Alte Zeiten. Was will man mehr?

Erzählung

Alte Zeiten

Die beiden Alten aalten sich in der Sonne, sie genossen die Wärme mit halb geschlossenen Augen und in bequemer Stellung. Hier und da rührte sich einer der beiden oder öffnete die Augen völlig, wenn es irgendein Geräusch in der Nähe gab.

"Wie geht es dir so?", meinte der eine. Der andere gähnte herzhaft und sagte: "Wie soll es gehen, man ist eben alt und wird langsam nutzlos. Die Knochen wollen nicht mehr so recht."

"Ja, da hast du recht, Alter. Wir beide haben schon bessere Zeiten gesehen, was?", kicherte er in sich hinein. "Aber mir geht es nicht schlecht, daheim machen sie es mir gemütlich und sorgen für mich. Was will man mehr?"

"Ich wüsste schon eine ganze Menge, die ich mehr wollte ... aber ich habe keine gute Familie, so wie du. Ich hab mich immer allein durchgeschlagen, schon von Anfang an. Meine Mutter starb, kaum dass ich für mich selber sorgen konnte." Nach diesen Worten wandte er sein zernarbtes Gesicht wieder still der Sonne zu und streckte sich ein wenig.

"Hast eine wilde Zeit gehabt, hm? Na ja, ich war nie der Typ für die Straße. Eher häuslich, wenn du verstehst, was ich meine. Ist nicht jeder ein Kerl für das Abenteuer. Eigentlich reicht mir mein Garten völlig aus."

Leises Gelächter des narbigen Alten kommentierte diese Worte. "Waren harte Zeiten, aber auch verdammt gute. So wie du hätte ich nicht leben gewollt, so mit Familie und allem. Ist nett für schlechtes Wetter, aber die Landstraße ist ein Ding, das einen nicht loslässt. Hab immer zu kämpfen gehabt, und das hat mich stark gemacht." Und tatsächlich sah er auch aus wie ein Kriegsveteran, sehnig und mit starken Knochen. Das sonderbar kantige Gesicht war faszinierend und auf eine wilde Weise schön, trotz seiner Jahre.

Sein Nachbar war ein anderer Typ, er war nicht so sehnig und hager, sondern eher rundlich. Gutmütig wirkte er und vielleicht auch träge - ein Allerweltstyp, den jeder mochte. Hier und da warf ein Vorübergehender einen Blick auf die beiden Alten, die so offensichtlich zufrieden in der Sonne lümmelten, aber die meisten Leute hasteten vorüber, ohne sie wahrzunehmen.

"Sie dir die an", meinte der Hagere. "Ich hab nie verstanden, warum die so hetzen. Immer am rennen und spurten, immer drauf aus, ihre Energie zu verschwenden. Und ich hab nie herausgefunden, was sie damit erreichen letztendlich. Sind nicht wie unsereins."

"Neee, wohl kaum." Halb im Schlaf hatte der andere Alte diese Worte gemurmelt, kaum dass er die Augen dabei öffnete.

Plötzlich setzte sich Narbengesicht auf. "Glaubst du, dass die Angst haben, dass die deshalb immer rennen und laufen? Ich meine, jeder muss ja irgendwann einmal weg von der Schüssel, oder? Ist es das, was die umtreibt?"

Missmutig nuschelte der Rundliche in seinen Bart. "Was machst du dir Gedanken darum, es spielt doch keine Rolle. Gehen müssen wir alle einmal, das steht fest. Ob man nun rennt oder nicht, bleibt sich gleich." Dann öffnete er die Augen und sah dem anderen in das Gesicht. "Hast du eigentlich Angst?"

Der so Angesprochene lehnte sich wieder zurück und streckte sich wieder ein wenig. Dann meinte er mit schiefem Grinsen: "Nein, hab ich nicht. Solange ich noch für mich sorgen kann und Spaß dran hab, trete ich nicht ab. Ändert sich das, finde ich einen Weg. Es gibt viele Möglichkeiten, sich das zu ersparen, verstehst du."

Lange schwieg der nett aussehende Alte, dann sagte er leise: "Verstehe, Kumpel. Ist kein schlechter Gedanke. Was mit mir geschehen wird, weiß ich nicht. Wahrscheinlich hat die Familie schon einen Plan." Nach einigen Minuten meinte er dann noch: "Aber den müssen sie noch eine Zeit in der Schublade liegen lassen."

Kichernd drehten die beiden ihre Rücken den letzten wärmenden Sonnenstrahlen zu. "Ich mach mal weiter, der Abend kommt und ich hab noch einiges vor", sagte der mit den Narben und zwinkerte.

"Ist gut, komm doch mal wieder auf einen Schwatz vorbei, wo ich wohne, weißt du ja jetzt."

Ein letzter Blick aus grünen Augen, und im schwindenden Sonnenlicht überquerte eine schmale Gestalt die Straße, um in den verwinkelten Gassen der Altstadt zu verschwinden. Gedankenvoll sah ihm der Alte nach, wandte sich dann aber dem adretten Reihenhäuschen zu, in dem er lebte.

Die Frau, die ihn und seinen Freund hinter den Gardinen beobachtet hatte, sagte lächelnd zu ihrem Mann; "Du, die beiden alten Katzen, die da auf der Mauer gelegen haben ... die sahen aus wie zwei Rentner, die sich einen faulen Nachmittag machen."

© "Alte Zeiten. Was will man mehr?" - Erzählung und Foto: , 2011.

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