Der Hunger der AnderenÜber mich und die Mütter, die Kindern beim Sterben zusehen |
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Er ist wirklich kein schlechter Kerl, mein Bruder, aber er hat die Sache mit dem Nachdenken aufgegeben. Seine Frau mümmelt immer noch was von den Kindern in Afrika vor sich hin, während sie ihre Cola zum Essen schlürft. Er sollte ja Diät halten, sein Blutdruck ist viel zu hoch, aber er hat auch das aufgegeben, weil seine Frau und die Kinder ständig am Mampfen sind. Mich laden sie ständig zum Essen ein, weil "ich es doch nicht so dick habe". Klar, das ist wohl so... aber DICK will ich es auch nicht. Immer läuft das so ab, dass ich ankomme und Kaffee kriege, dann die Jammerarie von der Rollmopskönigin anzuhören habe - ist wahrscheinlich der Ausgleich für erwiesene Wohltätigkeiten. Dann, so nach ihrem zweiten Kuchenstück, hat sie sich in Stimmung gemampft und bringt sich in Stellung. Dass es ihnen sooo schlecht geht, denn alles ist ja so teuer geworden. Ich denke an die vier Fernseher in ihrer Wohnung, einen für jedes Zimmer. Zwei PCs für die Kinder, die im Grunde nur zwischen ihren Schreibtischen und dem Kühlschrank hin und her pendeln, wenn sie daheim sind. Das sind sie meist, denn freiwillig bewegen sie sich nicht. Die Kleine kann die Shirts ihrer Mutter tragen, das mit elf Jahren. Aber ich sage nichts dazu, weil ich weiß, was als nächstes kommen wird. Mein Solarplexus fühlt sich steinhart an, ich verkrampfe mich immer noch. Dass ich ja so Pech gehabt habe mit der Kündigung (ist ein Jahr her). Ihr süßlicher Tonfall und der schnelle Blick aus ihren kleinen Augen, die zwischen den Fettpolstern fast verschwinden, sprechen eine andere Sprache, die Sprache ihrer ganz persönlichen Wahrheit. Irgendwie muss ich doch schuld daran sein, dass man mir nach 14 Jahren gekündigt hat. Ich weiß, dass sie das denkt.
Ich beschließe wieder einmal, nicht mehr herzukommen. Ich wohne nur drei Häuser weiter, sie hält mich an auf der Straße, wenn ich mich rar mache und sagt, so laut sie kann, dass ich doch vorbeikommen soll, weil immer was zu essen für mich da ist. Wo ich doch arbeitslos bin. Und ich mag meinen Bruder. Während sie redet und redet, überschlage ich meine Finanzen, um auszurechnen, wie viel ich spenden könnte. Ich vertraue den Organisationen nicht, aber ich werde es tun. Ich hab was zurückgelegt, so etwa zwanzig Euro an Kleingeld. War für Stiefel gedacht, weil es auf den Winter zugeht. Das werde ich nehmen dafür... ich muss das tun, weil ich die Kinder mit in den Schlaf nehme und morgens mit ihnen aufwache.
Immer noch sehe ich die hungerkranken Menschen, die Küche ist voll von ihnen. Meine Schwägerin, das ist sie wohl, diese lamentierende Person, schiebt mir ein Teilchen zu. Ich rieche die widerwärtige Süße geradezu, mein Magen hebt sich. Wir, die Hungernden und ich, wir können das nicht anrühren. Ich atme flach, damit ich mich nicht übergeben muss, als die Türe aufgeht und mein Bruder hereinkommt. Er ist dick, ja das ist er... aber sein Blick ist der wie dieser Kinder und Mütter im Raum, die nur ich sehen kann: Gleichzeitig hungrig und abgestumpft. Ich stehe auf und wir verlassen den Raum, die Schatten und ich... ich wünschte, er käme mit uns. Er müsste wie wir nie mehr hierher zurückkommen. © Text: Thomas Wedener, Berlin Die Abbildung zeigt eine hungernde Frau und Kinder (Quelle: Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei) Lesen Sie auch Ein guter Kumpel hat mich für immer verlassen
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