Der Schakal: Du gehörst nicht hierher

Erzählung

Anubis - Der Schakal

Es war kurz vor Mitternacht und die Stadt lebte etwas gedämpfter weiter unter dem schwarzen Samtmantel der Nacht. Die Düsterkeit des verregneten Tages war nicht gewichen, die Tristesse hatte nur einen dunkleren Ton angenommen und war tintenfarben geworden. Feuchte Luft und der nasse Gestank, den ein Stadtregen hinterlässt, mischte sich mit den Ausdünstungen des Straßenverkehrs. Nichts, das beunruhigen konnte - nichts, das irgendwie neu war.

Der Mann hatte seine Hände in den Jackentaschen vergraben und ging langsam die Straße entlang. Trotz des sehr gemäßigten Schrittes hatte sein Gang durchaus etwas Zielgerichtetes, so als hinge er an einer unsichtbaren Schnur, die ihn leitete, damit er nicht vom Weg abkam. Er murmelte vor sich hin, so wie es zuweilen Betrunkene tun. Doch war er von einer Nüchternheit wie noch nie vorher in seinem Leben, sein Verstand war klar wie lange nicht. Zum ersten Mal seit langer Zeit wusste er, was er wollte - oder glaubte es zu wissen. Er hatte seine Gedanken unter Kontrolle und genoss das Gefühl, kostete es aus. In den letzten Monaten war das nicht so gewesen.

Er lachte kurz auf, was ein untergehaktes Pärchen veranlasste, sich nach ihm umzudrehen. Er bemerkte es nicht, wahrscheinlich wäre es ihm völlig gleich gewesen. Sein Denken hatte sich transformiert in eine Art Strudel - etwas, dem man nicht gegensteuern konnte, so sehr man es auch versuchte. Was genau geschehen war, wusste er nicht einmal - Tatsache war, dass man ihm gekündigt hatte nach über zwanzig Jahren. "Wir haben es uns nicht leicht gemacht, glauben Sie uns das bitte." Die Erinnerung an die Worte des Direktors hallte in ihm nach und entlockte ihm wieder ein Lachen - eines, das wie kratziger Husten klang.

Seine Arbeit im Museum, genauer gesagt in der ägyptischen Abteilung, war eine logische Konsequenz seiner Besessenheit von der Ägyptologie - das Aufzeichnen, Katalogisieren und Pflegen war Erfüllung. Daheim hatte er Hunderte von Büchern und eine bemerkenswerte Sammlung sehr guter Repliken aufgebaut. Seine Frau hatte diese Leidenschaft toleriert, lange Zeit jedenfalls. Wann die Akzeptanz aus ihren Augen gewichen war, wusste er nicht genau. Wahrscheinlich nach seiner Kündigung. Er hatte sich ein ganzes Jahr lang um eine neue Stellung bemüht, aber keine Arbeit der Welt hätte ihn befriedigen können - er brauchte die Nähe zu dem, was er liebte.

Er zog sich zurück, hatte Zeit genug, um seine Bücher durchzusehen, seine Filmsammlung über Ägypten und alles, was damit zusammenhing. Dann war sie gegangen, hatte ihn trotzig angesehen, als er sie kaum erkannte - das schwarze, schulterlange Haar mit der Ponyfranse war blonden Kräusellöckchen gewichen. Sie sah völlig anders aus und war ihm fremd, aber er wusste, dass der wirkliche Fremde er selber gewesen war für sie. Und dass sie es jetzt verstanden hatte.

Als sie fort war, wurde die Wohnung nach und nach zur Grabkammer. Still, staubig und vollgestopft mit Dingen, die Abbilder einer lange vergangenen Zeit waren. Er träumte vom Museum, träumte von seiner Frau, die schwarze Haare hatte. Von Ägypten und den Bildern an den Wänden der Gräber, von Sarkophagen - und er wachte auf und schrie. Einige Male hatte er versucht, sich zu betrinken, aber das brachte ihm einen bleiernen Schlaf und Übelkeit am Morgen, sonst nichts weiter. Und wie eine Laterna Magica drehten sich alle Bilder von Göttern und Statuen und Schriften in seinem Kopf, ab und an unterbrochen von so etwas wie Hunger oder Durst. Er magerte ab, bemerkte es kaum.

Er hatte nie mehr die Türe geöffnet, nie mehr den Hörer abgenommen, nie mehr das Handy eingeschaltet. Doch dann stand seine Tochter vor ihm, als er heimkam nach einem lange vor sich hergeschobenen Einkauf. "Mein Gott" hatte sie gesagt. Nur das: "Mein Gott". Als sie wieder gegangen war, sah er sich im Spiegel und erschrak, sah auf den Kalender und erschrak noch mehr - sah sein Zuhause und fröstelte. Dann war er auf die Straße gelaufen, erst ziellos umhergegangen, dann hatte er es zugelassen, dass es ihn dahin zog, wo er sein wollte. Niemand war jetzt mehr unterwegs, die Straßenlampen gaben kaum Licht im dünnen Regen.

Den Schatten bemerkte er, als er sich bücken musste, um die Schnürsenkel neu zu binden. Ein Hund, ein großer Hund war es. Er konnte das Tier nicht genau sehen im Dunkel, aber es musste wohl schwarz sein. Angst hatte der Mann keine, denn was sollte ihm geschehen können. Ihm, der im Begriff war, alle Ängste hinter sich zu lassen. Aber unwillkürlich stellten sich seine Nackenhaare auf, denn der sich schnell bewegende Schatten ließ auf eine beträchtliche Größe schließen. Er stand langsam auf und ging weiter, jetzt die Umgebung beobachtend. Er spürte mehr als dass er sah, wie das Tier ihm folgte, ihm nicht von der Spur wich. Und bei alledem kein Laut, nicht einmal das Geräusch von Pfoten auf dem nassen Pflaster.

Jetzt war die Brücke schon zu sehen, nur noch wenige Schritte. Der Mann ging schneller, er war froh, dass niemand zu sehen war - er wollte keine Zeugen. Die Brücke war besser beleuchtet als die Straße, sie war zudem angestrahlt ... ein Wahrzeichen der Stadt. Als er gerade in den helleren Lichtkreis trat und der Mitte zustreben wollte, da wo es am tiefsten hinunterging, spürte er einen Schlag gegen die Beine. Der Hund, das Tier hatte ihn gerammt und war vorbeigelaufen. Lief vor ihm her und drehte sich auf der leeren Fahrbahn um, den Kopf dem Mann zugewandt.

Ein schwarzer Hund, der einem Mann wohl bis zur Hüfte reichen würde, mit großen aufgestellten Ohren und einem klugen, schmalen Gesicht. Um den Hals trug er etwas Glitzerndes, Breites. Dann zeigte er makellose, lange Fänge, die im Licht aufblitzten. Der Mann hob die Hände, sank in die Knie, wollte schreien. Er, der Schakal, würde ihn nicht vorbeilassen. Dann hörte er eine Stimme in seinem Kopf wie Wüstenwind: "Ich gebe dich frei, geh zurück. Dein Herz wäre zu leicht, Mensch. Du gehörst nicht hierher." Ein heiseres Bellen, nicht im Kopf, sondern eines, das in der Nacht widerhallte, dann war Anubis verschwunden. Und mit ihm alle Bilder von Gräbern.

© "Der Schakal: Du gehörst nicht hierher" - eine Erzählung von , 2010. Die Abbildung zeigt Anubis bei der Einbalsamierung des Osiris, Grabmalerei aus dem Alten Ägypten (Quelle: Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei)

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