Dachs und Fuchs - Im Lager der Kerenlai

(4. Teil der Quintologie)

Dachs und Fuchs - Im Lager der Kerenlai

Mit schnell pochendem Herzen rannte Nimmi durch die Neumondnacht, aber sie kannte hier jeden Tritt und kam gut voran. Trotzdem schmerzten ihr die Seiten, als sie endlich von ferne einen Feuerschein sah, hinten bei den Dolmen auf der anderen Seite des Waldes.

Da lief sie langsamer, damit ihr Atem sich beruhigen konnte und sie nicht etwa kaum in der Lage sein würde, ihr Anliegen vorzubringen. Mittlerweile war sie recht nahe an das Feuer herangekommen und konnte einige Gestalten umhergehen sehen. Sie roch gebratenes Fleisch und nahm den Geruch von Pferden wahr. Gerade als sie sich fragte, ob man sie überhaupt sprechen lassen würde, spürte sie eine kräftige Hand in ihrem Genick.

"Ja, was haben wir denn da?" kicherte eine dunkle Frauenstimme. "Was macht ein Junge wie du mitten in der Nacht am Lager der Kerenlai? Du hältst dich wohl für unauffällig, wie? Dabei machst du mehr Krach als eine Meute Wildschweine auf der Flucht." Dann lauter: "Seht mal, was ich hier gefunden habe, was machen wir wohl damit?" Dann wurde Nimmi nahe an das große Feuer geschubst, mit einem derben, aber durchaus nicht unfreundlichem Stoß.

Angstvoll sah das zerzauste Mädchen um sich und betrachtete die Kriegerinnen, die sie umgaben. Es waren sicher zwanzig oder mehr, die auf einmal um sie herumstanden. Und außer, dass sie alle in Lederhosen und ebensolche Tuniken gekleidet waren, sahen sie kaum anders aus als andere Frauen. Die meisten waren ebenso groß wie sie selber, und schlank, mit sehnigen Armen und Beinen. Viele trugen ihre Haare in Zöpfen, die um die Köpfe gelegt waren, aber einige waren auch ziemlich kurz geschoren.

Eine Kriegerin mit kurzem dunklem Haar, sie mochte etwa in Enklas Alter sein, fasste Nimmi unter das Kinn und sah ihr in die Augen. Dann lachte sie und sagte laut: "Du hast da etwas gefangen, Aldara - aber du bist wohl zu müde, um deine Beute richtig zu erkennen, wie? Das hier ist kein Junge." Dann lachte die Frau lauthals los, während die Kriegerin Nimmi verdutzt betrachtete.

Nachdem sich die allgemeine Heiterkeit etwas gelegt hatte, räusperte sich Nimmi und zog ihren Dolch heraus, den sie der Anführerin übergab. Jedenfalls glaubte sie, dass es diese war ... die Frau, die so gelacht hatte. Die sah sich die schlanke Waffe an und gab sie dann an die nächststehende Kriegerin weiter. "Woher hast du das Kind, und was willst du von uns, da du in der Nacht zu uns kommst - und das in der Tracht unseres Volkes?"

Da endlich konnte das Mädchen sprechen, und sie erzählte so schnell, wie sie nur konnte. Als sie zu der Stelle mit dem Dolch kam, hob die Frau kurz die Brauen, und von den anderen war erregtes Flüstern zu hören. Die Ältere sprach einige Worte in einer unverständlichen Sprache und machte eine Handbewegung dazu. Dann ging es Schlag auf Schlag. Wie ein gut geöltes Mahlwerk bewegten sich die Kriegerinnen im Dunkeln, das Feuer wurde gelöscht, und in kürzester Zeit saßen alle auf ihren kräftigen Gebirgspferden.

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Mit kräftigem Griff wurde Nimmi hochgehoben und hinter eine junge Frau mit hellem Haar gesetzt. Niemand fragte, ob das Mädchen überhaupt schon einmal auf einem Pferd gesessen hatte. Das hatte sie zwar, aber nur heimlich, denn auch darüber hatte Sarrelt so seine Meinung. Fast lautlos ging es durch die Nacht, hinunter zum Bach und die Furt hindurch, bis vor das Dorf. Dann stiegen sie ab und ließen eine Frau bei den Pferden zurück.

Nimmi wurde zum Führer ernannt und intensiv nach den baulichen Gegebenheiten befragt. Wie viele Fenster, wo es Türen gab, und andere Dinge, die dem Mädchen recht sinnlos vorkamen. Aber trotzdem gab sie sich alle Mühe, genauestens zu antworten. Dann schlichen Gestalten von allen Seiten auf die Schenke zu, lautlos und fast nicht zu erkennen. Nimmi hatte nicht sagen können, wo Goisar seine Wachen postiert hatte - aber drei der Kriegerinnen kümmerten sich darum. Als diese nach einigen Minuten wieder ihren Platz einnahmen, grinsten sie zufrieden.

Später wurde Nimmi immer wieder aufgefordert, zu erzählen, wie es gewesen war, aber sie hatte nicht wirklich alles mitbekommen. Vier Frauen verschwanden hinter den Apfelbäumen, die beidseitig des kurzen Weges zur Eingangstür standen, vier schwangen sich auf das Vordach, und mehrere kletterten gewandt wie die Iltisse zu dem Fenster hoch, das zu Nimmis Kammer gehörte.

Aus dem Schankraum hörte man Johlen und Gelächter, es schien, als sei eine Art Versteigerung im Gange. Das klang nicht einmal übel, dachte sich Nimmi, denn es bedeutete, dass die Frauen noch relativ unversehrt waren. Jedenfalls war man sich noch nicht einig geworden, denn es klang zuweilen doch sehr nach Streit. Dann rief eine Eule dicht an Nimmis Ohr, jedenfalls hörte sich das so an. Aber es war die ältere Kriegerin, die den Ruf ausgestoßen hatte. Eine andere "Eule" antwortete vom oberen Stockwerk her, dann wenige geflüsterte Worte, und dann begann der Angriff.

Das gehörte zu den Dingen, die Nimmi später nie richtig beschreiben konnte, denn viele verschiedene Dinge geschahen zur gleichen Zeit. Zwei Frauen schlugen kräftig an die Wirtshaustüre und schrien Goisars Namen. Daraufhin wurde es schlagartig still in dem Raum dahinter. Dann, nach einiger Zeit, wurde die Tür einen Spaltbreit geöffnet, und einer der Kerle steckte den Kopf heraus. Was er sah, waren zwei freundlich lächelnde Frauen in langen Umhängen, die ihn erwartungsvoll ansahen, was ihn dermaßen verblüffte, dass er die Tür aufstieß und sich völlig zeigte.

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© Text zu "Dachs und Fuchs - Im Lager der Kerenlai" , 2010. Die Zeichnung des Dachses stammt von Walter Heubach, Lizenz: gemeinfrei

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