Bewerbungen - Fast sechzig Jahre und ziemlich kaputt

Gedanken über ein auseinandergezogenes Leben

Arbeitssuche Bewerbung

"Was heißt das denn überhaupt, sich bewerben?" Die Stimme des Dozenten kam von weither an das Ohr des Mannes, der etwas steif vor dem Monitor saß. Sein Blick glitt ratlos und etwas ängstlich über die helle Tastatur, sie war etwas Fremdes für ihn. "Es bedeutet, dass man sich so gut wie möglich darstellt. Also heißt Bewerben nichts anderes, als für sich selber Reklame machen."

Der Mann blickte auf seine Hände, schwielige Pranken, die so gar nicht zu dem weißen Ding mit den Tasten passen wollten. Solche Hände bekam man, wenn man dreißig Jahre im Straßenbau geschuftet hatte. Dreißig Jahre war alles in Ordnung gewesen, man war zwar ziemlich kaputt am Feierabend - aber man konnte sich auch etwas leisten. Dann war der alte Chef gestorben - und sein Sohn, der hatte andere Dinge im Kopf gehabt. Irgendwann hatte man dann auf der Straße gesessen mit über fünfzig, weil die Firma Pleite gegangen war.

Der Mann mit dem kurz geschorenen grauen Haar lächelte ein wenig, als er daran dachte, wie er dann hier und da ausgeholfen hatte, ein wenig gehausmeistert hatte er auch. Es reichte nicht so recht, irgendwann hatte er dann seinen Antrag auf Unterstützung ausfüllen müssen. Das war schlimm gewesen, aber er hatte keine Wahl gehabt. Und jetzt saß er hier an diesen Maschinen, die er nicht mochte und mit denen er nicht umgehen konnte und schrieb Bewerbungen. Das hatte es nicht gegeben früher, da ging man zum Vorarbeiter und wurde per Handschlag eingestellt - das hatte immer gegolten. Und jetzt sollte er also Werbung machen für sich. Für einen Alten, der kaputte Bandscheiben hatte und mit dem auch sonst nicht mehr viel los war.

Einschalten, das Programm aufrufen, tippen und speichern. Das waren Dinge, die für ihn sehr kompliziert waren, aber er bemühte sich trotzdem sehr. "Nein, da müssen Sie eine Leerzeile machen, sonst sieht das nicht so gut aus. Und achten Sie auf die Rechtschreibung!" So stotterte er sich mühsam durch die Daten und sah sein ganzes Leben in einem kleinen Absatz vor sich. Schule und Lehre, dann Arbeit in einer Firma bis zum Schluss - das war's gewesen. Viel war das nicht, man musste es "ein wenig auseinanderziehen", wie der Dozent meinte. Und sein auseinandergezogenes Leben wurde dann ausgedruckt - dabei musste er sich auch helfen lassen, weil er die kleinen Bildchen auf dem Monitor nicht gut sehen konnte und immer danebenklickte.

Als er das Papier dann in den Händen hielt, hätte er am liebsten geweint. Das war alles, da drin steckte alles, was er gelebt und gearbeitet hatte in vielen Jahren. Und es war nicht genug, lange nicht genug. "Besondere Fähigkeiten?", hatte man ihn gefragt, aber da hatte er nichts zu sagen gewusst. Fast sechzig Jahre war er nun alt, und er hatte sich damit abgefunden, dass alles ein wenig knapp geworden war. Aber er und seine Frau brauchten nicht mehr viel - wozu auch, denn die Kinder hatten längst selber Kinder. Die sah er nicht oft, denn sie waren weggezogen, weil es hier keine Arbeit mehr gab. Ja und eigentlich war es gar nicht so schlecht, außer wenn ihm sein Rücken so wehtat. Aber das war nun einmal so, daran konnte man nichts ändern. "Verschleiß", hatte der Doktor gesagt. Und dass er nur leichte Tätigkeiten ausführen dürfe.

Dann hatte man ihn hierher geschickt - hierher, wo man ihm beibringen sollte, wie man sich "richtig bewirbt". Er kam sich nutzlos vor, verstand nicht viel von den Sachen, über die gesprochen wurde. Es interessierte ihn auch nicht sehr, denn wenn er lange saß, bekam er Schmerzen. "Die Leute sollen von der Straße weg", hieß es. Er lachte jedes Mal ein wenig, wenn er es hörte, denn er war schon lange "von der Straße weg". Und das war das Ende für ihn gewesen, nach dreißig Jahren. Er wollte, er könnte dahin zurück - dahin, wo seine Hände zuhause waren.

© "Bewerbungen" - ein Textbeitrag von , 2011. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

Werden Sie Autor bei Pressenet und schreiben Sie Fachartikel. Info: Autor werden

Sponsoren und Investoren

Sponsoren und Investoren sind jederzeit herzlich willkommen!
Wenn Sie den Beitrag auf dieser Seite interessant fanden, freuen wir uns über eine kleine Spende. Empfehlen Sie uns bitte auch in Ihren Netzwerken (z. B. Twitter, Facebook oder Google+). Herzlichen Dank!

Hinweis: Bücher von Pressenet gibt es im Buchhandel

Nach oben Sitemap
Impressum & Kontakt