Das große PferdErzählung von I. E. Schwartz |
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Ich aber weiß, was ich da bauen soll, mögen mir die Götter helfen. Doch zeigen sie mir keine Gnade, die Himmlischen, sondern bedrängen mich Nacht für Nacht. Berstende Schiffsrümpfe und splitternde Masten höre ich in meinen Nachtgesichten, über mir schlagen die Wellen zusammen und ich ringe nach Atem, bevor ich schreiend erwache. Meine Gesellen hat schon die Angst überkommen, dass ich wahnsinnig werden könnte, so wie Achilles der Wüter. Doch mein Verstand ist nicht verwirrt, mein Herz ist es. Er hat mein Zögern wohl bemerkt, der König aus Ithaka, und er sprach von der Heimat und von der Familie, von den Bergen und Tälern Griechenlands, die ich lange Jahre nicht sah. Wohl werden mir schon Enkel geboren worden sein in der Zeit, die ich hier verbrachte, vor der verfluchten Stadt am Meer. Er malte mir mit seiner geschickten Zunge schöne Bilder in die salzige Luft, von Reben und Oliven daheim und meinem Weib, das die Götter beschützen mögen, wenn es denn noch lebt. Ob es denn nicht ein Ende haben sollte nach all der Zeit, ob noch mehr vortreffliche Männer fallen müssten oder von den immer wieder ausbrechenden Krankheiten im Lager getötet werden sollten. Natürlich muss ein Ende sein, das sehne ich ebenso herbei wie alle hier, mitsamt den Troern. Doch recht ist es nicht, recht ist es wahrhaftig nicht.
Niemand darf auch nur vermuten, dass etwas anderes im Bauch des Pferdes sein wird als Werg und Stroh, und es muss genug Atemluft vorhanden sein für die Soldaten, die sich darin verbergen werden. Einem Pferd soll es ähnlich sehen und alle sollen glauben, dass es der Athene geweiht sei als Opfer. Aber wenn die Zeit dazu gekommen ist, wird Blut fließen... Blut, von dem ich geträumt habe in den vergangenen Nächten. Es floss aus den Holzstämmen über den Sand und umspülte meine Füße, die ich nicht heben konnte, als ich in meinem Entsetzen fliehen wollte. Davon wollte ich dem Odysseus sprechen, doch der legte mir nur die Hand auf die Schulter und erinnerte mich an die Heimat, und daran, dass die Götter selber Troja fallen sehen wollen. Das mag sein, zu manchen Zeiten ist die Luft wie mit Funken geladen und unnatürlich starke Gewitter mit farbigen Blitzen jagen die dunklen Wolken wie böse Geister über das Lager und die Stadt, und viele flüstern sich zu, dass vom Gipfel des Ida die Olympier unsere Kämpfe beobachten. Doch gibt es auch Götter auf der Seite der Troer - und wer bin ich, dass ich diese beleidige, indem ich mich an Verrat und übler List beteilige. Der Listige hat mir seinen Plan enthüllt, denn das Riesenpferd muss so gebaut werden, dass es für die ehrlose Aufgabe taugt, die es erfüllen soll. Meine Helfer wissen nichts davon - den großen Hohlraum erkläre ich mit der Holzknappheit und damit, dass es nicht zu schwer werden darf, das Ding. Die letzten Arbeiten werde ich alleine ausführen, so wie die Luke und die Luftlöcher. Im Lager verbreitet sich jedes Gerücht so schnell wie der Seewind, und niemand darf auch nur ahnen, worum es geht. Ungeniert kommen die Hetären und Straßenmädchen von der Stadt herunter, um sich im Lager anzubieten, manche bringen sogar ihre Kinder mit, die irgendein Offizier oder Soldat unseres Heeres gezeugt hat. Ein geflüstertes Wort gelangt schnell hinter die Mauern der Stadt, und alles hängt davon ab, dass niemand Verdacht schöpft. Und obwohl ich mich scheue, die Troer zu verraten, indem ich es dem Tod möglich mache, durch ihre Tore zu kommen, versetzt mich meine Aufgabe in ein Fieber.
Odysseus riet mir, Wasserbälge bereitzustellen, damit niemand in den langen Stunden in der heißen Sonne unter Durst leiden wird. Er hat an alles gedacht, der Fuchs aus Ithaka. Ich habe Schilf sammeln lassen für eine lange Mähne, sie verdeckt die Luftschlitze am Hals, und den Schweif. Es wird nicht leicht werden für die Krieger im Bauch des Pferdes, aber sie können es schaffen. Sie sind schon ausgewählt, und ich war dabei, als Odysseus eine Rede hielt. Er fragte, was ihnen lieber sei... einige Stunden mörderische Anstrengung und ein Ende des unseligen Krieges oder noch lange Zeit der Schmach vor der Stadt des Priamos. Selbst ich weiß, dass die Stadt bald fallen wird, da wir ihnen alle Lieferungen abgeschnitten haben und ihre Verluste so viel größer sind als unsere. Aber hier im Lager sind so viele uneins und zerstritten - die Könige und Führer werden ungeduldig, wenn noch allzu viel Zeit vergeht, werden viele ihre Schiffe besteigen und in ihre Heimat fahren. Das wollten schon viele, doch der listige König konnte es jedesmal verhindern.
Den Kopf habe ich geformt, er sieht einem Ross mit ruhigem Blick gleich. Meine Hände müssen geführt worden sein, nie habe ich geglaubt, solch etwas aus Holz herausarbeiten zu können. Meine Beilhiebe waren präzise wie die Gezeiten, und als ich daranging, das Pferdehaupt zu polieren, weinte ich. In sehr kleiner Form wäre dieses Pferd ein sehr schönes Spielzeug für Kinder, die es hinter sich herziehen können. Solche einfachen Dinge habe ich für meine Kinder gemacht, aber bald werden Kinder sterben oder in die Sklaverei geführt werden durch eben dieses schöne Ding, das ich bald vollendet haben werde. Ich verstehe nicht viel von Göttern und ihren Kriegen, noch weiß ich wirklich, warum wir zehn Jahre unseres Lebens hier Krieg führen mussten. Aber obwohl Odysseus mich beruhigen will, wenn er mir versichert, dass die Götter mit uns sind, mein Herz weiß, dass ich die Heimat nicht wiedersehen werde um dieses Verrates willen und dem was geschehen wird, wenn dieses trächtige Pferd im Innern der Stadtmauern den vierzigfachen Tod gebiert. Und doch werden meine alten Hände nicht zittern, wenn ich morgen in der Nacht die Falltüre einsetze und hinter den Kriegern schließe. Möge der Himmel barmherzig sein. Mehr zum 'Trojanischen Pferd' bei Wikipedia © Ilona Elisabeth Schwartz für Pressenet Lesen Sie auch Die Flöte (Fantasy)
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