MenschenmondErzählung von I. E. Schwartz |
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Aktuelles |
Es wird Zeit aufzubrechen, ich sollte nicht hier sein, wenn der volle Mond aufgegangen ist. Ein letztes Heulen in den dunkler werdenden Himmel hinein, und ich laufe los... fort von den anderen und in den Wald hinein. Während ich meine Läufe strecke, um so weit wie möglich zu laufen bevor es beginnt, spüre ich diese Schwere in meinen Gliedern, die langsam ankündigt, was unweigerlich geschehen wird. Es tut nicht weh, es ist nur, als wenn ich mit gelähmten Gliedern im See versinken würde, alle meine Sinne spielen verrückt und sind dann auf einmal kaum noch vorhanden. Die anderen wissen davon nichts, sie können es sich nicht einmal vorstellen. Keiner von uns könnte das, gäbe es nicht diesen Erbfluch, der immer wieder einmal einen von uns trifft. Wir wissen nicht, wieso das so ist... wir nehmen es einfach hin. Jetzt habe ich fast mein Ziel erreicht, eine versteckte Lichtung weit entfernt von den Pfaden meines Volkes. Wie immer lege ich mich in das hohe Gras vor dem abgestorbenen Baum, der einsam in der Mitte steht und erwarte es, ruhig und ohne dass ich einen Laut von mir gebe. Ich habe das Gefühl, kaum noch etwas riechen zu können und diese Steifheit überkommt mich - als ich hochblicke, sehe ich den vollen Mond über mir. Angst flutet in mir hoch, ich will es nicht - doch ist mir klar, dass ich nichts dagegen tun kann. Die Schwelle muss überschritten werden, es gibt kein Zurück dabei. Meine Welt, meine wundervolle Welt mit den tausendfachen Gerüchen und den Bildern, die sie bringen, verschwindet und ich bin abgeschnitten von allem, was mich lebendig macht. Die Geräusche der Nacht, diese unendlich und niemals stillen herrlichen Laute von allem was atmet, sie werden fast unhörbar.
Diese wenigen Tage, in denen ich mich unerkannt unter ihnen bewege, muss ich nutzen, so gut ich kann. Meine Leute zählen auf mich, denn ich bin der einzige, der in Erfahrung bringen kann, was für sie wichtig ist und vielleicht etwas für uns tun kann. Es wurden schon lange keine Wölfe mehr erlegt in dieser Gegend... und gefangen erst recht nicht. Einige von uns tragen Sender, das haben wir geduldet, denn diese Menschen wollen uns nichts Böses... sie haben wenigstens zum Teil begriffen, wie alles zusammenhängt und wollen uns schützen. Ich selber gehöre auch zu ihnen, wenn ich auch öfter "verreist" bin. Aber auf diese Weise kann ich den Fluch umkehren, zu etwas machen, was die Menschen Segen nennen. Allerdings ist mir schon öfter der Gedanke gekommen, dass es vielleicht kein Fluch ist, sondern ein Geschenk. Denn dadurch können wir unser Überleben sichern, zumindest hier in der Region. Aber ich weiß, ich bin nicht der einzige, der zwischen den Welten pendelt unter den Wolfsvölkern. Während ich mich auf den Weg mache zu der alten Farm, die ich bewohne und in deren Schuppen mein alter Pickup steht, genieße ich mit diesen unzulänglichen Sinnen die milde Nachtluft. Obwohl ich mich darauf freue, für mein Volk etwas zu tun, werde ich mehr als glücklich sein, wenn ich wieder auf dem Rückweg bin, die Läufe gestreckt und in Erwartung der anderen, die mich begrüßen werden, wie es nur Wölfe können. Die Menschen sind kein schlechtes Volk, nicht wirklich und sicher nicht alle... aber unwissend sind sie und manchmal wie Welpen. Sie wissen nicht was sie tun. Aber eines liebe ich, wenn ich gewechselt habe... dieses Lachen. Während ich schon den Zaun meines kleinen Anwesens sehen kann, kichere ich über meinen Lieblingswitz, was die Menschen betrifft. Es ist für mich der vollkommenste Spaß, den ich mir vorstellen kann. Sie glauben, und das seit Jahrhunderten, dass ein Werwolf ein Mensch ist, der sich in einen Wolf verwandeln kann. © Text und Zeichnung: Ilona Elisabeth Schwartz für Pressenet Lesen Sie auch Bei den Hämpels unterm Sofa
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