Dachs und Fuchs - Goisars Bande

(3. Teil der Quintologie)

Dachs und Fuchs - Goisars Bande

"Nun hör gut zu, Weinpanscher!" Goisars tiefe Stimme ertönte, nachdem er mit einer Handbewegung für Ruhe gesorgt hatte. "Meine Männer und ich werden uns hier ein wenig erholen diese Nacht, aber da du tatsächlich immer brav den Zins gezahlt hast, kannst du mit deinen Leuten verschwinden. Legt euch in eure verwanzten Betten und schließt eure Ohren, wenn euch euer Leben lieb ist. Wir versorgen uns selber, wo dein Keller ist wissen wir ja. Außerdem ... haben wir uns ja freundliche Bedienungen mitgebracht. Nun verschwindet und verschließt die Tür. Sollte ich irgendetwas von euch hören, bevor wir morgen wieder gehen, steche ich euch ab wie Ferkel."

Damit drehte sich der Räuber um und erteilte Befehle. Sarrelt drängte die entsetzten Frauen und die beiden alten Knechte durch die Tür, die den Schankraum mit der Küche verband. Von da aus führte eine weitere Tür zum oberen Stockwerk und zum Speicher. Diese Tür war aus massivem Holz und verfügte über einen großen Riegel und ein Vorhängeschloss. Da hindurch wurde mit den anderen eine wie betäubte Nimmi gedrängt, die kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Sie sah, wie Sarrelt den Riegel von innen vorlegte und in fieberhafter Eile einige starke Latten zwischen Stiege und Tür klemmte, um eine zusätzliche Sicherung zu schaffen.

Sarrelt wollte alle die Stufen hinaufscheuchen, aber als er Enkla am Arm fasste, bewegte die sich nicht. Sie drehte ihrem Mann nur das Gesicht zu, das bleich war und im Licht des Mondes weiß schimmerte. Dann sagte sie mit leiser Stimme: "Welka ... sie ist noch drinnen." "Ist noch drinnen?" echote Sarrelt. "Wir haben sie vergessen, sie und den Jungen", sagte Enkla.

Die Mägde fingen an, leise zu schluchzen, weshalb Sarrelt sie anherrschte und zur Ruhe mahnte. "Wollt ihr, dass man uns ermordet?" Er hätte sich keine Gedanken machen müssen, denn vom Schankraum her hörte man Johlen und Stampfen und Gesang. "Wir gehen jetzt hinauf, und dass ihr mir Ruhe haltet."

Enkla rührte sich noch immer nicht. Sie wiederholte nur ihre Worte: "Welka ist noch drinnen." "Ja, und was soll ich dabei tun, Frau? Das dumme Stück hätte mit uns hinausgehen sollen. Oder will jemand noch einmal zurück und den Hauptmann Goisar freundlich bitten, uns Welka und ihren Bruder herauszuschicken? Hört auf zu greinen und seht jetzt zu, dass ihr die Stiege hinaufkommt, sonst mache ich euch Beine."

Auf diese gezischten Worte hin schlichen alle ergeben, wenn auch, was die Frauen betraf, schluchzend die Stufen hinauf. Obwohl Nimmi sich denken konnte, dass vor allem die Angst den Wirt so reden ließ, verachtete sie ihn doch abgrundtief dafür. Aber sie schwieg, jedenfalls so lange, bis sie mit Enkla oben angekommen war. Denn zu ihrem Erstaunen versammelte Sarrelt alle in dem größeren Raum, der ihm und Enkla normalerweise als Schlafkammer diente, und sah nur kurz auf, als Enkla ihre Tochter in die andere Kammer schob und die Türe zuzog.

Erstaunt sah Nimmi ihrer Mutter ins Gesicht, aber diese fasste das Mädchen an den Schultern und flüsterte in eindringlichem Ton: "Hör mir jetzt gut zu, Kind. Ich weiß, dass du mehr als einmal diese Kammer durch das Fenster verlassen hast, um draußen herumzustreunen. Glaubst du, dass du das jetzt tun könntest, und dass du vor allem ungesehen auf die andere Seite des Waldes kommen kannst?"

Beklommen, aber maßlos überrascht, nickte Nimmi, denn ihr war nicht klar gewesen, dass Enkla von ihren kleinen Ausflügen gewusst hatte. "Es sind nicht mehr als zwei oder drei Männer Goisars draußen", flüsterte Enkla weiter, "und die werden von ihren Kumpanen mit Wein versorgt. Sie fühlen sich zu sicher, um nüchtern zu bleiben. Dann öffnete die Mutter Nimmis Truhe und zog die Lederhose heraus. "Zieh die an, Kind! Mach schnell!"

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Als Nimmi den Rock abstreifte und in die Beinkleider fuhr, lächelte Enkla schwach. "Du hast sie auf dem Speicher gefunden, nicht wahr?" Als Nimmi verschämt nickte, meinte sie weiter: "Das ist schon gut, Nimmi ... es waren einmal meine." Dann legte sie den Finger auf die Lippen und glitt fast lautlos zur leise geöffneten Tür hinaus. Ihre Schritte auf der schmalen Leiter, die zum Dachboden führte, waren kaum zu hören, und das völlig überraschte Mädchen wunderte sich darüber, wie leise sich ihre Mutter bewegen konnte. Und die Hose war einmal Enklas gewesen? Was wusste sie alles nicht von ihrer stillen und ergebenen Mutter?

Und da kam Enkla zurück und sagte leise: "Das wirst du auch nehmen können, denn es gehört zusammen." Mit diesen Worten gab sie Nimmi eine kurze Tunika, so kurz, dass Sarrelt sich ziemlich aufgeregt hätte, wie das Mädchen schadenfroh dachte. Dazu gab es einen langen Gürtel, der über kreuz um die Hüften gelegt wurde und eine Scheide aufwies. Mit geschickten Händen half Enkla ihrer Tochter, sich anzukleiden. Dann trat sie einen Schritt zurück und zog noch etwas hervor. Ein sehr schöner dünner Dolch, mit einem geschnitzten schmalen Griff war es. Ein so schönes Messer hatte Nimmi noch nie gesehen, und als sie ihn genau betrachtete, sah sie, dass das Heft mit einem geschnitzten Dachs verziert war.

"Jetzt pass auf, Nimmi!" Die Stimme der Mutter forderte nun wieder Aufmerksamkeit. "Geh am Weißbach am Wäscheplatz durch die Furt und durch den kleinen Wald hindurch. Auf der anderen Seite, wo die Dolmen stehen, findest du das Lager der Kerenlai. Sie meiden den "Räuber", wenn sie von den Bergen herunterkommen und hier Station machen auf ihrem Weg in die Ebenen. Du fragst nach der Anführerin und dann zeigst du ihr den Dolch. Dann erzählst du, was hier geschehen ist. Hast du mich verstanden, Nimmi?"

Das Mädchen nickte beklommen, in ihrem Kopf ging es so drunter und drüber wie auf dem großen Anger, wenn die Gaukler da waren. "Aber was wird geschehen, Mutter?"

"Sie werden kommen, aber das muss schnell geschehen. Die Frauen sind noch eine Weile in Sicherheit, jedenfalls solange, bis sich die Kerle in die richtige Stimmung gesoffen und geprahlt haben. Nun geh!"

Nimmi verstand, dass jetzt keine Zeit für Fragen war und schwang ihre Beine über das Fenstersims. Dann balancierte sie nach rechts, bis sie den ausladenden Ast des alten Apfelbaumes erreichen konnte. Von da war es leicht, und kurz darauf flitzte ein schmaler Schatten wie eine Katze über den Innenhof und zum offenen Torweg hinaus. Kein Räuber war zu sehen, man hörte nur Johlen und Schreien aus der Wirtschaft.

Zum vierten Teil Im Lager der Kerenlai
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© Text zu "Dachs und Fuchs - Goisars Bande" , 2010. Die Zeichnung des Dachses stammt von Walter Heubach, Lizenz: gemeinfrei

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