Dachs und Fuchs - Tödliche Präzision

(5. Teil der Quintologie)

Dachs und Fuchs - Tödliche Präzision

"Was ist da draußen los? Rede schon, du Idiot!" ließ sich Goisars Stimme vernehmen. Der Mann an der Tür begann zu lachen, und das rief einige der Kumpane herbei, die sich völlig sicher wähnten. "Ja, das ist ja eine Überraschung, es gibt noch mehr Bewerberinnen heute Nacht", rief er. Und damit trat er einen Schritt vor die Tür hinaus, gefolgt von einigen der anderen, die kichernd hinter ihm gestanden hatten.

"Aus dem Weg!!! Was gibt es zu glotzen?" Mit diesen Worten erschien Goisars Gestalt hinter den Räubern, die sich an der Schwelle versammelt hatten. Dann brüllte er: "Narren!!! Zurück!!!", aber das war zu spät, denn die beiden Frauen hatten die Mäntel zurückgeschlagen und es blitzte wie von Stahl auf.

Gleichzeitig gingen zwei Mann zu Boden, jeweils mit einem kurzen gefiederten Pfeil in der Kehle. Noch bevor die übereinander stolpernden Räuber ihren Rückzug angetreten hatten, flog eine Brandfackel in den Schankraum. Die Verwirrung, die ausbrach, kostete die Männer Goisars wertvolle Sekunden und damit wohl auch das Leben, denn die Kriegerinnen taten ihr Werk mit tödlicher Präzision. Plötzlich sahen sich die Verbrecher in die Zange genommen, denn vom hinteren Teil des Raumes drangen weitere Kerenlai mit Langschwertern auf die Männer ein.

Gedeckt wurden auch diese Kämpferinnen durch Bogenschützen, und somit stand es schlecht für Goisars Truppe. Die Brandfackel war sofort ausgetreten worden, hatte aber ihren Zweck erfüllt. Als sich Goisar von seinen gefallenen Kumpanen umringt sah, hörte er nicht auf zu kämpfen. Dieser Mann verfügte über eine gewaltige Lebenskraft, sein Tod kostete vier Kriegerinnen Blut, aber keine das Leben. Und der Streich, der seine Kehle spaltete, wurde von der Anführerin geführt.

Das alles hatte sich sehr schnell abgespielt, aber für Nimmi schien es Stunden zu dauern. Irgendwann sank sie in die Arme ihrer Mutter, die plötzlich mitten im Raum stand, während sich die Mägde um die gefangenen Frauen kümmerten. Diese hatten sich in einer Ecke zusammengekauert, als der Kampf ausgebrochen war. Bis auf einige grobe Behandlungen war ihnen noch nichts geschehen, da sich die Räuber über die Reihenfolge gestritten hatten. Und zur Freude aller saß inmitten der vor Erleichterung schluchzenden Mädchen ein blasser, aber durchaus lebendiger Stalljunge.

Mit dem Arm um ihre Tochter gelegt ging Enkla langsam durch den Raum, bis sie vor der etwa gleichaltrigen Kerenlai stand, die ihr den überbrachten Dolch entgegenstreckte. "Ich war ebenso sehr erfreut, den Dolch der Dachsin zu sehen wie den Überbringer." Dann umarmten sich beide Frauen und Nimmi sah die große Ähnlichkeit zwischen ihnen. Wie sehr sich Enkla auch bemüht haben mochte, so auszusehen wie die Dorfweiber, sie konnte ihre eigentliche Zugehörigkeit nicht wirklich verleugnen.

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"Mein Herz freut sich ebenfalls, dich zu sehen, Füchsin", sagte Enkla. "Es ist so lange her, meine Freundin. Wir danken euch sehr, unsere Leute und ich. Was ist es, das wir euch geben könnten außer unserer Freundschaft?" Da lachte die Fuchskriegerin und meinte: "Mach dir keine Gedanken, denn meine Späherinnen werden das Lager dieser Kerle finden, und ich denke, es wird sich für uns lohnen, wenn wir es uns genauer ansehen. Somit werden wir auf unsere Kosten kommen, da mach dir keine Gedanken. Meine Frauen sind nicht schwer verwundet, ihr Spaß an der Sache wird also nicht geschmälert."

Mit gesenktem Kopf war nun auch Sarrelt herangetreten, blass aber wohlauf, und sagte in ruhigem Ton: "Meine Frau hat recht gesprochen, Frau der Kerenlai. Seid versichert, dass ihr immer willkommen seid in unserem Haus, wenn ihr hier durchkommen werdet." Es kostete ihn wahrscheinlich eine ziemliche Anstrengung, aber dennoch sprach er ruhig und bestimmt. Und man konnte von Sarrelt denken, was man wollte - sein Wort hielt er. Die Kriegerin hob die Brauen und meinte: "Es wird meinen Frauen und mit Sicherheit auch mir ganz gut gefallen, wenn wir bei unserem Aufenthalt hier im Tal auf sauberen Strohsäcken schlafen können anstatt auf sauberem Erdboden. Ich danke dir, Sarrelt." Dann lachte sie ihr tiefes Lachen und nickte dem davongehenden Wirt zu.

Etwa zwei Tage später war alles wieder so, wie es gewesen war vor dieser schrecklichen Nacht. Für die über zwanzig Räuber war eine Wegstrecke vom Dorf entfernt eine Grube ausgehoben worden. Die misshandelten Mädchen und Frauen fühlten sich etwas besser, und die Wunden der Kerenlai verheilten gut.

Enkla hatte ihrer Tochter nun endlich die ganze Geschichte erzählt, welche davon handelte, dass eine junge Kriegerin bei einem Kampf verletzt wurde und eben hier im Gasthaus zurückgelassen werden musste. Damals hatte die Mutter Sarrelts noch gelebt, die sich auf die Heilkunst verstand. Die Dachsin hatte sich sehr wohl angesprochen gefühlt von dem schüchternen Werben des jungen Mannes, und als sie weiterziehen wollte, bemerkte die Alte, dass sie schwanger war. Verliebt wie sie war, beschloss die Kriegerin ihr Kind hier auf die Welt zu bringen und nahm den Wirt als ihren Mann.

"Weißt Du, Kind ... er hatte immer Angst, dass ich eines Morgens verschwunden sein würde und mit mir meine Waffen, und vor allem mein Kind. Deshalb war er wohl so hart in gewissen Dingen. Und ich fiel in einen Schlaf über die Jahre, es war immer so viel zu tun, und er hatte es nicht verdient, im Stich gelassen zu werden. Verzeihst du mir?"

Viele Gespräche dieser Art folgten in den nächsten Tagen und verbanden Mutter und Tochter aufs Neue. Als alles wieder seinen geregelten Lauf nahm, verabschiedeten sich die Kerenlai, aber wenn sie wiederkämen in einigen Monaten, würde ihre Truppe um eine Anwärterin verstärkt sein.

"Etwas spät, um mit dem Handwerk zu beginnen, aber wer gesehen hat, wie deine Tochter durch den Wald rannte, weiß, dass sie es nachholen wird. Wenn sie im nächsten Jahr wiederkommt, wird sie vielleicht schon einen Dolch haben, der irgendetwas, das rennt, auf dem Heft trägt." Die Anführerin beendete ihre Rede vom Pferd herunter mit einem dröhnenden Lachen. Dann wendeten die Kerenlai ihre Tiere und verließen das Dorf.

Als Nimmi den Wunsch geäußert hatte, zu den Kerenlai zu gehen, war ihre Mutter sehr stolz gewesen, wenn sie auch etwas weinte - aber in Erstaunen versetzt hatte sie dann doch Sarrelt. Er schenkte ihr nämlich das zweijährige Stutenfohlen, das sie so sehr bewunderte. "Damit du nicht hinterherlaufen musst, wenn sie wiederkommen und dich mitnehmen", hatte er in barschem Tonfall gesagt. Und als er sah, dass Enkla ihn ebenso glücklich anlächelte wie Nimmi, ging er rasch davon, um niemanden sehen zu lassen, wie er errötete.

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© Text zu "Dachs und Fuchs - Tödliche Präzision" , 2010. Die Zeichnung des Dachses stammt von Walter Heubach, Lizenz: gemeinfrei

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