitrag? Welche Erlebnisse hatten Sie?
© Ein Beitrag von Eleonore Radtberger für Pressenet Lesen Sie auch Spätestens im Advent
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