Der Geist in der Warteschlange

Beobachtungen im Schalterraum der Post

Etwa 17 Uhr und im Schalterraum der Post ist eine Menge Betrieb. Nicht alle Plätze hinter dem großen Tresen sind besetzt und die Schlange der Wartenden ist sehr lang. Viele geben noch ein Päckchen auf, kommen noch schnell vor Schalterschluss, um irgendetwas zu erledigen, das nicht am Terminal gemacht werden kann. Päckchen, Briefe, Überweisungen und was so alles anfällt. Man kennt das und richtet sich auf eine gewisse Wartezeit ein, deren Spanne von vielen Faktoren abhängt.

Sie kennen diese Trägheit, wenn man sich mit dem Warten abgefunden hat? Ein Zustand der Ruhe in gewisser Weise ... er hat etwas Schläfriges und die Gedanken machen Stippvisiten hier und da. Dann stockt das Vorwärtskommen in auffälliger Weise, und man sieht nach vorne, um herauszufinden, woran es liegt. Das hatte ich auch getan an diesem Tag, und was ich dann sah, glaubte ich erst einmal nicht. Ich glaubte es so wenig, dass ich die Situation hinnahm - was mir noch heute Leid tut.

Was genau war passiert?

Vor mir stand eine ältere Frau, die sich standhaft weigerte, die Schritte zu machen, die notwendig waren, um zum Vordermann aufzuschließen, wie das üblich ist. Zwischen ihr und eben diesem Mann, einem jungen Farbigen, klaffte eine Lücke von gut drei Metern. Hinter mir drängelten sich die anderen Wartenden, sie konnten den neu hinzugekommenen keinen Platz machen und von draußen kam kalte Luft herein, weil die automatische Türe pausenlos aufging.

Das Ganze hat sich in meinem Kopf wie eine Art Film gespeichert: Die Frau mit durchgedrücktem Rücken (sie wusste ganz genau, dass sie alles blockierte), und der Mann, der vorne stand und versuchte, unbeteiligt und gelassen zu wirken. Auch er wusste, was da hinter ihm passierte. Die meisten von uns mögen so etwas nicht - wir ziehen die Brauen hoch, wenn wir die meist nicht einmal böse gemeinten, aber dümmlich ethnischen Witze hören, in denen es eindeutig um Fremdenfeindlichkeit und Rassismus geht. Was wir darüber wissen, haben wir aus den Nachrichten gehört, die von Übergriffen berichten, oder von den Erzählungen der Alten, und wir erkennen es in den ganz alltäglichen Sprüchen der Leute.

Normalerweise hätte ich etwas gesagt, vielleicht auch etwas eher Dummes ... so in der Art: "Warum rücken Sie nicht auf, Gnädigste? Glauben Sie etwa, dass da etwas abfärbt?" Oder vielleicht auch: "Wo liegt eigentlich Ihr Problem, gute Frau?" Etwas Intelligentes wäre mir wahrscheinlich nicht eingefallen. Tatsächlich starrte ich auf den Mann, auf den leeren Raum zwischen ihm und der Frau und sah das Gespenst, das ich fürchte, zum ersten Mal aus der Nähe. Ich war völlig hilflos, denn mir gingen sehr viele Dinge durch den Kopf und der "Fremdschämfaktor" war sehr hoch, obwohl der ruhige junge Mann sich großartig hielt.

Widerwillig bewunderte ich sogar die Unverschämtheit der Frau, diese Schamlosigkeit, mit der sie öffentlich zeigte, dass sie nicht in die Nähe eines Menschen kommen will, der anders ist als sie. Wenngleich sie das Anders-Sein höchstwahrscheinlich ausschließlich an der Hautfarbe festmachte. Bestehende Gemeinsamkeiten, so wie etwa die gleichen Hobbys, konnte sie schon nicht mehr wahrnehmen dieser Barriere wegen. Außerdem lief sie Gefahr, jemanden wie mich in der Nähe zu haben, der normalerweise eine öffentliche Diskussion eröffnet hätte ... nur leider jetzt schwieg - paralysiert von dem Gespenst, das die Frau beschworen hatte und das ich leibhaftig vor mir sah.

Hinter mir war Stille, völlig untypisch für eine Warteschlange in der Post. Dann war er fort, ging zu einem der freundlichen Postmitarbeiter, der gerade frei geworden war. Ich hatte zwar den Gedanken, zwischen mich und die Frau einen großen Abstand zu legen ... eine Art Symbol - aber das wäre völlig wirkungslos verpufft. Die Leute hinten hätten nicht gewusst, was das nun wieder sollte - und der junge Mann schien auch keinen Wert auf eine Szene zu legen. Es könnte sein, dass ich ihm mit einer - wie auch immer gearteten - Aktion eher geschadet hätte. Aber tatsächlich ging es nicht um ihn als Person, die kannte ja keiner. Es ging auch nicht um die Frau als Person - es ging um etwas anderes. Eine Geisteraustreibung hätte stattfinden sollen - aber niemand war vorbereitet.

Der Vorfall geht mir nicht mehr aus dem Kopf - ich frage mich noch immer, was geschehen wäre, wenn ich fähig gewesen wäre, etwas zu sagen. Wie viele der Anwesenden wären wohl auf unserer - meiner und der des Mannes - Seite gewesen? Wir kennen die Berührungsängste der Menschen dem Fremden gegenüber, welche in schlechten Zeiten zu ausgesprochenem Rassismus werden können - diese lauernde Xenophobie. Aber nicht viele von uns haben sie schon gesehen, schon gar nicht als diese ruhige Selbstverständlichkeit, die so viel furchterregender ist als ein dämlicher Witz über "Schwarze" oder so etwas. Sie wusste, was sie tat, diese Frau - das schlimme ist, DASS sie etwas tat. Und ich - und die anderen, die denken wie ich ... wir taten nichts.

Welche Meinung haben Sie zu dieser Geschichte? Welche Erlebnisse hatten Sie? Nehmen Sie mit uns Kontakt auf ... gerne auch anonym: Nachricht senden

© "Der Geist in der Warteschlange - Beobachtungen im Schalterraum der Post" - ein Textbeitrag von , 2011.

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