Der PreisErzählung von I. E. Schwartz |
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Sie hat eine Art, einen anzusehen - mir wird heiß, und meine Gedanken gehen gefährliche Wege. Ich darf es nicht an Respekt fehlen lassen, bei dieser hier schon überhaupt nicht. Ich hatte keine Ahnung, dass ein sachter mütterlicher Touch dermaßen erotisch wirken kann, oder ist es eher das, was sie verspricht? Groß rauskommen, die Spitze erreichen, keine Grenzen mehr haben - das ist nichts, was ein Mann einfach so ausschlagen würde. Macht wollen schließlich alle auf die eine oder andere Weise ausüben, das kann man nicht leugnen. In meiner Familie ist die Machtfrage überhaupt das Thema - vor allem seit ich dazugestoßen bin. Natürlich kann es sein, dass der ewig hintanstehende auch gerne einmal das Sagen hätte - nicht nur im Palast des Herrschers, sondern über mehr als ein Reich. Bei dem Gedanken bricht mir der Schweiß aus und mich überkommt ein Zittern, es ist allzu verführerisch daran zu denken. Sie würde mich nicht verlassen, dieses Prachtweib würde auf dem Gipfel der allerhöchsten Macht hinter mir stehen, wenngleich auch in dezenter Zurückhaltung. Ich gebe zu, diese Sache überfordert mich ein wenig. So besuchen mich nicht jeden Tag solche hinreißenden Geschöpfe und bieten mir an, meine kühnsten Träume zu verwirklichen. Jetzt legt sie mir die Hand auf die Schulter, was mich fast in die Knie gehen lässt... und nach einem tiefen Blick in meine Augen entfernt sie sich ein Stück. Noch während ich ihr mit trockenen Lippen nachschaue, spricht mich die Nächste an.
Ihrem Blick kann ich nur schwer ausweichen, er geht mir wirklich durch und durch, und ihre grauen Augen schimmern fast silbern. Versucht sie, mich zu hypnotisieren, die kriegerische Schöne? Vor meiner Seele sehe ich Bilder, Visionen von unglaublichen Dingen und nie gehörten Wundern. Sie kennt mich wohl, die schlanke Verführerin. Neugierde ist eine meiner hervorstechendsten Eigenschaften, und mein älterer Bruder sagt immer, dass mich genau das noch einmal in große Schwierigkeiten bringen wird. Er weiß nicht, was er sagt, er hat nicht in diese Augen gesehen und diese unglaubliche Fülle von verborgenen Dingen geahnt. Dinge, von denen ich mehr und immer mehr wissen will - Geheimnisse, die außer mir keiner kennen würde: Das ist der Preis, den sie zu zahlen bereit ist. Was für ein unglaubliches Angebot macht sie mir da, sie toppt tatsächlich die Offerte dieses göttlichen Vollweibes, das zuerst mit mir sprach - denn wer dieses Wissen hätte, wer um diese Dinge wüsste, besäße mehr Macht als alle Generäle der Welt. "Und würde sie nicht wollen", flüstert sie nahe an meinem Ohr und nennt dann meinen Namen mit einer Stimme, die mein Herz zu Feuer werden lässt. Sie hat Recht, diese kluge langbeinige Stute, diese kühle und unwiderstehliche Schönheit. Dann lächelt sie, lächelt auf eine Art, dass ich ihr dieses kleine Ding zu Füßen legen werde, wenn sie noch einmal meinen Namen sagt. Aber sie dreht sich um und geht leichtfüßig zur Seite, um sich zu der anderen Dame zu gesellen. Mein Kopf glüht mittlerweile und meine Gedanken wirbeln darin herum wie Fische in der Strömung - ich möchte eigentlich nur noch fort von hier. Doch da sehe ich aus den Augenwinkeln, dass die Dritte im Spiel, die sich bis jetzt sehr zurückgehalten hatte, auf mich zugeht. Sagte ich "geht"? Sie schwebt über das Gras, ihre Hüften wiegen sich im Takt einer unhörbaren Melodie, und als sie vor mir steht, lacht sie. Sie hebt die Hände und fährt sich mit ihren Fingern durch ihr langes und goldfarbenes Haar. Ich bin sicher, dass es gefärbt ist, aber das spielt keine Rolle. Nichts spielt eine Rolle, wenn dieses Lachen perlt. Dieser Traum von einer Frau steht neckisch vor mir und lacht mich einfach aus.
Doch da nimmt dieses Mädchen, diese Zauberin, mein Gesicht in ihre Hände und sagt mir, was ich haben kann, wenn ich ihr den Sieg lasse. Und ich sehe vor mir eine andere Frau, eine unglaubliche Schönheit. Liebe bis zum Tod sehe ich und immerwährende Hingabe, und noch während sie mir zuwispert, was mir zuteil werden wird, weiß ich, dass sie mir nicht die ganze Wahrheit sagt. Ich weiß, dass ich teuer bezahlen werde für die Illusion, die sie mir schenken wird, aber ich lege die Frucht in ihre Hand wie unter Zwang. Dann fühle ich ihre Lippen auf meinen für eine köstliche Sekunde und höre einen wütenden Schrei. Die große Herrin schreit ihre Wut heraus - als ich die Augen öffne, sehe ich, wie sie zürnt. Die andere schenkt mir einen letzten traurigen Blick, und dann sind sie fort - alle drei. Es dauert lange, bis ich meinen Körper so weit unter Kontrolle habe, dass ich den Heimweg antreten kann. Und während ich eilig dem Palast zustrebe, kriecht trotz aller Freude und Erwartung eine graue Angst in mir hoch. Ich habe nicht richtig gewählt, ich bin in eine Falle gegangen. Es ist nicht mehr zu ändern und ich werde es meinem Bruder erzählen. Er wird mir zuhören und glauben, aber ich höre ihn schon sagen, was er immer sagt, wenn ich etwas Dummes getan habe. Er wird sagen: "Wieso hast Du nicht deinen Verstand gebraucht, Paris?" Mehr zum "Urteil des Paris" bei Wikipedia © Ilona Elisabeth Schwartz für Pressenet Lesen Sie auch Argos, der Jagdhund des Odysseus
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