Das tiefe Blau und die grauen Schattenschwimmer

Ein Kind erzählt

Blauer Ozean

Es ist lustig - es macht so großen Spaß, hier zu spielen. Mutter ist nie weit weg, die anderen auch nicht. Es sind viele Kinder hier, die das große Blau noch nicht lange zum ersten Mal erblickt haben. Und es gibt so viel zu lernen, so viel zu spüren. Die kleinen lustigen Leute, die im Sand wohnen ... sie erschrecken, wenn wir über sie wegzischen. Ich werde immer besser, immer schneller. Wo immer wir hinziehen, ich bin vorneweg.

Natürlich lassen die Großen das zu, noch bin ich zu klein, um wirklich ganz an der Spitze des Zuges zu sein, aber eines Tages werde ich ihn führen. Mutter stupst mich, wenn ich davon erzähle, sie fächelt mich und drückt sich an mich. Ich weiß, was das heißen soll - es bedeutet, dass noch viele Zyklen vergehen werden bis dahin. Aber das macht nichts, es ist auch so schon ganz wundervoll hier. Es ist schön zu leben - alles ist so, wie es besser gar nicht sein könnte.

Wir Kinder haben es herrlich hier, alle mögen uns und wenn das Blau dunkel wird, wissen wir, dass die Großen um uns herum sind. Es gibt auch andere Dinge, sie haben uns davon erzählt. Von anderen Wesen, die nicht wie wir sind - die tödlichen grauen Schattenschwimmer. Sie fürchten uns, aber Mutter sagt, dass ich sehr vorsichtig sein muss und nicht allein in ihre Nähe kommen darf. Sie will nicht ohne mich sein, aber das kann sie doch nicht, weil ich hier bin. Ich werde immer hier sein und mit ihr spielen, und bald werde ich ihr Geschenke bringen.

Ich bin noch ein wenig ungeschickt bei der Jagd, aber das wird besser und besser. Wir ziehen umher - dahin, wo es viel Beute gibt. Sieht einer etwas von uns, dann sehen wir es alle. In mir drin erreicht mich der Ruf, er kitzelt mich wie die Berührung meiner Mutter - und das ist herrlich. Ich weiß dann, dass wir alle zusammen sind und dass wir es bleiben werden. Wir sind schnell und halten uns zusammen, aber was ist das ...? Was ist das? Nein, das tut weh und hält mich fest. MUTTER!! Ich spüre sie, ich spüre die anderen - sie haben Angst. Das ist wie eine kalte Strömung direkt in mir drin, alle haben so furchtbare Angst und ich kann mich nicht mehr bewegen. Der Kopf zerspringt mir fast von den Rufen - keiner kann fort.

Jetzt zieht es mich fort. Wo sind die anderen? Ich kann niemanden mehr sehen. Nur spüren kann ich sie, aber nicht wie sonst. Mich erreicht ein Bild, ein Bild vom anderen Blau. Dort müssen wir hin, wir brauchen das, wir brauchen es bald. Mutter schreit, ich habe sie niemals schreien hören. Ich bäume mich auf, ich versuche zu drehen, um loszukommen - ich muss helfen. Aber ich verstricke mich fester, es ist wie Tang - nur dass es schneidet und verletzt. Ich will weg von diesem Ort, ich will da sein, wo alles gut ist und wo die anderen mit mir fröhlich sind. Mutter, Mutter, sag mir, dass das aufhört und dass wir zusammenbleiben werden, dass die Bilder nicht wahr sind, die ich von dir empfange.

Was ist das? Eines von uns Kindern antwortet nicht mehr, ich kann es nicht mehr in mir hören. Warum ist es so still, wo ist es? Jetzt singen die Großen - sie singen etwas, das ich noch nie gehört habe. Es gefällt mir nicht, es macht mir Angst. Ich zappele weiter, aber ich habe kaum noch Kraft, um mich zu bewegen. Und dann - ich muss weg hier, ich muss hinauf. Ich muss hinauf.

Noch eine Stimme ist fort - ich habe mit ihr Fangen gespielt, immer wieder. Wir haben doch so viel Spaß zusammen - es kann nicht sein, dass ich ihren Ton nicht höre. Das Blau, es wird anders und ich bewege mich nicht. Eigentlich bin ich müde, so müde ... wo ist Mutter? Ich will mich an sie drücken und ruhen. Sie schweigen alle jetzt, oder aber ich kann sie nicht mehr hören, weil ich so müde bin - vielleicht sind sie nach oben. Warum haben sie mich nicht mitgenommen?

~ ~ ~   Jeden Tag geraten Delphine in Schleppnetze und verenden qualvoll   ~ ~ ~

© Text und Foto zu "Das tiefe Blau und die grauen Schattenschwimmer": , 2011.

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