Bildungs-Misere: TV-Kanäle voll, lesen null, schreiben null - Köpfe leer

Ein Beitrag von Reimar Oltmanns

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Arbeitslosigkeit, Armut und Analphabetismus in Europa   |   Jeder fünfte Jugendliche kann weder schreiben noch lesen   |   Der neue Trend: Deutsch für Deutsche   |   Vier Millionen Analphabeten   |   Sprengsätze in bildungsfernen Milieus   |   Kleiner Mann, was nun?   |   Schreib- und Leseschwächen in allen Gesellschaftsschichten...

(Februar 2011)   Deutschland in diesen Tagen. Der 46jährige Malergehilfe Ralf B.* aus Berlin-Kreuzberg ist ein Künstler - ein Überlebenskünstler. Tarnen wie Täuschen zählen seit jeher zu seinem Broterwerb. Möglichst niemand soll ihm auf die Schliche kommen, dass er des Lesens und Schreibens nicht fähig ist. Bankgeschäfte signiert die Ehefrau. Klassenarbeiten der beiden Kinder zeichnet sie gleichfalls ab. Selbst in der Stammkneipe macht er nur routinegeübt Kreuze auf den obligaten Bierdeckel. Überall dort, wo ein Kugelschreiber gebraucht wird, ist Ralf B. schon instinktiv "auf der Flucht"; ein von der Grundschulzeit antrainiertes Schutzverhalten. - Analphabeten in Deutschland.

Dabei schaut Familienvater Ralf ganz aufgeräumt und lebenslustig aus - riskiert er im Kollegenkreis auf Baustellen schon mal eine selbstbewusste Lippe. Kaum zu glauben, dass sich urplötzlich alles ganz schnell geändert hat; dass Ralf B. aus Berlin-Kreuzberg als Arbeitsloser im Nu zur neuen Unterschicht der unausgebildeten Analphabeten zugerechnet wird. "Unterschicht" - für dieses Wörtchen gab es in Deutschland über Jahre keine gezielte Verwendung. Nur in der Ära verschärften wirtschaftlichen Lebenskampfes mit sinkendem Realeinkommen, neuer Hartz IV-Armut als Folge eines ungeahnten globalisierten Kapitalismus - in solch einer Epoche fallen Hilfsarbeiter durchs Raster der Jobvermittlungen in die beargwöhnte Unterschicht-Kategorie; Menschen wie Anstreicher Ralf, die mit ihrem Analphabetismus unverhofft in Ämtern auffallen, erst recht. - Chancenlos.

"Heute", konzediert Marion Döbert, Bildungs-Expertin beim Unesco-Institut für Lebenslanges Lernen, "können Sie noch so eine exzellente Putzfrau sein - wenn Sie nicht lesen können, dann ist Endstation. Das wichtigste Werkzeug etwa für den Lageristen ist längst nicht mehr der Gabelstapler, sondern der Computer." Ergo fand sich auch der Berliner Anstreicher Ralf B. dort wieder, wohin er seit seiner Grundschulzeit "nie und nimmer wieder wollte" - auf der Schulbank. Damals hatte er nur schlechte Noten kassiert, "irjenwie durchjerutscht" und dann mit dem Pinsel in einem Malerbetrieb und auf dem Bau nicht weiter "uffjefallen". Naheliegend, dass Ralf B. noch nie ein Buch in der Hand hatte. Will er nun in einem Sonderprogramm der Volkshochschule wenigstens erreichen, die Preisschilder im Supermarkt richtig einzuordnen - Angst vor unbekannten Straßennamen oder auch Stationsschildern in den U-Bahnschächten hat er ohnehin. - Analphabeten-Leben.

Von der Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen, ist der Analphabetismus längst kein Problem der viel zitierten Dritten und Vierten Welt. Lese- wie Rechtschreibschwächen erleben in hochzivilisierten Ländern Europas eine ungeahnte, erschreckende Renaissance. Dabei unterscheiden Bildungsexperten zwischen totalem Analphabetismus, bei dem keinerlei Buchstabenkenntnisse vorhanden sind.

In Deutschland und Europa hingegen grassiert der so genannte funktionale Analphabetismus. Hier liegt eine mangelnde Lese- und Schreibfähigkeit vor. Der Betreffende fragt sich hilflos, in dieser schnelllebigen Welt der Laptops: "Kleiner Mann, was nun?" - Verloren in einer Informations-Gesellschaft verwirrender Buchstaben.

In Zahlen:

  • Nach Berechnungen der EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou in Brüssel können in Europa 20 Prozent der Jugendlichen unter 15 Jahren nicht richtig lesen und schreiben.
  • Weltweit sind 776 Millionen Menschen (ca. 16 Prozent der Weltbevölkerung) Analphabeten; davon sind zwei Drittel Frauen.
  • In Deutschland liegt die Rate von totalem Analphabetismus bei etwa einem Prozent; etwa 4 Millionen Menschen werden dem funktionalem Analphabetismus zugeordnet.

Auf Europa bezogen können auf diesem Kontinent zudem an die 80 Millionen Erwachsene - ein Drittel des Arbeitskräftepotenzials - nur sehr wenig lesen oder schreiben. EU-Zukunftsprognosen gehen aber davon aus, dass bis zum Ende des Jahrzehnts gerade der Anteil der Arbeitsplätze, die eine hohe Qualifikation erfordern, von gegenwärtig 29 Prozent auf Ende dieses Jahrzehnts auf 35 Prozent steigen dürfte. Aus Deutschland bezogen verlassen Jahr für Jahr etwa 80.000 junge Menschen ihre Schulen ohne den Hauptschulabschluss. Das sind zirka zehn Prozent der Schulabgänger. Sie parken in Arbeitsämtern oder Qualifizierungsmaßnahmen, ohne eine reelle Aussicht auf einen Job zu bekommen. Ganz nach dem Prinzip: "Wer zu spät kommt, straft das Leben."

Psychologen, Pädagogen und Gesellschaftskritiker machen für die Bildungsferne vieler Menschen unter anderem die ansozialisierte Verblödung des Fernsehens mit ihren Megathemen verantwortlich. Je dumpfer, je prolliger, je sprachlich einsilbiger - desto "erfolgreicher". Das Zapping, hastig, ruhelose Herumsuchen im televisionären Arsenal, ist zur zweiten Natur - zu einer Kulturinstanz der niederen Instinkte schlechthin geworden. Vorbei sind die Zeiten der unterhaltenden Aufklärung, Fernseh-Dialoge als sprachliche Orientierung. Quotenfixierung ist nunmehr gefragt - Verblödung, Big Brothers, Zahnarzt-Witze, sprachliches Kauderwelsch als Mischmasch-Sprache aus vielen Ländern inbegriffen. Viele türkische Schulkinder sind mittlerweile weder in ihrer Muttersprache noch in Deutsch zu Hause.

Schulalltag: Ganze Silben werden zwischen Deutsch und Türkisch verschluckt, verschiedene Dialekte mit deutschen Phrasen vermengt. Entwicklungsrückstande. Erinnerungslücken. Schulalltag künftiger Analphabeten, die in ihrer Intelligenz niemanden nachstehen. Fremd in beiden Sprachen. Fremd im lebenden Land. Und das ausgerechnet in einer Ära, in der die mithin weit über 80 TV-Programme qualitativ längst die Rolle der Leitfunktion als Schule der Nation - als unangefochtener Monopolist der Sinngebung übernommen haben.

Wer die Analphabeten-Armut reduzieren möchte, muss mit dem Stopp der Ausdünnung und Abholzung der deutschen Sprache auf "cool, geil, super, echt" beginnen. Satzbildung, Wortschatz, Fantasie sind gefragt. Der frühere Direktor des Deutschen Historischen Museums und spätere Kultursenator in Berlin, Christoph Stölzl, warf nicht grundlos der öffentlich-rechtlichen TV-Bewusstseins-Industrie vor, "stillschweigend einen erzieherischen Konsens" aufgekündigt zu haben. Dabei verwies er auf den legendären Kritiker Marcel Reich-Ranicki. Dieser äußerte sarkastisch: "Im Zweifel mache das Fernsehen die Klugen klüger und die Dummen dümmer." - Schöne Aussichten.

Immerhin: Im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Alphabetisierung stellte die Bundesregierung für den Zeitraum 2008 bis 2012 insgesamt 30 Millionen Euro zur Verfügung. Von den vier Millionen deutschen Analphabeten sind derzeit lediglich 20.000 Menschen in Kursen der Volkshochschulen: Deutsch für Deutsche in späten Jahren.

* Name von der Redaktion geändert

© Text und Bildmaterial Reimar Oltmanns

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