Erkenntnis, Integration und Gerechtigkeit

Rezension zu 'Die indonesischen Schwestern' - Ein Buch der Autorin Sandra Wöhe

Die indonesischen Schwestern

"Die Nachgeburt kütt", sagt die Hebamme, und das lenkt Phyllis für den Moment von ihrem Unbehagen ab, denn eine Geburt ist eine sehr komplizierte Angelegenheit. Wieso nur weiß niemand hier, dass ein Neugeborenes gleichmäßig langes Haar haben muss, um Schlimmes abzuwenden? Phyllis nimmt die Sache in die Hand und schneidet ihrer neuen Enkelin erst einmal den zarten Flaum zurecht. Einfach ist Integration wahrscheinlich nie so richtig, aber bei grundlegenden Dingen wird das Gefälle sehr stark spürbar.

Sandra Wöhes Buch ist die Geschichte einer besonderen Familie. Phyllis von Brück ist mit ihren drei Töchtern nach dem Tode ihres deutschen Ehemannes auf sich allein gestellt, und das in einem ihr fremden Land. In ihrer indonesischen Heimat ist alles völlig anders, und zwar mehr als man denken sollte. Gerade bei der Geburtsszene, mit der das Buch beginnt, werden die Unterschiede sehr deutlich. Für Phyllis ist das Geborenwerden mit Ritualen verbunden, die den Menschen in ihrer neuen Heimat fremd und unverständlich sind - ihre spirituelle Welt ist ein Gefüge, das sie nicht erklären könnte, selbst dann nicht, wenn sie es wollte. Vielleicht wären die Frauen der Familie weniger fremd, lebten sie in einer großen Stadt - auch wenn das paradox klingt. Aber in dem Dorf, in dem sie leben, ist eine Annäherung sehr viel schwieriger.

Der Leser lernt, wie die vielen kleinen Dinge des Alltags Menschen trennen können, und das völlig unbeabsichtigt. Phyllis sieht es als schlechtes Benehmen, wenn der Teller völlig leer gegessen wird. Kultivierte Leute, die wissen, was sich gehört, lassen etwas Reis auf dem Rand liegen ... es ist eine Gabe an die Götter oder an die Erde, die es uns gegeben hat. Durch das ganze Buch ziehen sich diese Spalten, die zwar nicht besonders breit scheinen, aber dafür umso tiefer sind. So hält die Lehrerin der jüngsten Tochter die Mutter für kalt und herzlos, denn sie versteht nicht, dass diese nicht die von ihr erwartete Regung zeigt. Dass sie selber eine Verständigung unmöglich gemacht hat, ist ihr nicht klar - überdies hat Phyllis sie richtig eingeschätzt: Sie hat erkannt, dass es hier nicht um Verständnis geht und stellt sich sofort auf die Seite ihrer Tochter, die einiges ausgefressen hat. Der Lehrerin fehlt ein wichtiges Stück Erkenntnis in Bezug auf Mutter und Tochter, sie glaubt an Abläufe und an Regeln. Und sie ist dem Mädchen nicht freundlich gesinnt.

Diese kleinen Vorkommnisse sieht man aus der Sicht der Mutter, und später auch aus der Sicht der Töchter - man ist auf der sicheren Seite, denn man kann darüber nachdenken, was gerade geschieht. Und man nimmt unweigerlich Partei, auch dann, wenn man manches nicht völlig nachvollziehen kann. Was der Familie von Brück alles widerfährt, lässt kopfschüttelndes und wohlwollendes Staunen zu. Wie Phyllis reagiert, wenn ihre Kinder ihre Welt auf den Kopf stellen - was nicht gerade selten vorkommt - kann man vielleicht mit ein wenig Neid betrachten. Nichts, aber auch gar nichts kann die tiefe Verbundenheit untereinander zerstören.

Eine der Töchter hat die Stelle des älteren Bruders eingenommen, obwohl sie weder das richtige Alter noch das richtige Geschlecht hat. Aber es kommt nicht darauf an, denn sie hat die Fähigkeiten dazu. Es geht nicht um Macht, es geht um Pflicht dabei. Und die Mutter des kleinen Mädchens, mit dessen Geburt die Geschichte anfängt, geht in ein Kloster - die zweite Tochter verliebt sich in eine Frau. Das hat im Übrigen für Phyllis keinen Stellenwert, ihr Volk betrachtet das als völlig akzeptabel. Die Jüngste wird zur Aktivistin und hat islamische Freundinnen. Es ist, trotz der massiven Probleme, einfach spannend zu lesen, wie Phyllis damit umgeht ... wie sie ihre Welt in den Angeln hält.

Sandra Wöhe beschreibt die kleinen Dinge des Alltags gelassen, und ebenso gelassen erzählt sie die tief greifenden Zweifel und Ängste dieser Frauen. Es ist wie ein Ausbreiten, und der Leser ist hingerissen, erheitert, traurig und manchmal auch ziemlich wütend. Es gibt eine Szene, in der Phyllis beim Metzger offen und unverschämt ausgegrenzt wird. Er ignoriert sie und bedient sie nicht, er wendet sich den neu hereinkommenden Kunden zu. Das geht auch der guten Frau Baumann zunehmend gegen den Strich und sie weist den Metzger darauf hin. Der fragt Phyllis dann auch widerwillig: "Was du wolle?" Spätestens hier wünscht sich der Leser, diesem Menschen so richtig eins überbraten zu können, aber die Heldin erteilt dann ruhig eine Lektion. Eine Schlüsselszene, die noch lange nachklingt.

Man versteht Phyllis oft sehr gut, aber manchmal bleibt sie einfach "anders", doch man mag sie. Man kann sich vorstellen, mit ihr beim Tee einige Stunden zu verplaudern und mit ihrer Enkeltochter zu schmusen. Sandra Wöhes Buch ist eine Geschichte, die alles hat, um spannend zu sein, sie zeigt eine Sicht der Dinge, die man noch nicht kennt und die auf leichte, manchmal aber doch philosophische und auch humorvolle Weise das Thema Integration und Gerechtigkeit hat. Und was gute Bücher immer ausmacht: nämlich, das man sie noch lange nicht aus dem Kopf kriegt - das ist hier allemal gegeben.

"Die indonesischen Schwestern" erschien 2011 und ist via Amazon erhältlich.
Lesen Sie auch unsere Buchvorstellung über Sandra Wöhes Roman Fünf Jahre danach

© "Erkenntnis, Integration und Gerechtigkeit" - ein Textbeitrag von , 2011. Abbildung des Buchcovers mit freundl. Genehmigung der Autorin Sandra Wöhe

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