Rückblende - Inszenierungen von grandioser UnechtheitVom Blauen Bock bis zu Francis Durbridge |
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Lange bevor die Seifenopern Einzug in deutsche Wohnzimmer hielten, war die beliebteste Weinstube der Nation an jedem Samstag... oder war es Sonntag... überfüllt. Denn der "Blaue Bock" gehörte ab 1957 ebenso zum Wochenendritual wie die Sportschau. Dort traf man alle angesagten Sänger(innen), über die unsere Republik verfügte, vom Tenor bis zur Blasmusi-Kapelle und sogar Importen aus Europa, wie Gitte Haenning oder Nana Mouskouri, Rita Pavone und natürlich Vico Torriani und anderen Stimmungskanonen. Alles schunkelte, alles hob begeistert die Äppelwoi-Bembl und sang mit. Es war, nicht anders als heute, eine Inszenierung von grandioser Unechtheit - aber es gefiel nun einmal. Ob nun ein weißhaariger Herr den "Goldenen Rheinwein" besang oder das legendäre Medium-Terzett die eingedeutschte Fassung von "A hole is in the bucket" zum Besten gab - für Unterhaltung war gesorgt. Ob nun in Duoton oder farbig, ganz Deutschland hatte sein bevorzugtes Lokal. Natürlich gab es auch andere allgemeine Treffpunkte, wie zum Beispiel die Haifischbar, die eher das Lokalkolorit des Nordens repräsentierte und sich ebenfalls großer Beliebtheit erfreute. Das kleinere und weit weniger gutbürgerliche Hafenlokal hatte auch Gäste aus dem ganzen Land - wenn es auch mit dem Frohsinns-Tempel "Blauer Bock" nicht mithalten konnte. Für die eingefleischten Lederhosenfans gab es selbstverständlich auch etwas: das "Baierische Bilder- und Notenbüchl" mit Wastl Fanderl. Es handelte sich um eine Art rustikaler Bauernstube gepflegter Art mit jeder Menge Trachtenträgern, die allesamt Zither spielen konnten und vor allem jodelten. Der Conferencier war ein Bilderbuch-Bayer und äußerst sympathisch, wenn auch mehr der Künstlertyp als der schnauzbartbewehrte "Host mi Eingborene". Tatsächlich füllten diese Orte der Begegnung die Rolle aus, die heute die verschiedenen Online Communities haben - nur auf andere Weise interaktiv. Anders als heute konnte man zwar nicht direkt bei der Ausstrahlung kommunizieren, dafür aber waren die Ereignisse in der Lieblingslokalität das Thema bei der Arbeit, beim Einkaufen, beim Kaffeeklatsch. Das betraf vor allem die Vorläufer aller Dauerserien, wie zum Beispiel "Familie Hesselbach" oder "Die Unverbesserlichen". Die nämlich waren etwas, das erst in letzter Zeit wieder erfunden wurde: eine fast normale Familie mit real nachvollziehbaren Sorgen und Problemen wie Geldknappheit, Ärger mit den Kindern oder der Oma. Geknutscht wurde nicht oder fast nicht, dafür waren die Szenen ebenso wie die Dekoration unglaublich authentisch.
Im Gegensatz zu heute fürchterlich altbacken und geruhsam - aber trotzdem hat es noch nicht einmal Thomas Gottschalk oder Dieter Bohlen fertiggebracht, was die berüchtigten mehrteiligen Straßenfeger von Francis Durbridge (z. B. "Das Halstuch", 1962) auf die Beine stellten. Denn tatsächlich waren an den Abenden, an denen die Fortsetzungen ausgestrahlt wurden, die Straßen leer - bis auf unglückliche Hundebesitzer oder TV-lose Außenseiter vielleicht. Man hätte nackt an der Bushaltestelle stehen können und niemand hätte das bemerkt. Die Deutschen wurden allesamt zu Detektiven in dieser Zeit - es gab kaum ein anderes Thema. Wetten wurden abgeschlossen und Freunde verkrachten sich, ganze Familien spalteten sich in verschiedene Lager. Spannend war es, und mehr als unterhaltsam. Es war schon Kult, als es Gegenwart war. Heute kann sich niemand mehr vorstellen, dass Kinder unter dreizehn Jahren bei den Krimis von Edgar Wallace Fernsehverbot hatten, damit sie keine Alpträume bekamen - wo heutzutage schon in der Sesamstraße härtere Sachen zu sehen sind als diese unfreiwillig komischen Filme. Diese betuliche Zeit wünscht sich sicherlich niemand zurück, nur vielleicht den einen oder anderen Teilaspekt wie die wache Wahrnehmung. Die Zuschauer nahmen das Fernsehprogramm (das ja auch nur bis kurz vor Mitternacht ausgestrahlt wurde) sehr ernst. Kaum jemand ließ in jeden Raum der Wohnung einen Fernseher laufen, während er etwas anderes tat. Man sah tatsächlich hin und machte sich seine Gedanken darüber - der Ex-und-hopp-Konsument war noch nicht erfunden worden und grelle Flashs spielten noch keine Hauptrolle. Es kam auf den Inhalt an... auch wenn der manchmal so seicht war wie eine riesige Äppelwoi-Pfütze. Werden Sie Autor bei Pressenet und schreiben Sie Fachartikel. Info: Autor werden Hinweis: eBooks von Pressenet gibt es auf dem Portal xinxii.com. Bestellung auch direkt über uns möglich. |