Das graue Rudel im Hartzer Land

Szenen aus dem Hartzer Land - Teil IV

Das graue Rudel

Über zwanzig Leute, und alle sind über fünfzig Jahre alt. Eigentlich wäre eine solche Maßnahme nicht mal schlecht - wenn sie denn freiwillig wäre. Wer ein halbes Jahrhundert Leben hinter sich gebracht hat, funktioniert nicht mehr ohne die eine oder andere Schadensmeldung des internen Systems. Das wird toleriert - jedenfalls ist die Kursleiterin da sehr entgegenkommend. Aber das Ziel ist nun mal, die grauen Wölfe und Wölfinnen "in Arbeit" zu bringen.

Viele der späten Schüler sind mit dem Internet vertraut, bewerben sich immer wieder auf Anzeigen, die sie irgendwo auf den vielen Job-Portalen finden. Haben sie keinerlei Ahnung davon, bringt man es ihnen bei. Und wer zweifelt, ob er dies oder jenes "bringt", bewirbt sich trotzdem. Eine wirkliche Wahl hat er nicht, der zauderliche Kursteilnehmer, denn er möchte keine schlechte Endbewertung haben - das könnte ihn in Schwierigkeiten bringen. Schließlich - und das wird häufig betont - muss am Schluss für jeden Teilnehmer ein Bericht geschrieben werden. Das ist so etwas wie ein Zeugnis - es zeigt dem Sachbearbeiter, ob derjenige einfach faul ist oder sich wirklich bemüht.

Da sitzen also die ganzen Mittelalterlichen und lassen sich auf alles ein, was man ihnen anbietet. Das sind meist Praktika, die von der Leitung aufgetan und an die Teilnehmer verteilt werden. Die werden zwar gefragt ... aber das ist reine Formsache. Je mehr sich die Maßnahme dem Ende nähert, desto größer wird der Druck - Bemerkungen darüber, wer für wen arbeiten muss, fallen häufiger als zu Anfang. Und die meist ratlosen Teilnehmer steuern auf eine Krise zu, denn irgendwann rechnen sie sich selber zu den Verlierern und daraus resultierend auch zu den Schmarotzern.

Bei der Maßnahme gibt es kaum jemanden, der sich drücken will - diejenigen, welche das wollen, erscheinen maximal am ersten Tag ... dann schicken sie nur noch Krankmeldungen. Soll heißen, wer hier die Schulbank drückt, hat eigentlich noch nicht völlig aufgegeben. Viele der Teilnehmer sind nicht zum ersten Mal dabei, sondern durchlaufen den Zyklus mit einiger Regelmäßigkeit. Entweder, weil sie noch immer keine Arbeit gefunden haben, oder weil sie nur etwas Befristetes bekommen konnten.

Da ist Irma, sie hat Arthrose in beiden Knien und ist an die Sechzig. Für sie steht eine Kur an, denn in der kalten Jahreszeit geht es ihr ziemlich schlecht. Man macht ihr Vorwürfe, weil sie noch nicht viele Bewerbungen rausgeschickt hat. Ulrike hat ein schiefes Knie und muss sich eine Schiene anpassen lassen, weil man hofft, dass dadurch eine OP vermieden werden kann. Sie braucht einen Job, den sie im Sitzen machen kann. Franz hat eine künstliche Hüfte und kann nicht lange gehen oder stehen, auch er steuert auf die Sechzig zu. Er bewirbt sich immer wieder. Viele haben eine Ausbildung, aber das nützt ihnen nichts.

Ilka ist Bürokaufmann, aber nach einer Augenoperation kann sie nicht mehr vor dem Bildschirm sitzen. Nun hat sie, als einzige der jetzigen Gruppe, etwas gefunden in der Altenpflege. Ein Knochenjob, der ihr kaum noch Raum lässt - aber Ilka ist glücklich, weil sie aus dem Hartz-IV-Bezug raus ist. Alle anderen machen Probearbeit oder eben ein Praktikum, so wie bei dieser Firma, die Kanülen herstellt. Fünf Teilnehmer waren dort - alle halfen dabei, einen eiligen Auftrag fertig zu stellen. Es war klar, dass niemand eingestellt werden würde ... alle fragen sich, was für ein Deal da wohl der Hintergrund war. Weigern konnte sich keiner. Wer dort nicht so funktionierte, wie es gewünscht war, bekam einen Rüffel in der Maßnahme.

Greta sucht verzweifelt etwas als Pflegerin oder in der Gastronomie - hat Praktika absolviert. Jetzt soll sie eines machen für vierzehn Tage, in einem entfernten Dorf. Es geht um Schichtarbeit, aber Greta wüsste nicht, wie sie nachts wieder nach Hause kommen sollte ... es fährt kein Zug. Greta ist bereit umzuziehen für eine Arbeit - aber dieses Praktikum ist unmöglich für sie. Aus diesem Grund bekommt sie einen Verweis. Man darf die Tatsache nicht aus den Augen verlieren, dass sie über fünfzig Jahre alt ist. Sie frisst den Groll in sich hinein und bewirbt sich verbissen weiter, um endlich "weg von denen" zu kommen. Das gilt auch für Arno, der eine kaufmännische Ausbildung hat, gut mit dem PC zurechtkommt und sich auf komplizierte Programme versteht - er hat auch Kanülen gesteckt, war der Firmenleitung aber zu langsam. Er brachte den Akkord nicht. Arno wird ebenfalls gemaßregelt. Er sagt nichts, aber es geht ihm nicht gerade gut deswegen.

Diese Menschen werden bestraft, wie damals vor vielen Jahren, als sie noch in der Schule waren. Das tut heute ebenso weh - nur, dass sie nun für etwas in die Ecke geschickt werden, wofür sie nichts können. Sie haben den desolaten Zustand des Arbeitsmarktes nicht verschuldet - aber sie werden zum Feindbild aufgebaut.

Jeder Teilnehmer der Maßnahme kostet den Steuerzahler übrigens auch etwas. Ein Kurs von etwa vierzehn Tagen wäre wohl auch genug, und es müssten keine acht Stunden am Tag sein. Pro Gruppe werden nicht mehr als durchschnittlich zwei bis drei Leute in Arbeitsverhältnisse gebracht. Aber hier verdienen die Bildungsträger - allerdings muss die Quote stimmen, denn wenn gegen Ende der Maßnahme noch alle da sind, wird man ungeduldig, denn es geht um Geld. Um Geld und die Arbeitsplätze der Dozenten - die müssen sich ebenfalls verantworten. Und dann bekommen sie auch einen Verweis ... vielleicht. Weil die Quote nicht stimmt.

Dieser Fall ist nicht fiktiv und nur ein kleiner Abriss aus dem schönen "Hartz".

© Text zu "Das graue Rudel": , 2011. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

Lesen Sie auch den fünften Teil Die Reise nach Jerusalem im Hartzer Land

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