Der Harfner des Königs

Erzählung

Der Harfner des Königs

Es war früh am Morgen gewesen, als das Boot anlegte. Die alte Frau hatte die Augen mit der Hand beschattet, verwundert über die Gestalt, die da im Gegenlicht herankam. Der Mann mochte etwas über zwanzig Sommer gesehen haben, aber er wirkte wie ein Junge. 'Ein sehr bleicher Junge', dachte sie, senkte aber grüßend den Kopf. "Mein Name ist Ewan. ... Herrin, und ich bin gekommen, um mit dem Einsiedler zu sprechen." Es war offensichtlich, dass der Besucher sich nicht schlüssig war, wie er sie ansprechen sollte. Eine leichte Röte flog über seine Wangen, und er entschied sich für die respektvolle Anrede. Sie war alt, sehr alt ... älter, als sich dieser Jüngling das vielleicht vorstellen mochte, aber sie hielt sich sehr gerade, obwohl sie sich auf einen Stab stützte.

"Nun, Ewan, was wollt Ihr von dem alten Mann?", fragte sie, obwohl sie es wusste. Denn das Harfenfutteral aus Leder, das der junge Mann auf dem Rücken trug, war ihr nicht entgangen. Ihre immer noch klaren Augen sahen ihn streng an, ihr Mund verzog sich überdrüssig.

Ewan schwieg, er sah zu Boden und atmete heftig. 'Er ist alleine gerudert, bis hierher zur Insel', dachte sie und ihr Gesicht verlor den herben Ausdruck. "Ihr seid ja völlig außer Atem, Ihr junger Narr. Folgt mir, und ich werde Euch etwas zu trinken geben." Mit diesen Worten stieg sie den steinigen Pfad zu der kleinen Hütte hinauf, in der er lebte und wo sie für ihn sorgte. Es gab zwei Räume, einer diente dem Greis als Schlafplatz und einer war der ihre. Ein Anbau beherbergte eine Art Küche, in der die Frau die einfachen Mahlzeiten zubereitete. Vor der Hütte gab es eine roh zusammengenagelte Bank, und darauf ließ sich Ewan sinken - es war augenscheinlich, dass ihn das Übersetzen vom Festland völlig erschöpft hatte.

Dankbar nahm er den Tonbecher mit frischem Quellwasser entgegen, das sie mit Kräutern versetzt hatte. "Was erwartet Ihr hier zu finden, Ewan der Sänger?" Überrascht sah der junge Mann auf: "Ich suche den Mann, der in seiner Jugend in der Halle des Königs gesungen hat. Am Hof des größten aller Männer, die diese Inseln jemals gesehen haben. Er war der Barde Arturs, Herrin. Das sagen alle. Und ich will es von ihm hören, ich will ...", brach Ewan verwirrt ab und sah der Alten in die Augen. Viele Linien, mehr als Äderchen auf einem Blatt, zeigten sich um ihre Augen, als sie lächelte. "Ihr wollt von ihm hören, dass Eure Träume wahr sind, mein Junge? Und dafür habt Ihr diesen Weg auf Euch genommen? Aber er war umsonst, wisst Ihr." Sie lächelte immer noch, aber ihre Augen waren traurig, als sie ihre Hand auf Ewans Arm legte. "Ja, ist es denn nicht wahr, dass Dairean von Camelot hierher gekommen ist, nachdem das Reich gefallen war, um allein zu leben und fortan dem Einzigen zu dienen, der größer ist als sein Herr Artus? Der Einsiedler ist doch Dairean der Barde, Herrin?" Er sah so bestürzt aus, dass die Frau leicht über sein verschwitztes Haar strich und nickte.

Lancelot and Guinevere

"Ja, er war der Barde des Großkönigs, Ewan. Aber das ist lange her. Die Fischer ringsum erzählen es den Leuten, weil sie stolz darauf sind, dass ein Eremit hier lebt. Von dem wenigen, das sie haben, bringen sie uns einen Teil, sie lehnen jede Münze ab, die wir dafür geben könnten. Die wenigen Ziegen und die Schafe, die diese Insel ernährt, tun ein weiteres zu unserem Unterhalt. Ihr habt den Mann gefunden, den Ihr sucht, aber Euren Traum wird er nicht wahr machen können. Folgt mir, aber seid leise. Dann erhob sie sich und ging durch die Lattentür in den nächsten Raum. Es war nicht sehr hell in der Kammer, aber das Licht reichte völlig aus, um Ewan die Gestalt auf der Pritsche erkennen zu lassen. Die Alte trat mit einem Becher zu dem Einsiedler hin und winkte dann Ewan, sich zu nähern. Der junge Mann sog scharf die Luft ein, als er den Einsiedler aus der Nähe sah. Er war kaum mehr als ein Skelett, das mit Haut überzogen war, sein Schädel völlig kahl. Er wimmerte leise und schlug die Augen auf, die tief in den Höhlen lagen. Dann lächelte er, aber es sah grauenvoll aus, denn in seinem Blick lag das Erstaunen eines Kindes. Die Frau half dem Greis, sich etwas aufzurichten und sie sprach leise und beruhigend auf ihn ein, weil er den Kopf wegdrehen wollte. Sie flüsterte mit ihm wie mit einem kranken Kind, das die Nahrung verweigert. Endlich nahm der Kranke einige Schlucke, wenn auch widerwillig.

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"Es ist Ziegenmilch, sie tut ihm gut. Feste Nahrung kann er nicht mehr zu sich nehmen." Dann sagte sie etwas lauter: "Seht doch, es ist Besuch gekommen. Ewan kommt von weit her, um Euch zu sehen, Herr. Und er wird sicher etwas für Euch singen, nicht wahr?" Bei diesen Worten nickte sie Ewan zu, welcher sich beeilte, nach dem Harfenfutteral zu greifen, das er die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen hatte. Das Instrument, das zum Vorschein kam, war prachtvolle Arbeit. Wirbel aus Walbein hielten die Saiten, das wunderschön geschwungene Holz hatte eine satten, tiefen, braunroten Ton. Ewan bemerkte wohl den erstaunten Blick der alten Frau und sagte leise: "Ich habe sie von meinem Vater geerbt, der Sänger war auf der Burg unseres Lehnsherren. Der hatte ihm das Instrument fertigen lassen, als Dank für seine Kunst. Schon als kleines Kind hörte ich die Lieder von Artus und Guinevere, von Lancelot und der Tafelrunde."

Leicht strich Ewan über die Saiten, dann verstärkte er die Berührung und spielte einige Akkorde. Der Mann auf dem Krankenlager drehte langsam den Kopf in die Richtung des jungen Mannes, seine Augen suchten und fanden die sich sicher bewegenden Finger Ewans. Und er lächelte, er lächelte wie ein Kind. Die ausgemergelte Brust hob sich leichter, es war, als legten die Töne eine heilende Salbe darauf. Und Ewan spielte die Weisen, die überliefert waren, die Lieder vom großen König und von seinen Rittern, von Kampf und Liebe, Leid, Glück und Rosen. Ewan war in sein Spiel vertief, er folgte den Tönen in jene Welt, in der ein großer König glänzenden Hof hielt, an seiner Seite eine wunderschöne Königin. Prachtvolle und edle Männer in herrlichen Rüstungen lauschten dem größten der Sänger in der goldenen Halle von Camelot. Als der letzte Ton verklang, nahm Ewan verwundert wahr, dass der alte Mann lächelnd eingeschlafen war und dass der alten Frau die Tränen über das Gesicht liefen. Sie sah den Sänger an, legte den Finger auf den Mund und verließ mit ihm zusammen den Raum, in dem jetzt nur noch die ruhigen Atemzüge des Greises zu hören waren.

"Ich wusste nicht ... ich dachte ...", stammelte Ewan und sah kummervoll zu Boden, während er seine Harfe in die Hülle schob. "Ihr dachtet, Ihr würdet Dairean den Harfner finden, so wie er in Camelot gesessen und gespielt hat. Junge, wisst Ihr nicht, wie lange das her ist? Der alte Mann ist am Ende seiner Tage angelangt. Die Welt, von der Ihr träumt, ist lange verschwunden." Ewan nickte und schwieg eine lange Zeit. Dann aber sah er der Frau in die Augen. Die lächelte und beantwortete die unausgesprochene Frage. "Ich war jung, als ich in Camelot lebte, als ich seine Lieder hörte. Da war er schon in mittleren Jahren, des Königs Sänger. Als das Reich dann zerfiel, kehrte ich von dem Ort zurück, an den ich geflohen war. Und ich fand den alten Mann, der hier auf der Insel Zuflucht gesucht hatte. Ich hatte niemanden mehr, das Kloster, in dem ich lange gelebt hatte, war zerstört von den Sachsen ... er nahm mich gerne auf und seitdem sorge ich für ihn."

"Das wird Gott Euch vergelten", sagte Ewan. Als er sein Boot losmachte, um zurück zum Festland zu rudern, gab die alte Frau ihm einen Lederbeutel. "Nehmt", sagte sie, "Ihr wisst zu würdigen, was darinnen ist. Demütig löste Ewan die Knoten und zog verwundert die Pergamentrollen heraus, dann wurden seine Augen groß und er starrte sie fassungslos an. "Es sind die letzten Abschriften seiner Lieder, die er gefertigt hat, sie sind so, wie er sie gesungen hat vor Artus und dem Hof. Verwahrt sie gut, denn sie enthalten Eure Träume ebenso wie seine, mein Junge." Sie wehrte den ungläubigen Dank ab, denn seine Augen sangen ein Lied, das genug war als Gegengabe.

Lange sah sie dem Boot nach, und während es zu einem kleinen Punkt am Horizont wurde, dachte sie daran, wie sie von dem Einsiedler gehört hatte, und dann auf die Insel gekommen war. Er hatte sie erkannt und vor ihr niedergekniet. Er war verwundert über ihre Bitte, bleiben zu dürfen, aber er war sehr glücklich darüber. Denn er und sie waren alles, was von Camelot übrig geblieben war ... des Königs Harfner und die Königin Guinevere, die in der Erinnerung, die ihr seine Lieder brachten, ihr Zuhause wiederfand und ihre zerbrochenen Träume.

© "Der Harfner des Königs" - eine Erzählung von , 2011.

Die Abbildungen zeigen:
- oben: "Schreiber und Musiker", Detail aus der Weltenchronik des Rudolf von Ems, (um 1340), Lizenz: public domain worldwide
- unten: "Lancelot and Guinevere", Detail aus dem Gemälde von Herbert James Draper, Lizenz: gemeinfrei

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