Leseprobe aus "Die Spur des Emirs"

Ein apulischer Roman der Autorin Ursula Janßen

Die Spur des Emirs

Zum Inhalt des historischen Romans:

Die Historikerin Lia reist wegen eines Todesfalls nach Apulien und verbringt dort einige Wochen mit ihrer Tante, die eine Masciàre ist, eine traditionelle Kräuterkundige. Mit ihrer archaischen Lebensweise und ihrer verschmitzten Lebensweisheit fasziniert sie Lia zunehmend. Als Historikerin kann sie es nicht lassen, den Geschichten und Legenden, die ihre Tante erzählt, auf den Grund zu gehen.

Zusammen mit ihrer neuen Freundin Alessandra, einer antiquarischen Buchhändlerin, kommt sie Erstaunlichem auf die Spur, das sie am Ende zur Wiederentdeckung verloren geglaubter arabischer Manuskripte führt. Die historische Recherche der Frauen ist eingeflochten in die Beschreibung apulischer Lebensweise, Stätten, Legenden und Bräuche. Die historischen Daten entsprechen, soweit bekannt, den Tatsachen.

Das Taschenbuch von Ursula Janßen weist 221 Seiten auf und wurde im Juni 2018 veröffentlicht. "Die Spur des Emirs" gibt es auch als E-Book.

Leseprobe aus "Die Spur des Emirs":

Nach dem Abwasch sagte Zia Jann: "Wir haben noch viel Zeit bis Mitternacht. Bis dahin würde ich euch gerne eine Geschichte erzählen, die in der Familie eine lange Tradition hat. So lange könnt ihr auch noch bleiben und zuhören, Nico und Alessandra. Die Geschichte wird seit Generationen von Mutter zu Tochter weitergegeben, aber mir waren ja leider keine Kinder vergönnt. Es heißt, dass hinter der Geschichte ein wahrer Kern stecke, der mit unserer Familiengeschichte zu tun hat. Es geht um einen Schatz, einen wahren, um einen Stein, der einem zu Reichtum und Glück verhelfen kann. Ich glaube nicht an Glück durch Reichtum wie ihr wisst, aber vielleicht ist ja auch gar kein materieller Reichtum gemeint. Die Geschichte von 'Tummà u Sgummà' kommt aus dem Mittelalter, aus der Zeit der arabischen Herrschaft in Bari."

"Aus der Zeit der arabischen Herrschaft in Bari?", wiederholte Alessandra fragend.

"Klar", konnte diesmal Lia punkten. "Bari war im 9. Jahrhundert für einige Jahrzehnte ein muslimisch regiertes Emirat, ebenso wie Sizilien, nur eben nicht so lange."

"Dann spielt die Geschichte eben im 9. Jahrhundert. Also, Tummà war ein Mann aus der Sippe der Sgummà", fuhr die Tante fort. "Er kam aus der Gegend von Bari und hatte eine riesige Nase. Daher hatte ihm eine gute Fee ein großes verzaubertes Taschentuch geschenkt. In manchen Versionen ist es statt der guten Fee eine Prostituierte. Ich glaube, das mit der Fee ist die Kinderversion. Dieser Tummà ging nun aus Bari fort ins apulische Landesinnere, also in etwa in diese Gegend hier, um den verlorenen Schatz der giacomini zu suchen."

"Wer sind die giacomini?", unterbrach diesmal Lia.

"Meine Großmutter, Gott habe sie selig, sagte immer, dass es Sarazenen seien", antwortete die Tante.

"Giacomini sind Araber? Warum werden sie so genannt? Giacomo ist doch ein christlicher Name?"

"Ich weiß es nicht. So wurde es mir von meiner Großmutter erzählt, und davor ihr."

"In Ordnung, entschuldige, fahr fort."

"Der Schatz sollte aus einem Stein mit besonderen Fähigkeiten bestehen. Tummà aber konnte diesen Schatz, der in einer Höhle versteckt sein sollte - ihr wisst, besonders du, Alessandra, hier gibt es überall Höhlen und Grotten und unterirdische Gänge - , nicht finden und begann daraufhin heftig zu weinen. Als er sein magisches Taschentuch zückte, wuchsen überall dort, wo seine Tränen gefallen waren, Olivenbäume. Deshalb wachsen der Legende nach hier so viele Olivenbäume. Da erschien ihm ein laurieddhu und versprach ihm, den gesuchten Schatz finden zu helfen. Aber trau niemals einem laurieddhu!"

Lia musste ihre Tante erneut unterbrechen. "Und was ist ein laurieddhu?"

"Manchmal nennt man sie auch lauru und ein bisschen weiter im Süden nennt man sie munachicchi, Mönchlein. Auf jeden Fall sind sie Wesen, die einen Schatz bewachen und Streiche spielen. Es gibt viele Geschichten von ihnen. Sie sind wie kleine Menschen, leben in Höhlen und unter Steinen und tragen große Kapuzen. Nachts kommen sie und lassen die Hunde frei oder flechten jungen Mädchen und Pferden heimlich kleine Zöpfe ins Haar, während sie schlafen. Sie sind gerissen und geben ihre Geheimnisse niemandem Preis, außer man zieht ihnen die Kapuze vom Kopf oder hält sie an der Nase fest, die auch sehr groß ist, wie die von Tummà. Und sie haben Angst vor Knoblauch und offenen Scheren."

"Mit letzterem haben sie ja recht. Sie sind also so eine Art Kobold, und der Schatz ist am Ende des Regenbogens."

"Fast. Nur dass diese Geschichte eben einen wahren Kern hat. Darauf besteht zumindest die Familientradition."

"Im Ernst? Haben das nicht alle Legenden?"

"Bei Schätzen wäre ich eher vorsichtig. Du hast doch schon bemerkt, dass hinter jeder zweiten Geschichte hier ein Schatz steckt. Prosperita umana, sospetta e vana - menschlicher Wohlstand ist verdächtig und vergänglich. In diesem Fall soll es sich ja, wie gesagt, nicht um Gold handeln, wie sonst meistens. Jedenfalls bringt Tummà diesen laurieddhu dazu, das Versteck des Schatzes zu verraten, der in einer Höhle versteckt ist, und den Olivenbaum, der genau vor dem Eingang der Grotte steht, mit einem roten Band zu markieren, so dass Tummà am nächsten Morgen wiederkommen kann, um den Schatz zu heben. Dem laurieddhu nimmt er das Versprechen ab, das Band während der Nacht nicht zu entfernen. Als Tummà allerdings am folgenden Morgen wiederkommt, ist um den Stamm eines jeden Olivenbaums, von denen es nun dank seines magischen Taschentuchs tausende gibt, ein rotes Band geschlungen. Und so bleibt der mysteriöse Schatz bis heute verborgen."

"Und das glaubst du im Ernst?", fragte Nico.

"Wo denkst du hin? Aber meine Großmutter, die selber noch wirklich an laurieddhu glaubte, auch wenn mein Vater sie dafür schalt, uns solche Geschichten zu erzählen, war fest davon überzeugt, dass es den Zauberstein der giacomini versteckt in einer Grotte wirklich gebe."

"Klingt eher nach einem schlechten Abenteuerfilm", bemerkte Nico.

"Und wo, meinst du, haben die Autoren deiner schlechten Abenteuerfilme ihre Ideen her? Den Stein, der bei Tarent vom Himmel gefallen ist, gibt es ja auch, ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen, ob er nun vom Himmel gefallen ist oder nicht, aber es gibt Menschen, die daran glauben, also hilft er ihnen. Du hast doch Geschichte studiert, Lia. Finde heraus, was es mit dieser Geschichte auf sich hat, wo der wahre Kern liegt, und warum unsere Familie seit Generationen darauf besteht." ...

© Für die Verwendung der Leseprobe aus "Die Spur des Emirs" und des Coverbildes sagen wir Ursula Janßen herzlichen Dank. Die Archäologin und freie Autorin lebt in der südöstlichen italienischen Region Apulien und veröffentlicht auf ihrem Blog in englischer Sprache

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