Theseus und das Labyrinth

Erzählung

Diese Geschichte werden die Sänger nicht verbreiten, denn ich habe sie niemals erzählt. Niemandem fiel auf, dass ich schwieg zu allem, was ich erlebt hatte, denn alle anderen priesen mich, ohne auch nur Atem zu holen. Ohne, dass ich ein einziges Wort über das Labyrinth verlor, webten meine Freunde ein Heldenlied darüber und ich widersprach nicht.

Der Kopf der Bestie, den ich in den Sand vor den schweren Bronzetüren des Labyrinthes fallen ließ, genügte allen. Was ich tun musste, war nichts weiter, als immer nur zustimmen - es war einfach gewesen. Aber ich schreibe nun nieder, was meine Lippen niemals preisgaben, denn die Heldentat des Theseus war nicht das, was alle Welt glaubt - sie war ein Freundschaftsdienst.

Als wir damals in See stachen, war ich jung und stark, und versessen auf heldenhafte Taten, so wie alle Krieger. Wir reisten mit unseren Verwandten und Freunden, es ging nach Kreta, um ein für allemal die unwürdige Angelegenheit mit Minos zu regeln. Die Jungen und Mädchen waren durch das Los gefunden worden wie die beiden Male vorher, doch diesmal war ich dabei. Das Labyrinth sollte diese Kinder diesmal nicht für immer behalten, die Bestie darin sollte in den Hades geschickt werden.

Es war nicht nur der Traum von großen Taten und natürlich auch um Aigeus zu helfen, sondern auch, weil mich diese Opfer dauerten. Unschuldiges Blut sollte nicht mehr vergossen werden, das schwor ich bei allen Göttern.

Auf Kreta war es mir ein leichtes, so viele Informationen zu erlangen, wie ich brauchte - jeder kennt die Geschichte vom Garnknäuel der Ariadne. Doch so sehr die schöne Tochter der Insel mich auch schätzen mochte, ihren Eid gegenüber dem Königshaus brach sie nie. Nur sagte sie mir, wie die Gänge in der riesigen Anlage verliefen und welchem Muster sie folgten. Das war mein einziger "Faden", an dem Tag, als man uns, die lebenden Opfergaben aus Athen, zu den mächtigen Toren des schrecklichen Labyrinthes folgten.

Die Priester des Tempels hatten uns Wein gegeben, den ich wohlweislich nicht trank, denn ich ahnte, dass etwas Betäubendes darin war. Der Verdacht bestätigte sich alsbald, denn sie wurden still und bewegten sich langsam, so als liefen sie im Wasser. Ich tat wie sie, um keinen Verdacht zu erregen. Die langen weißen Umhänge, die man über uns warf, verbargen meine Klinge, die an einer bestimmten Stelle bereitlag, dafür hatte ich die schöne Ariadne gewinnen können. Heute weiß ich, warum sie es tat und worin ihre Hoffnungen lagen - damals verstand ich es nicht.

Man öffnete die Türen nicht weit, nur so, dass wir alle hintereinander hindurchschlüpfen konnten. Die Kreter hatten Angst vor ihrem eigenen Gott, dem sie Menschen opferten. Innen war es nicht völlig dunkel, es gab in unerreichbarer Höhe Schlitze im Mauerwerk, die genug Licht hereinließen, um sich ein wenig orientieren zu können. Fackeln gab es nur zwei, sie steckten in Ringen an der Mauer neben den gewaltigen Torangeln. Soweit sie in ihren benebelten Köpfen verstanden, was ich sagte, versammelte ich meine Gefährtinnen und Gefährten direkt an dem geschlossenen Tor und schärfte ihnen ein, sich völlig ruhig zu verhalten. Dann warf ich das Gewand von mir und riss eine der Fackeln aus der Halterung - mit gezückter Klinge ging ich in den Gang, der rechts vom Eingang lag.

Ich rief und schlug das Schwert mit der breiten Seite gegen die Steine, um auf mich aufmerksam zu machen - ich wollte, dass das Ungeheuer direkt zu mir kam. Es wäre eine Lüge, würde ich behaupten, dass ich keine Angst gehabt hätte - denn der Minotauros hatte schon viele Leben genommen und es hieß auch, dass er unbezwingbar sei. Wohl mochte, so dachte ich, mehr von einem Stier in ihm sein, als von einem Menschen und ihm die Riesenkraft des Tieres verleihen. Halb Mensch, halb Bulle - das war der lebendige Gott der Kreter, der Kinder fraß - und ich war hier, um ihn zu töten.

Ohne meine Furcht zu mächtig werden zu lassen, fuhr ich fort zu schreien und gegen die Mauern zu schlagen, bis endlich eine Antwort kam. Ein Schrei, ein langgezogener Schrei dröhnte in meinen Ohren, und obwohl es nicht das Gebrüll eines Stieres war, so klang er auch nicht menschlich. Meine Haare stellten sich auf, und ich packte den Schwertknauf fester, während ich in die Richtung ging, aus der dieser schreckliche Laut gekommen war. Und plötzlich öffnete sich der schmale Gang, in den ich zuletzt eingebogen war in einen großen Raum, der durch ein viereckiges Oberlicht etwas besser beleuchtet war. Wieder der Ruf, aber gefährlich nahe. Und da nahm ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr, wirbelte so schnell herum, dass Funken aus der Fackel stoben und hob mein Schwert.

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Etwas Dunkles, Großes kauerte auf dem Boden, und versuchte sich schwerfällig zu bewegen. Mir brach der kalte Schweiß aus, aber ich ging darauf zu, jeder einzelne Muskel gespannt wie ein Ankertau. Und dann ... dann sah ich den Minotauros, den Gott der Insel. Das Licht meiner Fackel fiel auf ein entsetzliches Gesicht, behaart und langgezogen mit einer platten Nase, aus deren Nüstern Schleim troff. Die dicke Stirn war zottelig und entsprach der eines starken Bullen, nur viel größer. Dicke und wulstige Lippen, aufgerissen und borkig, versuchten Laute hervorzubringen.

Ich holte zum ersten Schlag aus, um meinen Vorteil zu nutzen, denn das Geschöpf war offensichtlich geschwächt, als das Fell vollends vom Schädel des Minotauros rutschte und ich seine Augen sah - klein für den ungeschlachten Schädel und blutunterlaufen, waren sie von hellblauer Farbe. Ihr Blick traf auf meinen, und das Maul verzog sich zu einem menschlichen Wort: "N...nnicht." Er hob abwehrend einen Arm, der allein so dick war wie ein junger Baum und in einer missgestalteten Klaue endete. Da ließ ich meine Klinge sinken ... unfähig, sie niedersausen zu lassen.

Das Geschöpf wandte den Kopf zu einer groben Bank, die in einiger Entfernung stand und sah mich dann bittend an. "Assa", stieß es hervor. Auf der Bank befand sich ein Bronzegefäß, und als ich es in die Hand nahm, hörte ich ein Tröpfeln, das von der Mauer herkam. Aus einem Tonrohr in der Wand kam Wasser in einem dünnen Rinnsal geflossen, das ich auffing und dem Minotauros brachte. Er trank nicht wie ein Tier, er nahm die Schale in beide Klauen und hob sie an sein Gesicht. Dann versuchte er sich erneut zu erheben, aber er brachte es nur zu einer sitzenden Stellung. Tatsächlich war er riesig, der Stier des Minos. Aufgerichtet hätte er mich, der ich doch nicht zu den Kleingewachsenen zähle, um mindestens zwei Haupteslängen überragt. Er besaß große Ohren, die wie das meiste seines Körpers mit starkem gekräuseltem Haar bewachsen waren.

Ich hatte nicht einen Augenblick den Blick von ihm gewendet, als er getrunken hatte, und bemerkt, dass er einem Stier nur auf den ersten Blick ähnlich sah. Sein Gesicht mit den hängenden Wulstlippen und die schwere Stirnplatte erinnerten vage an ein solches Tier, aber meine Augen sind gut und ich sah ihn als das, was er wirklich war: Ein fürchterlich entstellter Mensch. Der Sohn der kretischen Königin mochte wohl schon als Neugeborener keinem normalen Kind gleichgesehen haben, weshalb man ihn wohl vor den Augen der Menschen verbarg und den Mythos des Minotauros schuf.

Er atmete schwer und versuchte zu sprechen: "Danke ... Mensch." Er stieß diese Worte in kretisch hervor, das ich gut verstehe. Etwas in seinem Hals hinderte ihn am rechten Sprechen, aber ich verstand seine Weise recht schnell. Und ich merkte, dass er wohl erfasste, was ich sagte. Dieser Schrei, der mich zu ihm geführt hatte, es war ein Hilferuf gewesen. Er brüllte seinen Schmerz heraus - das hatte er immer getan, aber niemals hatte jemand darauf gehört. Mühsam formten seine fiebertrockenen Lippen Wort um Wort, immer wieder bat er mich um Wasser.

Er lag im Sterben, der Stier des Meeres, aber er wollte seine Geschichte erzählen. Und sie handelte von Einsamkeit, von Angst und von schlimmen Taten, die ein wütender Ausgestoßener beging, weil man vor ihm floh und voller Abscheu war. Die kleinen blauen Äuglein schwammen in Tränen, als er davon sprach, wie sie immer kreischten und schrien und manchmal starben, ohne dass er sie auch nur berührt hatte. Er hatte nur wenige getötet, die anderen starben unter den Streichen der Garde, damit sie schwiegen.

Er hatte Schmerzen gehabt, schon seit er ein Kind gewesen war. Die Entstellungen bereiteten ihm Qualen, sein Kopf wollte schier bersten vor Weh. Er trug um seinen baumstarken Nacken einen Lederbeutel, den er mich öffnen hieß. Darin befand sich eine kleine Alabastertafel mit dem Bild einer Frau. "Mutter", sagte er, und ließ dann einen langen Klagelaut hören, der sich für immer in mein Herz gegraben hat.

Ich sprach von mir und weshalb ich gekommen war, und die gequälte Kreatur nickte dazu, er nahm vorsichtig meine Hand und hörte, was ich erzählte vom Meer, von meiner Heimat, und von dem, was draußen geschah bei den Menschen. So saß ich beim Herrn des Labyrinthes, der nur dessen Sklave war und nahm ihn auf in den Kreis der Menschen für diese Stunden.

Und ich hörte, was er mir sagte mit einem Blick auf mein Schwert. Dann nahm ich den Lederbeutel an, den er mir schenkte, und als der mächtige Brustkorb sich das letzte Mal hob, drückte ich ihm die Augen zu, dem Minotauros. Dann tat ich, wie er mich geheißen hatte und schlug ihm das Haupt ab.

Als ich den Eingang fand und meine angstgeschüttelten Gefährten, schlugen wir mit Macht an das Tor und ich schritt hindurch, mit dem Kopf des getöteten Ungeheuers in der Hand. Als Sieger verließen wir die Insel des Minos - ich wurde als Held gefeiert in der ganzen bewohnten Welt. Und ich schwieg bis jetzt, da mein Griffel über die Tafeln fliegt, um die Wahrheit zu bekunden. Und während ich das schreibe, liegt neben mir die kleine Tafel mit dem Frauenbildnis, dem einzigen Geschenk, das der Minotauros jemals machen durfte. Theseus

© Text zu "Theseus und das Labyrinth": , 2010.

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