Verschmähtes Fährgeld (1. Teil)Erzählung von Jutta Schöps-Körber |
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Die junge Frau heißt Semiramis, was in etwa "Taube" bedeutet, denn es war dieses Tier, das das Leben des neugeborenen, ausgesetzten Mädchens rettete. Der Vogel wärmte das Kleine mit seinen Federn und ernährte es mit Milch, die er dem Oberhirten Simma stahl. Der bemerkte den kecken Raub und er folgte dem Tier. So fand er das kleine Mädchen und nahm es an Kindesstatt an. Fünfzehn Jahre später übernachtete Onnes, der Stellvertreter des assyrischen Königs Salmanassar, im Hause des Simma. Semiramis reichte dem hohen Gast Weintrauben. Er jedoch hatte nur Augen für das Mädchen. Er brachte sie nach Assyrien und heiratete die Syrerin. + + + Heute, im Jahre 828 vor Christus, ist Semiramis jedoch unzufrieden. "Seitdem König Salmanassar nach Baktrien aufgebrochen ist", jammert sie ihrer Freundin Ninlil-hasina vor, "und mein Gatte wie ein Hund an den Sandalen des Königs klebt, seitdem ist es hier sterbenslangweilig geworden. Wo sind sie denn, die Vergnügungen in der sagenhaften Stadt Kalchu? Die Musikanten, die Dichter, selbst die Tänzerinnen, sie alle sind dem königlichen Tross nach Baktrien gefolgt. Nur ich, ich verschrumple hier allmählich und werde wie eine verhutzelte Traube aussehen, wenn Onnes endlich wieder zurück sein wird." "Baktrien", sinniert Ninlil-hasina und starrt in den Becher in ihrer Hand. Sie lässt den Wein darin kreisen, um und um, so, als wolle sie die Zukunft aus ihm lesen. "Einmal wird dieses Land Afghanistan heißen", behauptet die junge Frau, blickt auf und meint dann:
"Du bist völlig betrunken, Ninlil-hasina," lacht Semiramis, "Du vergisst, ich bin schon verheiratet. - Andererseits", meint sie und blickt nachdenklich auf Ninlil-hasina, die inzwischen in Schlaf gefallen ist, "wenn ich bedenke, dass Salmanassar schon einmal an der Burg scheiterte..." Und während das Schnarchen ihrer Freundin die Wände des Palastes erschüttert, entwickelt Semiramis mit ihrem Liebhaber Schamschi-ilu einen tollkühnen Plan.
+ + + Wochen später bricht Semiramis gemeinsam mit Ninlil-hasina nach Baktrien auf. Mit ihnen reiten zwölf junge Männer. Sie sind gut auf ihre Mission vorbereitet. "Wie ihr wisst, Männer!", rief Semiramis ihnen bei der Vorbereitung zu, "liegt die Burg Baktra auf einem Berg, der uneinnehmbar zu sein scheint. Es ist ein schrecklicher Berg, böse ist er, besteht nur aus nacktem Fels, so als ob Bäume, Gräser und Kräuter ihn aus Furcht meiden würden." Sie nahm einen Schluck aus einem Weinschlauch, schwieg danach, bevor sie ihre Männer beschwor: "Aber wir, Männer, wir sind keine schwachen Grashalme, keine Kräuter, die sich unter jeder Windbö ducken, wir sind auch keine Bäume, die verdammt sind, dort zu bleiben, wo sie wurzeln. Wir, wir können Arme und Beine einsetzen und unseren Verstand und das, Männer, das wollen wir tun. Wir werden die Burg Baktra erstürmen." "Klar", macht sich Enlil-bani lustig, "was erfahrenen Kriegsleuten nicht gelingt, das schafft ein schwaches Weib einfach mal so." Doch Semiramis lässt sich nicht beirren. "Ich mag schwach sein, aber nicht dumm. Es gilt, die Baktrier zu übertölpeln. Im Südosten wird der Burgberg nämlich nur durch eine schmale Schlucht vom Nachbarberg getrennt. Was sage ich! Es ist keine Schlucht, eher ein Spalt! Ja, ich weiß, man erzählt, die Todesgöttin Ereschkigal weile mitunter in diesem schmalen Abgrund! Aber wer von euch fürchtet Ereschkigal, wenn er Ischtar und Assur auf seiner Seite hat? Wir werden Seile mit Wurfhaken verwenden und über diese Schlucht hangeln. Auf der anderen Seite werden wir mit mitgeführten Strohbündeln ein furchtbares Feuer entfachen als Zeichen für unsere Soldaten! Und während die Baktrier fürchten, von hinten angegriffen zu werden, erstürmen unsere Truppen den Berg von vorne. Was sagt ihr, Männer? Wer mitmacht, der schlage ein!" Semiramis hält ihre Hand hin. "Das kann unser aller Ende bedeuten!", murrt Enlil-bani. Doch Schamschi-ilu schlägt ein und die anderen folgen zögernd. + + +
Es klirrt. Die Männer werfen die Fäuste hoch, weil das Wurfgeschoss sein Ziel erreicht hat. Aber noch ist es nicht sicher, ob sich der Haken auch im felsigen Untergrund des Berges festkrallen kann. Die Männer ziehen und zerren am Seil, der Haken rutscht ein Stück weit ab, doch dann bewegt er sich nicht mehr. Rasch wird das Ende des Seils um einen toten Baum gezurrt, der seinen letzten Ast wie einen warnenden Finger zum Himmel reckt. Jetzt spannt sich das Seil als dünne Brücke über die Schlucht. "Jetzt gilt's!", flüstert Semiramis. Doch mit einem Male hat sich aller Mut der Männer verflüchtigt. Stattdessen schwebt der Angstvogel über der Gruppe, breitet eine Wolke ekligen Schweißes über sie, lässt die Herzen rasen. Lesen Sie auch den zweiten Teil dieser Erzählung
Die Autorin:
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