Der Zweikampf (Griechische Mythologie)

Erzählung der Autorin Ulla Schmid

Hektor Cassandra

Endlich standen sie sich gegenüber. Auf diesen Moment hatte der schrecklichste und furchtloseste Krieger der Griechen, Achilles, so lange gewartet. Warum war er auch schmollend in seinem Zelt gesessen? Er hatte doch mitgekriegt, dass die Griechen einen Kampf nach dem anderen verloren, da Hektor, der Tapferste der Trojaner, sie anführte. Dieser Hektor war die große Hoffnung der Trojaner, und ohne ihn war die trojanische Armee ziemlich aufgeschmissen.

Der ganze Schlamassel hatte damit angefangen, dass Agamemnon, der Anführer der Griechen, ihm, Achilles, die Tochter des Priesters Chryses, Chryseis, die er lieb gewonnen hatte, genommen hatte. Achilles sagte dem Agamemnon, er würde erst wieder in den Kampf einsteigen, wenn er Chryseis an ihn zurückgeben würde. Wie zu erwarten, hatte Agamemnon abgelehnt. Die Griechen wirkten wie gelähmt und es sollte wohl so aussehen, als ob die Trojaner doch noch den Krieg um Helena, die spartanische Königin, die freiwillig mit Paris nach Troja gezogen war, gewinnen sollten. Im Grunde genommen ging es schon lange nicht mehr um Helena - der unermessliche Reichtum Trojas weckte Begehrlichkeiten. Frauenraub war in dieser Zeit normal. Dazu wütete im Lager der Griechen die Pest und irgendwie hatten die Trojaner wieder Hoffnung geschöpft, ihre Stadt retten zu können. Aber nicht nur von Kassandra, der Priamos-Tochter, war der Untergang der Stadt prophezeit worden.

Der beste Freund des Achilles, Patroklos, hatte dann Achilles um Erlaubnis gebeten, seine Uniform anziehen zu dürfen, um als vermeintlicher Achilles die Kämpfe für die Griechen entscheiden zu können. Achilles hatte eingewilligt.

Unter dem Jubel der Trojaner hatte Hektor den vermeintlichen Achilles erschlagen und Achilles schaltete sich wieder in den Kampf ein. Hektors Irrtum wurde ihm nur zu bald bewusst. Achilles ganzes Sinnen drehte sich nur darum, Hektor zu bezwingen und jetzt war es soweit. Hektor, der Liebling der Götter, dessen Schicksal jetzt besiegelt war. Lange genug hatte es gedauert. Achilles hatte die Krieger des Hektor hinter die Stadtmauern Trojas zurückgescheucht und nur Hektor hatte es nicht geschafft. Das ließ ihn ahnen, dass sein Ende jetzt bevorstand und er gegen Achilles nichts ausrichten konnte.

Sein Mut und seine Tapferkeit verließen ihn, als er seinem Gegenüber in die Augen sah, und so floh er - dreimal jagte Achilles ihm um die Stadtmauer Trojas nach, bis sich Hektor endlich zum Zweikampf stellte. Mit jedem anderen hätte er es aufgenommen, nur nicht mit diesem.

Auf der Stadtmauer standen Andromache, Hektors Frau, den gemeinsamen kleinen Sohn Astyanax auf dem Arm, sowie Priamos und Hekabe, Hektors Eltern, und die meisten seiner Geschwister, darunter seine Schwestern Kassandra und Polyxena, sowie Paris, sein Bruder.

Zunächst schlug sich Hektor recht tapfer, aber dann führte Achilles den entscheidenden Schlag gegen Hektor und dieser sank tödlich getroffen nieder. Achilles in seinem Hass vergaß jedwede menschliche Regung, band den Leichnam des Hektor an seinen Streitwagen und umrundete mit diesem mehrmals die Stadtmauern Trojas.

Nicht nur Andromache stand wie versteinert da. Endlich machte Kassandra, ihre Schwägerin, dem ein Ende und Andromache ließ sich von ihr wegführen. Wie eine Marionette ließ sie alles mit sich geschehen, Hektors Sohn an sich gepresst. Nicht nur, dass ihr Hektor tot war, sondern dass sein Leichnam derart geschändet wurde, war mehr als sie ertragen konnte. Sie hatten sich geliebt und so viele Jahre hatten sie glücklich gelebt und eine gute Ehe geführt.

Erst als Helena bei ihnen aufgetaucht war, begann das Unheil. Selbst Hektor, der zu Beginn ihres Hierseins immer darauf gedrängt hatte, dass Helena wieder nach Sparta zurückgeschickt werden sollte, war dann umgeschwenkt und alle hatten Helena als Frau des Paris akzeptiert, da sie betonte, aus freien Stücken in Troja zu sein und nur einen Gemahl habe - den Paris.

Mit dem Fall Hektors stand auch Achilles eigener Fall und der Fall Trojas kurz bevor. Endlich beendete Achilles sein grausames Treiben - wahrscheinlich durch Eingreifen des Zeus.

Nun lag der Leichnam Hektors im Lager der Griechen und Priamos schlich sich nachts in Sack und Asche in deren Lager, um sich den Leichnam seines Sohnes zu erbetteln.

Achilles dachte sich eine neue Gemeinheit aus: Er wollte Hektors Leichnam in Gold dargewogen zurückgeben. Priamos war nicht in der Lage, dieses Ansinnen abzulehnen, wollte er seinen Sohn zurückhaben. Und so fand vor den Toren Trojas ein makabres Schauspiel statt. Eine riesige Waage wurde aufgebaut, auf der einen Seite der Waage lag Hektor, auf der anderen das geforderte Gold. Was mag in Priamos, Hekabe und den Geschwistern Hektors vorgegangen sein, als sie diesem Treiben zusehen mussten? Andromache wohnte aus verständlichen Gründen diesem furchtbaren Schauspiel nicht bei. Den Griechen schien der Goldvorrat, den Priamos aufbot, seinen toten Sohn auszulösen, unermesslich. Immer noch senkte sich die Seite, auf der Hektor lag, nach unten. Immer mehr Gold wurde gebracht und endlich hielten sich die beiden Seiten der Waage auf gleicher Höhe. Und immer noch hatte Achilles nicht genug; er forderte eine der Töchter des Priamos, es soll Polyxena gewesen sein, für sich - als Sklavin.

"Ich bin Polyxena, Tochter des Priamos. Wer bist du, dass du mich als Sklavin forderst?", schleuderte sie ihm entgegen. "Du hast jetzt dein Gold und nun geh und lass uns unseren Bruder und meine Eltern ihren Sohn bestatten."

Still und gemessen drehte sich die trojanische Königsfamilie um, ging in ihre nicht mehr lange bestehende Stadt zurück und in einem bewegenden Trauerritual konnten sie Hektor beweinen und bestatten.

Alle Bücher von Ulla Schmid auf ihrer Autorenseite

© Text zu "Der Zweikampf (Griechische Mythologie)": Autorin Ulla Schmid. Die Abbildung zeigt Hektor und Kassandra, Detail auf einem antiken Trinkgefäß (Zeit: um 425/420 v. Chr.). Lizenz: gemeinfrei, Urheber: Jastrow

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