Die Geister der Vergangenheit |
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Johannes Heesters ist allerdings noch am Leben - das ist er seit 107 Jahren und steht noch immer auf der Bühne. So wie er waren viele - damals, als man so großen Wert auf Unterhaltung legte, um entweder vom tristen Kriegsalltag abzulenken oder hinter schmalztriefenden cineastischen Werken Durchhalteparolen an das Volk zu bringen. Auch Heesters warf man Kollaboration vor, auch er hat hier in Deutschland Erfolge gefeiert, während seine Heimat unter den Nazis litt und Angriffen ausgesetzt war. Auch er bestreitet jedes Interesse für die politischen Ereignisse der damaligen Zeit und bezieht sich völlig auf seinen Beruf als Künstler. Von der Hand weisen kann man das, was im vorgeworfen wird, ebenso wenig wie man ihm eine Lüge vorwerfen kann, denn es ist nicht möglich, seine Sicht der Dinge einer Wahrheitsprüfung zu unterziehen. Er lebt schon lange nicht mehr in seiner Heimat, wo man ihn ausgebuht hat wegen seiner Vergangenheit. Nun ist er zu einem Empfang eingeladen worden, bei dem auch die Königin der Niederlande sein wird, was ihm die Hoffnung auf so etwas wie eine Absolution durch seine Landsleute gab - dann allerdings wurde die Einladung widerrufen. Die Gründe sind offensichtlich, auch wenn man sie ihm nicht offen genannt hat. "Selber schuld", könnte man dazu sagen - denn es gibt Dinge, die nicht verjähren bei denen, die durch den Krieg gelitten haben. Als Künstler ist Heesters nichts vorzuwerfen. Der Limonadenstil der Filme, in denen er mitwirkte, bewirkt zwar eine Art Sodbrennen, aber man kann ihm kaum vorwerfen, dass Heesters zum Zeitgeist gepasst hat. Es gibt zwar die Behauptung, dass er mit einem Ensemble 1941 in Dachau gewesen sei - aber das ist nicht schlüssig bewiesen worden. Er war mit Sicherheit anwesend, aber es ist strittig, ob er selber aufgetreten ist. Diese Angelegenheit endete mit einem gerichtlichen Vergleich. Die Frage, wie blauäugig jemand tatsächlich gewesen sein kann in diesen Zeiten, stellt sich natürlich und wird allerdings keine Antwort finden. Eine Lebenslüge ist etwas, das nicht erst im Dritten Reich erfunden wurde.
Es sind nicht mehr allzu viele Zeitzeugen am Leben, was das Dritte Reich betrifft - aber Johannes Heesters ist einer von ihnen. Sein außergewöhnlich hohes Alter schützt ihn nicht nur in keiner Weise vor Schuldzuweisungen, sondern fordert sie heraus. Er ist vielleicht der letzte Überlebende von den vielen Künstlern und Artisten, die in Deutschland lebten und arbeiteten, während der Nationalsozialismus seine Pläne verwirklichte, was die Herrschaft in Europa betraf. Den Vorwurf, den man ihm macht, hat man auch anderen gemacht, die für die Front unterwegs waren und die Schrecken nicht wahrnehmen wollten und auch nichts davon wissen wollten. Dass sie es doch taten, ist gewiss - wie sie damit umgingen, wird ihr Geheimnis bleiben. Niemand wird das Gespenst des Faschismus bannen, indem man einem alten Mann so etwas wie eine emotionale Heimkehr verweigert - mag er auch noch so gleichgültig oder naiv gewesen sein. Ganz Europa wird wieder heimgesucht von rechter Gewalt und rechter Polemik, und anders als die Geister der Vergangenheit sind die neuen Rechten sehr lebendig - es wird Zeit, sich darauf zu konzentrieren. Lesen Sie auch Dear Alice... oder 'Living next door to Alice'
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