Arite: Im Turm des Drachen

Erzählung von I. E. Schwartz (1. Teil)

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Arite: Im Turm des Drachen
"Hilft mir denn niemand?" Diese Worte formten sich wie ein Gebet im Geist des Mädchens. Sie wagte nicht, einen Laut von sich zu geben, denn das hätte bedeutet, dass man ihr einen betäubenden Trank verabreicht hätte. Das wollte sie nicht riskieren, denn die letzten Stunden ihres Lebens wollte sie völlig wach verbringen.

"Arite, meine Tochter, mein Kind... ich werde stolz auf dich sein." Das hatte ihre Mutter gesagt, und es war das letzte Mal, dass sie miteinander gesprochen hatten. Seit Sonnenaufgang saß Arite in dieser Kammer, zwar nicht gefesselt, aber doch gebunden. Vor der Tür waren im Wechsel die Männer der Stadt postiert, so wie es immer war, wenn wieder ein Mädchen im Turm des Drachen wohnte. Es war eine Ehre für die Söhne der Reichen und Vornehmen, vor der prunkvoll ausgestatteten Kammer zu stehen und über das Mädchen zu wachen.

Arite kannte viele der Jünglinge, ihr Vater hielt auf ein offenes Haus. Er war einer der wohlhabendsten Kaufleute der Stadt, was letztendlich wohl auch ihr Verhängnis gewesen war. Die Stadt war in gewisser Weise von Goldglanz überzogen, so üppig war das Leben hier. Die mächtigsten Gilden waren die, welche irgendwie mit Gold zu tun hatten, denn die umliegenden Vorkommen gaben den Reichtum. Hier floss das Gold so leicht, dass man - anders als sonst im Reich - bezahlte Arbeiter in den Stollen einsetzte, und nicht etwa verurteilte Verbrecher oder Leibeigene.

Arite war stolz darauf gewesen, dass die Schürfer einen Platz im Gemeinwesen hatten und nicht etwa geschunden wurden, bis sie starben. Anderswo war das sehr wohl der Fall, so wie in den Kupferbergwerken im Norden oder in den Nachbarreichen. Das Leben war leicht hier, und die Bauern waren ebenso wohlhabend wie die Städter. Nie hatte ein Krieg hier das Land verwüstet - niemals war es Feinden gelungen, die Stadt oder die Umgebung einzunehmen und zu plündern. Die Handelswege waren sicher und das Banditentum hielt sich sehr in Grenzen. "Glückliche Stadt", sagten die Menschen, und trugen den Ruhm des goldenen Glanzes in alle Welt.

Doch es war nicht Glück, das diese Menschen und ihre Habe so wunderbar schützte - es war etwas anderes. Schon die Kinder kannten die Geschichte vom Drachen in den Goldbergen, der alle hundert Jahre ein Opfer einforderte. Und nicht alle glaubten, dass es mehr wäre als eine Geschichte. Doch exakt nach Ablauf dieser Spanne schien die Glückshaube der Stadt schwächer zu werden - eine Mahnung an einen uralten Pakt. Und dann wurde getan, was vorgeschrieben war: Unter den Töchtern der angesehensten und reichsten Bürgern wählten die Priester die klügsten und schönsten aus. Dann wurden die Knochenlose aus dem Tempel geholt... genau fünfzig Stück. Es hieß, sie seien aus den Gebeinen eines Drachen gemacht vor langer Zeit.

Jedes Knöchelchen trug ein geritztes Zeichen - bis auf eines. Und wer dieses zog, war auserwählt. Arite hatte, stolz und äußerlich unbewegt, in den Kessel gelangt und ein Knochenlos gezogen, hatte es mit stoischer Ruhe dem Zeremonienpriester gezeigt und seine Ehrerbietung entgegengenommen. Dann wurde sie fortgeführt in diese Kammer - ihre Eltern waren nur kurz zugelassen worden, um Abschied zu nehmen. Man erfüllte ihr jeden Wunsch, jeder erdenklichen Laune wurde sofort nachgegeben.

Eine alte Heilerin, so alt, dass sie sich auf einen Stock stützen musste, hatte Arite ein Mittel angeboten: "Dieser Trank wird deine Seele auf andere Pfade führen, wenn deine Füße den Gebirgsweg hinaufgehen, Kind." Aber Arite hatte abgelehnt. Es war, als trennte eine hauchdünne Membran ihren Geist von der Wirklichkeit - so, als wäre sie im Begriff, sich zu verlieren. Und sie wollte ihre Gedanken auf ihr Leben richten, auf die Menschen und Dinge, die es bis jetzt ausgemacht hatten. Denn erreichen konnte sie niemanden mehr. Bis zum Antritt des Weges würde sie von Fremden umgeben sein. Betäubung würde sie zu weit entrücken, und die Zeit war so kostbar geworden.

Arite verschwendete nicht einen einzigen Gedanken an Flucht, denn die war unmöglich. Sie gestattete ihren Gedanken nur, um Hilfe zu flehen. Sie wusste nicht einmal, an wen sie sich wendete... sie bat nur darum. Und gegen Mittag, als ihr geschundener Geist abzurutschen drohte in die Verzweiflung, spürte sie eine Veränderung. Es war, als hätte sie einen dieser betäubenden Tränke zu sich genommen, nur ohne dass sie schläfrig oder es ihr gleichgültig wurde. Ein sonderbares Gefühl überkam sie, so als würde sich eine beruhigende Hand auf ihr Herz legen. Arite wusste sicher, dass dies von außen kam und nicht aus ihr selber... hatten die Götter endlich auf ihr Flehen geantwortet? Aber... es war wie eine Art Summen, so als flöge eine große Biene um ihre Ohren. Und es beruhigte sie ungemein. Es vertrieb die Angst nicht, aber es machte sie weniger schmerzhaft.

Als die Sonne um den Turm herumgewandert war und das Gemach dunkler wurde, als man ihr Speisen brachte und ein Nachtgewand, das sogar für ihre Verhältnisse überaus kostbar war, da lehnte sie wiederum den angebotenen Schlaftrunk ab. Denn irgendetwas sagte ihr, dass sie nicht wachliegen würde. Und so war es auch - kaum, dass Arite auf den Polstern lag, schlief sie ein.

Lesen Sie auch den zweiten Teil dieser Erzählung

© Text und Illustration:

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