Dachs und Fuchs - Die Gesetzlosen

(2. Teil der Quintologie)

Dachs und Fuchs - Die Gesetzlosen

Das Mädchen war ziemlich groß gewachsen und schlank, in ihren Hosen sah sie fast wie ein Junge aus mit den sehnigen Armen und knochigen Beinen. Seit neuestem trug Nimmi das rötliche Haar kurz, denn als sie im letzten Monat - in der Nacht vor dem Markttag - noch Pasteten zubereitet hatten, war sie einem Binsenlicht zu nahe gekommen. Enkla hatte ihr sofort ihre Schürze über den Kopf geworfen und die Flamme erstickt - aber man hatte alles abschneiden müssen.

Da Nimmi aber ein Tuch trug, konnte diese Frisur die Augen des Wirtes nicht beleidigen, und so war alles in Ordnung. Manchmal beobachtete das Mädchen ihre Mutter bei der Arbeit. Enkla sah anders aus als die Frauen im Ort, die meist ziemlich rundlich und eher klein gewachsen waren. Die Wirtin konnte man fast vierschrötig nennen, sie hatte ein breites Kreuz und war für eine Frau sehr groß. Das fiel nicht ohne weiteres auf, denn sie ging eher gebeugt. Aber trotzdem kam Nimmi dieses Bild in den Sinn, das sie damals zu sehen geglaubt hatte. Sie versuchte abzuschätzen, wie es wohl aussähe, wenn ihre Mutter sich völlig aufrichtete und kam zu dem Schluss, dass sie dann vielleicht einen halben Kopf größer sein würde als ihr Mann, der Wirt.

Ein dröhnender Schlag ließ das müde junge Mädchen aus seinen Gedanken hochfahren. Drüben im Schankraum hatte jemand heftig seinen Humpen auf die Tischplatte gesetzt. Nimmi seufzte, denn wahrscheinlich würde es wieder zu Streit kommen unter den Saufbolden, und die Nacht wäre wieder furchtbar lang. "Geh schlafen, Kind", hörte das Mädchen jetzt die müde Stimme Enklas vom Backtisch her. Aber sie schüttelte den Kopf, diesmal würde sie bleiben.

Der nächste Morgen begrüßte eine fürchterlich müde Nimmi, die höchstens zwei Stunden auf ihrem Strohsack gelegen hatte. Aber trotzdem fuhr sie verdrossen in ihre Kleider und ging nach unten in die Küche, wo schon wieder fieberhafte Tätigkeit herrschte. Die ersten Marktleute waren schon da und verlangten nach heißem Wein, Bier und einem Frühstück. So ging es bis zum späten Nachmittag.

Dann wurde es noch etwas schlimmer, denn plötzlich verdunkelte sich der Himmel und es begann zu regnen, und deswegen schien sich der halbe Markt im "Räuber" zu versammeln. Sarrelt war in Hochstimmung, wenn er auch langsam daran zu zweifeln begann, dass seine Vorräte reichen würden. Doch kurz nach der Dämmerung geschah das größte Unglück, dass er sich denken konnte, denn als die Sonne untergegangen war, flog die Eingangstür auf, und wie aus dem Dunkel geschleudert rollte der Stalljunge herein und blieb vor dem mächtigen Schanktisch liegen.

Alle sahen entsetzt zu dem Jungen hin, und Welka, die junge Magd und Schwester des Burschen, eilte mit einem Aufschrei zu ihm hin. Alle anderen hatten sich von ihren Bänken erhoben, als eine tiefe und amüsiert klingende Stimme sagte: "Wollte doch tatsächlich hierher rennen und unsere Ankunft melden, das Frettchen. Das haben wir ein wenig beschleunigt, so dass es auf jeden Fall vor uns hier sein würde."

Dann folgte vielstimmiges hartes Lachen, und wer da im ersten Moment unbemerkt auf der Schwelle gestanden hatte, betrat nun den Raum, der plötzlich überfüllt war. "Goisars Bande, jetzt helfe uns der Himmel", murmelte Sarrelt.

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Etwa zehn Männer hatten sich hereingedrängt, alles wild aussehende, aber sehr gut bewaffnete Gesetzlose, die sich grinsend aufbauten. "Wollte doch einmal sehen, ob es etwas zu rupfen gäbe nach so einem schönen Markttag. Schließlich waren wir einige Zeit nicht hier." Goisar lachte wieder sein tiefes Lachen und sah erheitert um sich. "Es war doch ein sehr ertragreicher Markttag, nicht wahr, Sarrelt?"

"Ich habe euch zukommen lassen, was ihr verlangt", sagte da der Wirt. "Wir hatten eine Abmachung, Goisar." Die Worte Sarrelts erstaunten Nimmi ... er bezahlte also dafür, dass die Gesetzlosen den Ort mieden? Aber was sollte dann das hier?

Da lachte der große Bandit wieder auf: "Das hast du, Wirt, das hast du. Aber auch meine Männer brauchen einmal etwas Unterhaltung - und ich denke, an einem solchen Tag sollte der Zins etwas erhöht werden. Du kannst es dir doch leisten, nicht wahr?"

Ohrenbetäubendes Grölen war die Antwort auf die Rede Goisars. "Tischt auf, und ich rate euch zu Flinkheit." Da begannen einige der Männer, die noch anwesenden und verängstigten Gäste zur Tür hinaus zu treiben, wobei noch einige Geldkatzen den Besitzer wechselten. Einer der Kaufleute versuchte sich zu widersetzen, was damit endete, dass er wie ein kleiner Hund am Kragen nach draußen getragen wurde.

Kurz darauf betrat der Räuber wieder den Raum und steckte seinen Dolch in den Gürtel. Als nur noch die Männer des Banditen im Raum waren, trat einer vor die Tür und ließ einen trillernden, durchdringenden Laut hören. Es dauerte nicht lange und ein ähnlicher Laut antwortete, und einige Augenblicke später brach das Grauen über die Menschen im "Gepfählten Räuber" herein. Fünf weitere Männer Goisars tauchten auf, aber sie hatten Gefangene bei sich. Jeder führte zwei oder gar drei Frauen mit sich, die mit einem Strick zusammengebunden waren wie Vieh. Dann wurden sie in den Schankraum gestoßen, dass sie hinfielen.

Entsetztes Aufkeuchen war zu hören, denn hier im Ort kannte man sich und die gefangenen Frauen waren keine Fremde. "Ihr habt hübsche Gesellschaft mitgebracht, ich hoffe, ihr habt sie nett darum gebeten, uns die Nacht zu versüßen", grölte Goisar. Das Gelächter, das der üble Scherz herbeirief, übertönte sogar das Weinen und Flehen der Frauen. Nimmi sah, dass sich bei einigen das Gesicht zu verfärben begann und alle hatten zerrissene Kleider.

Die hübscheste, die Tochter des Sattlers, war praktisch nackt, ihre schönen Brüste waren unter dem zerrissenen Mieder und den Fetzen der schön bestickten Festtagsbluse fast ganz zu sehen. Die junge Frau weinte nicht, sie starrte zu Boden wie in Trance. Nimmi fuhr es heiß in die Kehle vor Mitleid und Angst.

Zum dritten Teil Goisars Bande
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© Text zu "Dachs und Fuchs - Die Gesetzlosen" , 2010. Die Zeichnung des Dachses stammt von Walter Heubach, Lizenz: gemeinfrei

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