Anchises und Aeneas (Griechische Mythologie)

Erzählung der Autorin Ulla Schmid (Teil I)

Anchises und Aeneas (Griechische Mythologie)

Anchises starrte voll Stolz auf seinen Sohn Aeneas, einen schönen jungen Mann, der eine Tochter des Königs Priamos, Kreusa, heiratete. Nun ja, war doch die Göttin Aphrodite seine Mutter, was Aeneas erst kurz vor seiner Heirat erfahren hatte. Immer wieder hatte er als Kind nach seiner Mutter gefragt und Anchises wusste, dass er es ihm ein Mal sagen musste und dann würde er auch erfahren, warum sein Vater gelähmt war. Anchises konnte sich nicht genug Vorwürfe machen. Warum hatte er auch mit der Liebe der wunderschönen Göttin der Liebe und Zeustochter Aphrodite prahlen und angeben müssen!

Was war nur in ihn gefahren, den Menschen seiner Umgebung zu erzählen, dass sich Aphrodite ihm genähert hatte und sie für ihn entbrannt sei. Er konnte sein Verhalten nur damit erklären, dass er besoffen war, als er mit der Liebe der Göttin angegeben hatte. Aphrodite und Zeus hatten ihm doch nahegelegt, nichts von der Liebe der Göttin verlauten zu lassen. Mit der Liebe von Göttern bzw. Göttinnen sollte man sowieso vorsichtig sein. Aphrodite gebar ihren und seinen Sohn und ließ das Kind bei seinem Vater. Aber er wusste, dass sie immer in seiner Nähe war, nicht seinetwegen, sondern Aeneas' wegen.

Anchises schaute sich das Getümmel dieser Hochzeit an und ließ suchend seine Blicke schweifen, in der Hoffnung, Aphrodite, die er immer noch liebte, zu sehen. Er war sich sicher, dass sie hier unter den Gästen saß, konnte sie aber nicht erkennen, denn Aphrodite liebte es, sich den Menschen in verschiedenen Gestalten zu zeigen. Aber Anchises konnte, trotz aller Anstrengung, hinter der einen oder anderen Person Aphrodite erkennen zu wollen, niemanden ausmachen, der dafür in Frage kam, in der Rolle der Göttin unerkannt aufzutreten. Wie gerne hätte er mit ihr gesprochen, hätte sie gebeten, von ihrem Vater Zeus, der ihm durch einen Blitzschlag diese Lähmung hatte zukommen lassen, die Zurücknahme dieser zu erbitten. Immer wieder hatte er es versucht, aber Aphrodite konnte oder wollte nichts bei Zeus für ihn erreichen.

Stolz und Liebe zu dem Götterkind und Zeusenkel, aber auch Schmerz, Trauer, Angst, die sich zu Panikattacken steigerte, und dunkle Ahnungen befielen ihn, den Anchises, wenn er seinen Sohn betrachtete. Wusste er, Anchises, wirklich, was diesem Sohn bevorstand? Er dachte an die Warnungen der Prinzessin Kassandra, der Primaos-Tochter, die den Untergang Trojas vorhersagte, und niemand glaubte ihr. Weil diese den Gott Apoll abgewiesen hatte, hatte dieser ihr die Wahrsagergabe nehmen wollen, aber da sie diese Gabe nicht von ihm erhalten hatte, konnte er sie ihr auch nicht wieder nehmen. Darum hatte er veranlasst, dass ihren Weissagungen niemand glaubte. Immer war eingetroffen, was sie prophezeit hatte, aber im Palast verspotteten sie Kassandra, sie sei wahnsinnig, und im Übrigen sei das doch nur Zufall gewesen.

Kassandra! Wenn Anchises Genaueres wissen wollte, musste er die Gelegenheit bekommen, mit ihr zu sprechen. Bald hatte er die Prinzessin gefunden, sie saß in einer Nische, von niemandem beachtet. Aber er erschrak, als er sie sah. Diese musste gerade wieder einen Blick in die Zukunft geworfen haben, denn ihr Gesichtsausdruck war so schrecklich, voller Entsetzen, die Augen starr und ihre ganze Körperhaltung versteinert. Erneut verfluchte er seine Lähmung, denn er konnte nicht zu ihr und es war unwahrscheinlich, dass sie sich gerade jetzt seiner entsann. Dabei hatte er keine Ahnung, dass Kassandra genauso jemanden gebraucht hätte, mit dem sie hätte reden können. Sie musste sich sehr beherrschen, um nicht in diese heitere, lustige Hochzeit hineinzuschreien, was sie gerade sah. Anchises wandte sich wieder seinem Weinbecher zu. Er fand, das war das Beste, was er gerade tun konnte, und der Wein machte ihn auch gelassener. Er konnte sowieso nichts ändern an dem, was die Götter beschlossen hatten.

Priamos hatte von seiner Hauptfrau Hekabe und seinen Nebenfrauen viele Söhne und Töchter, und der älteste Sohn Hektor, den er mit Hekabe hatte, würde ihm eines Tages auf den Thron von Troja nachfolgen. Aber auch Primaos wurde prophezeit, dass Troja zerstört würde und keiner seiner Söhne den Thron von Troja einnehmen sollte und dass Aeneas der Mann war, dem nach vielen Mühsalen eine glänzende Zukunft in Italien, dem Herkunftsland der Trojaner, beschieden sein sollte.

Den zweiten Teil lesen Sie hier Anchises und Troja

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© Text zu "Anchises und Aeneas (Griechische Mythologie)": Autorin Ulla Schmid. Die Abbildung zeigt das Gemälde "Aeneas trägt Anchises" des französischen Malers Charles André van Loo (1729), Quelle: Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei

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