Dachs und Fuchs - Der Gepfählte Räuber

(1. Teil der Quintologie)

Dachs und Fuchs - Der Gepfählte Räuber

Nimmi biss sich auf die Lippen, um das, was ihr auf der Zunge lag, nicht herausschreien zu müssen. Missmutig drehte sie geschickt, aber widerwillig, Binsen zu groben Dochten für die Lampen zusammen, während ihre Mutter mit schweißüberströmtem Gesicht den großen Ofen überwachte, der die kostbaren Kuchen für den morgigen Markttag enthielt. Das alte geschwärzte Riesending war ziemlich tückisch, und nur Enkla konnte richtig mit ihm umgehen. Das war der Grund, warum die Frau des Wirtes noch zu dieser Stunde in der großen Küche arbeitete.

Normalerweise waren nur noch die drei Mägde mit Aufräumen und Saubermachen beschäftigt um diese Zeit. Aber morgen war Ginsterfest, und da wurden viele Gäste erwartet. Nicht, dass Enkla nicht müde gewesen wäre, sie war ebenso lange auf den Beinen wie das Gesinde, aber das half nun nichts, denn die Kuchen wurden morgen gebraucht.

Was Nimmi so wütend machte, war nicht die Tatsache, dass sie alle wohl noch bis Mitternacht arbeiten würden, sondern dass der Wirt selber mit den früh angekommenen Händlern in der Schankstube saß und Reden schwang. Die jüngste Magd ließ alles liegen und rannte rasch hinaus, sobald sie die lauten Rufe nach Wein hörte, und brachte gefüllte Kannen zu den Männern.

Erbittert dachte Nimmi daran, dass der "Gepfählte Räuber" morgen früh ohne den Wirt auskommen musste, weil der in der Kammer schnarchen würde. Enkla und die Mägde würden die schweren Platten aufstellen und alles für den Ansturm der Gäste vorbereiten, und das beim ersten Hahnenschrei.

Mehr als einmal hatte das Mädchen gefragt: "Warum tust du das, warum sagst du ihm nicht, dass er sich selber kümmern soll?" Die Mutter sagte nie etwas dazu, meistens seufzte sie nur auf oder meinte: "Lass gut sein, Nimmi, er ist kein schlechter Mensch."

"Oh nein", dachte das Mädchen, "er ist herzensgut. Vor allem, wenn er zu besoffen ist, um den Riemen zu finden, mit dem er mich vertrimmt."

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Der dicke Wirt mit dem schütteren Haar und dem roten Gesicht war zwar kein Raufbold, aber er hatte seine eigenen festgefügten Grundsätze. Sein Weltbild war einfach und ließ niemanden großen Spielraum für Abweichungen. Insbesondere, was die Stellung und die daraus resultierenden Aufgaben der Geschlechter betraf, war Sarrelt nicht bereit, unziemliches Verhalten zu dulden, wie er sagte. Weiber waren für die Küche, die Aufzucht der Kinder und für die Wirtschaftsbesorgung im Allgemeinen da. Sie hatten zu arbeiten und die Männer zu unterstützen, ohne ihnen dreinzureden.

Er erwartete von Enkla, seiner Frau, dass sie das Gesinde beaufsichtigte und dabei selber genauso hart arbeitete wie die Mägde und Knechte. Er war ein harter Mann, der Wirt des "Gepfählten Räubers". Nimmi erinnerte sich voll Abscheu an sein zorniges Gesicht, wenn seine Frau keine Haube trug, die ihr Haar verdeckte. Als Nimmi sechzehn geworden war, hatte er mit Argusaugen darüber gewacht, dass sie sich "schicklich" betrug. Ihr Rücken schmerzte noch heute, wenn sie daran dachte, wie er sie verprügelt hatte, weil sie mit hochgewickeltem Rock über den nahen Bach gesprungen war, um den Weg mit der Wäschewanne abzukürzen.

Nimmi

Ein andermal hatte er mitbekommen, wie sie sich mit dem Stalljungen geprügelt hatte, weil dieser mit Steinen nach dem alten Hofhund geworfen hatte. Nach der Bestrafung wurde sie ohne Abendbrot in ihre Kammer geschickt, die sie mit den Mägden teilte. Als sie vor Zorn schluchzend im Dunkeln lag, spürte sie, wie jemand sie sacht an der Schulter berührte. Plötzlich glitt ein Kanten Brot und ein ordentlicher Batzen Käse auf die Bettdecke. Enkla hatte sich hochgeschlichen. Nach dieser Rauferei zischte der rotznasige Kerl jedes Mal "Kerenlai-Stute" hinter ihr her, doch Nimmi würdigte ihn nie einer Antwort.

Mochte er denken, was er wollte, aber die Kriegerinnen der Keren, des Gebirgsvolkes, müssen sicher nicht mit Röcken herumlaufen und Brunnenwasser schleppen. Nimmi hatte noch nie eine der Frauen der Keren gesehen, obwohl öfter Gruppen von ihnen hier durchkamen auf ihrem Weg zu den Ebenen und den großen Städten. Denn die übernachteten nie im Wirtshaus. Sarrelt hätte das wohl sicher nicht gern gesehen.

Aber am Allerschlimmsten war es, als Sarrelt sie erwischte, wie sie gerade vom Fischen kam. Sie liebte es, noch vor Sonnenaufgang den Hof zu verlassen und unten am See zu angeln. Nach den Vorstellungen des Wirtes war das keine Weibersache, und es hätte sowieso Prügel gesetzt. Aber sie hatte Hosen getragen - dreiviertellange Lederhosen, wie alle Burschen sie trugen. Nimmi mochte die langen hinderlichen Röcke nicht, sie waren fürchterlich unbequem bei der Arbeit, und beim Fischen erst recht.

Sarrelt hatte erst gar nicht nach dem Riemen gesucht, er hatte nach der erstbesten Latte gegriffen und so auf das Mädchen eingeschlagen, dass es zu Boden ging. Aber plötzlich hatte Enkla wie aus dem Boden gewachsen da gestanden. Sie schob sich zwischen Nimmi und ihren Peiniger und wich nicht mehr von der Stelle. Wie im Fieber sah Nimmi, dass Enkla völlig aufrecht vor dem Wirt stand, und nicht etwa wie sonst den Kopf gesenkt und die Schultern gebeugt hatte.

"Mutter ist ja größer als er", schoss es dem Mädchen durch den Kopf, bevor es ohnmächtig wurde. Immer wenn sie später über diesen Eindruck nachdachte, glaubte sie, dass es so etwas wie eine Einbildung gewesen war - eine Täuschung. Nach diesem Vorfall hütete Nimmi fast eine Woche lang das Bett, denn zu den blauen Flecken und Prellungen kam ein schweres Fieber. Sie hatte sonderbare Träume, in denen der Wirt - sie nannte ihn niemals Vater in ihren Gedanken - in die Kammer kam. Aber neben ihrem Lager stand immer Enkla, und da senkte Sarrelt den Kopf und ging hinaus.

Nach diesem Vorfall wurde Nimmi nie mehr so geschlagen. Sarrelt begnügte sich damit, ihr den Riemen ein oder zweimal um die Beine zu schlagen, wenn er es für notwendig hielt. Erwischt hatte er Nimmi aber nie wieder, obgleich sie ihre Ausflüge nicht aufgab.

Zum zweiten Teil Die Gesetzlosen

© Text von "Dachs und Fuchs - Der Gepfählte Räuber" und Zeichnung der "Nimmi": , 2010. Die Zeichnung des Dachses stammt von Walter Heubach, Lizenz: gemeinfrei

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