Das alte Bett, von dem Du Dich nun trennen willst

Eine Geschichte der Autorin Ute AnneMarie Schuster

Das alte Bett

Wenn ich es heute so betrachte, dann strahlt es eine ländliche Zufriedenheit aus. Karierte Bettwäsche, Kuschelkissen und irgendwie auch ein bissel romantisch. Aber wenn ich bedenke, was so ein Bett alles erzählen kann, dann sehe ich es mit ganz anderen Augen.

Mit den Augen der Liebe.

Mit den Augen der Wut.

Mit den Augen der Enttäuschung.

Ach was soll ich weiter fortfahren mit dieser Aufzählung, lassen wir doch das Bett erzählen. Schließlich hat es mehr gesehen, als mir lieb ist. Unsere erste Wohnung. Alex und ich haben ein kleines Paradies gefunden. Unter dem Dach, in einem alten Haus, bei einem reizenden älteren Ehepaar. Die beiden hatten gleich einen Narren an uns gefressen. OK, die Dame des Hauses war von Alex angetan und der Senior, betete mich an. Mir wäre lieber gewesen, beide hätten mich gemocht, aber so war es wohl ausgleichende Gerechtigkeit.

Geld? Alex und ich? Keinen müden Cent, naja damals gab es noch die Mark. Also kann ich sagen, wir waren arm wie Kirchenmäuse und glücklich wie zwei Herzerln, die zu einem zusammengeschmolzen waren.

Und dann kam ein wahrer Glückstag, Alex bekam von seiner Oma dreitausend Mark geschenkt. Einfach so. Keiner durfte es wissen, weil es ja noch mehr Enkelkinder gab und die hätten ja dann wohl auch ... oder nicht? Plötzlich waren wir reich. Ja ich weiß, so ganz reich ist etwas anderes, aber wir fühlten uns reich.

Wir fuhren mit dem alten grünen Käfer in die Stadt und da stand es *Unser Bett*: Weiße Rüschenkissen, dick aufgeplustert und an einem der unteren Pfosten hing ein Kranz aus echten Vergissmeinnicht. Ich weiß bis heute nicht, ob es dieser Vergissmeinnichtkranz oder das ganze Bett war. Wir sind nach einer halben Stunde mit dem Kaufvertrag für dieses Bett wieder aus dem Laden, haben uns hundert Gramm Lachs, ein Baguette, sowie eine Flasche Sekt gekauft und waren die glücklichsten Menschen, die durch den Regentag tanzten. Wir hatten ein Bett! Das Geld von Oma war fast aufgebraucht. Heute würde ich sagen, für unsere damaligen Vermögensverhältnisse haben wir das Geld leichtsinnig ausgegeben. Aber vieles was wir zu der Zeit angeschafft haben, hat uns nur kurze Zeit begleitet, dieses Bett ist nun seit fast 50 Jahren in unserem Besitz.

Ja liebes Bett nun gebe ich das Wort an dich weiter:

Danke dir meine liebe Rosa, du weißt, dass nicht alles schön war, was ich erlebt habe und ganz sicher wirst du ein paar Tränen vergießen, aber wenn du meinst, ich kann besser erzählen als Du, dann will ich es gern tun.

Die erste Zeit mit Dir und Alex war sehr schön. O wirklich. Ich wurde nicht nur als Bett, sondern auch als Lieblingsplatz von Euch auserkoren. Erinnerst du dich an die Geschichten, die dir Alex jede Nacht erzählt hat. Eigentlich waren das richtige Jungengeschichten. Zu Anfang hast du gelacht, weil Du dachtest irgendwann wird er Geschichten erzählen, die Dir gefallen.

Geschichten, die Deinen Wünschen entsprachen und von Familie und Kindern erzählten. Heute nach so vielen Jahren frage ich Dich, warum hast Du ihm nie gesagt, was Du hören wolltest? Du hast nie Deine Wünsche laut geäußert. Du hast nur gewartet.

Nun denke ich an meinen ersten Satz, liebe Rosa und muss feststellen, dass es ja doch nicht so wirklich schön war, oder? Na gut, lassen wir es dabei, dass sie doch recht nett war, diese erste Zeit.

Dann liebste Rosa, wurdest Du immer trauriger, manchmal hast Du kaum noch etwas gesprochen. Ja und Alex wurde auch immer stummer und irgendwann legte sich jeder auf seine Seite. In der Mitte hätte noch jemand Platz gefunden. Nicht nur Du hast mit Deinen Tränen gekämpft, sondern auch Alex. Ihr wurdet Euch immer fremder und ich wurde immer mehr geschont. Mein Laken war kaum noch zerknüllt, die Kissen brauchten nur ein kurzes Aufschütteln und mein Knarren hatte ich auch verloren.

Ich wurde zur Schlafstätte, für zwei Menschen, die sich auseinanderbewegten. Immer weiter rutschtet ihr zum Außenrand und immer weiter entferntet ihr Euch voneinander. Alex hörte auf Geschichten zu erzählen und Du hörtest auf, auf die Erfüllung Deiner Wunschgeschichten zu hoffen. Frau Friedrichs habt ihr einen Schlüssel gegeben, nur für den Notfall. Weißt Du das noch liebe Rosa? Heute will ich Dir verraten, dass sie fast jeden Tag die ganze Wohnung durchsucht hat und das Medaillon, in welchem das Bild Deines Vaters war, hat sie eingesteckt. Ja ich weiß, Du glaubtest, Du hättest es verloren. Nein Frau Friedrichs hatte es zwischen ihren prallen Brüsten vor Deinen Blicken sicher versteckt.

Ja und dann warst Du auch ohne dass Alex noch Geschichten erzählte, schwanger geworden. Dein Arzt wies Dich ins Krankenhaus ein und weil Du doch so große Sorgen hattest, dass Alex allein nicht zurechtkam, fragtest Du Marianne, ob sie nicht ab und an mal bei ihm vorbei schauen könnte. Marianne tat das gerne, sehr gerne sogar und irgendwann hatte sie, an einem gemütlichen Abend, bei Kerzenlicht, einfach zu viel getrunken und musste hier bleiben. In meinen weichen Kissen fühlte sie sich ausgesprochen wohl.

Sie sind Buchautor/in? Wir schreiben Rezensionen
für Verlage und Selfpublisher

Als Du dann wieder nach Hause kamst, war alles anders. Du bist den ganzen Tag oben bei mir im Zimmer geblieben. Ich fand das schön und auch nicht schön. Du hast so viel geweint, dass ich sogar mein Knarren vergessen habe. Das Baby hattest Du im Krankenhaus verloren und damit auch den Glauben daran, dass Du und Alex ein Kind bekommen würdet. Diese schmerzhafte Stille war auch für mich, obwohl ich nur aus Holz bin, einfach unerträglich. Doch was soll ein Bett machen? Es kann nicht die Koffer packen und sagen: He Leute bei Euch fühle ich mich nicht mehr wohl.

Vielleicht hättest Du nie etwas von dieser Geschichte erfahren, wenn Frau Friedrichs nicht so eine Plaudertasche gewesen wäre. Immer und immer wieder stichelte sie gegen Marianne. Und Du, nahmst Deine Freundin wie immer in Schutz. Alex und Marianne, nein! Das kam für Dich nicht in Frage und doch hast Du begonnen die beiden zu beobachten. Schweigend hast Du zugesehen, die Augen geschlossen und die Ohren verstopft.

Wie oft wurde ich eigentlich auf- und abgebaut? Wie oft, habe ich neue Häuser und Wohnungen gesehen. Wie oft? O glaub nicht, dass ich das Jahr vergessen habe, in dem Ihr mich in dem alten Schuppen auseinandergenommen in die letzte Ecke, hinter die alten Türen und Fenstern geschoben habt.

Abgestellt wie etwas, was Euch lästig war. Habt Ihr es getan, weil ich so vieles gesehen habe, wolltet Ihr alles vergessen? Auch Du, meine liebe Rosa, wolltest Du die Nachmittage mit Martin vergessen? Die Stunden in denen Du seinen Liebesschwüren gelauscht hast. Dachtet Ihr wirklich, wenn Ihr mich nicht mehr seht, seht Ihr auch Eure Taten nicht mehr?

Ich bin nichts als ein altes Bett, von dem Du Dich nun trennen willst. Du weinst Rosa? Warum weinst Du? Weil die Erinnerungen so nah sind? Weil Du heute nochmal auf mir gelegen hast und Dein Leben an Dir vorbeigezogen ist? Weil Du Alexander noch einmal so nah gespürt hast? Weil Du dieses Kind nie im Arm halten durftest und weil du Martins Worten so gern noch einmal lauschen würdest?

Fünfzig Jahre Rosa und Du beginnst ein neues Leben. Noch Rosa, stehen Dir alle Türen dieser Welt offen, noch darfst Du leben. Du bist nicht mehr jung, das weißt Du selbst, aber noch jung genug, um Deinem Leben wieder einen Sinn zu geben. Ich habe gern bei Dir gelebt, nicht jeden Tag, das gebe ich offen zu. Manches Mal war es einfach zu kalt in Eurer Nähe.

Schade, dass ich Dir nicht erzählen kann, was ich in den nächsten Jahren erlebe. Vielleicht nimmt mich jemand und macht Brennholz aus mir, wer weiß das schon. Obwohl ich gestehen muss, dass auch ich gern noch einmal ganz neu anfangen möchte, vielleicht in einer Familie, mit tobenden Kindern, so wie Du es Dir immer gewünscht hast.

Hier der zweite Teil der Erzählung Rosa erinnert sich

Kurzvita der Autorin:

Ute AnneMarie Schuster wurde im März 1949 in Kassel geboren. Lesen und schreiben hat sie seit ihrer Kindheit fasziniert und kein Zeitungsrand war vor ihr sicher ... alles wurde mit Worten oder Zeichnungen versehen. Die Liebe zum Schreiben war tief in ihr vergraben und ist fast explosionsartig zu Tage getreten. Immer war der Gedanke in ihr: "Wartet ab, bis ich sechzig bin, dann zeig ich es euch allen." Und wirklich: kurz nach ihrem sechzigsten Geburtstag hat die Autorin bei www.buch-schreiben.net begonnen, Gedichte und Geschichten zu schreiben.

Bis Ende 2010 hat Ute AnneMarie Schuster drei eigene Bücher veröffentlicht. Die Märchenbücher "Prinzessin Emma" Teil 1 und 2, ein Gedicht- und Geschichtenband "Lebensblüten - gel(i)ebte Poesie", sowie das Gemeinschaftswerk mit Norbert van Tiggelen "Ende gut alles gut". Außerdem ist die Autorin bereits in mehreren Anthologien mit vertreten.

Für Ute AnneMarie Schuster ist das wichtigste, Menschen jeden Alters klar zu machen, dass man jeden Tag neu starten kann. Man ist nie zu alt, seinen Wünschen und Träumen Leben einzuhauchen.

© "Das alte Bett, von dem Du Dich nun trennen willst" - eine Geschichte der Autorin Ute AnneMarie Schuster. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

Werden Sie Autor bei Pressenet und schreiben Sie Fachartikel. Info: Autor werden

Sponsoren und Investoren

Sponsoren und Investoren sind jederzeit herzlich willkommen!
Wenn Sie den Beitrag auf dieser Seite interessant fanden, freuen wir uns über eine kleine Spende. Empfehlen Sie uns bitte auch in Ihren Netzwerken (z. B. Twitter, Facebook oder Google+). Herzlichen Dank!

Hinweis: Bücher von Pressenet gibt es im Buchhandel

Nach oben Sitemap
Impressum & Kontakt