Jan und die Märchenbühne der WunderErzählung von I. E. Schwartz |
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Er rannte die Treppen hinunter, so schnell, dass er mehr als einmal in ernsthafte Gefahr geriet, abzuheben. Und fast auf der letzten Stufe passierte es dann doch noch: Jan's Ferse verfehlte die Kante und er landete schmerzhaft auf der Seite. Von oben hörte er ein dumpfes Knallen, eine Frau schrie mit sich überschlagender Stimme einen Namen. Seinen Namen. Humpelnd und sich die Rippen haltend verließ Jan die Toreinfahrt und bog an der nächsten Ecke ab, das Gekreische seiner Mutter, die jetzt am offenen Fenster hing und schrie, verfolgte ihn noch eine Straße weiter. "Komm mir nie wieder unter die Augen, du Mistbalg!" Nicht, dass das etwas Neues gewesen wäre, dachte der Junge, denn mindestens drei- bis viermal in der Woche tat sie das, und die Nachbarn öffneten nicht einmal mehr die Fenster, um nachzusehen, wer da so ausrastete. Heute war es wieder einmal so weit, und er hatte kaum eine Chance gehabt, ihr irgendetwas recht zu machen. Seit Helge weg war, soff sie mehr als gewöhnlich, und dann war es immer so. Ihr letzter Freund, Helge, war abgehauen, weil sie selten nüchtern genug war, um etwas zu essen auf den Tisch zu bringen. Er trank nicht viel, aber mit Jan hatte er nichts am Hut. Er haute ihm ab und zu eine runter, wenn ihm etwas nicht passte, aber sonst übersah er ihn. Helge war nicht mal so übel gewesen, es hatte weitaus schlimmere "Freunde" gegeben. Die Rippen taten ziemlich weh von dem Sturz, aber nicht so schlimm wie die Hüfte, wo sie ihn mit der Pfanne geschlagen hatte heute morgen. Er hatte zum Kiosk gehen sollen, um etwas zum Trinken zu besorgen. Der Mann gab ihm nichts mehr, weil Jan erst elf war und auch ziemlich schmächtig für sein Alter. Jan wollte nicht gehen, und da war sie ausgetickt und hatte zugeschlagen mit dem Teil, in dem noch stinkendes Fett von wer weiß wann gewesen war. Schule war dann erst mal kein Thema mehr - aber er fehlte ja sowieso oft. Sie hatte ihm dann den Kopf gegen die Wand geschlagen und sich in den Mantel geworfen, um selber was zu besorgen.
Jetzt humpelte er also die Straße entlang, ziellos und in der Hoffnung, dass ihn nicht alle Leute anstarrten. Im Gesicht hatte er eigentlich keine blauen Flecke zurzeit, aber eine üble Beule an der rechten Seite des Kopfes und diesen stechenden Schmerz in der Hüfte. Das mit den Rippen kam dazu, also war Jan nicht besonders schnell beim Laufen. Er machte sehr langsam, da fiel es nicht weiter auf. Er würde sagen, dass er mit dem Rad gestürzt wäre, wenn jemand fragte - aber niemand sah ihn an und niemand fragte sich, warum ein kleiner dünner Kerl, sich die Seite haltend und schlimm hinkend, an die Hauswände drückte. Jan konnte sich kaum an eine Zeit erinnern, in der sein Leben anders gewesen war, nur manchmal träumte er von etwas Schönem. Jemand sang, und die Farben waren hell und warm, aber kurz nach dem Aufwachen verblasste es sehr schnell. Wenn er geträumt hatte, war es ein wenig besser den Tag über.
Jan folgte den Zeichen mit den Augen, und er sah erstaunt, dass das immer weiterging. Und etwas brachte ihn dazu, den Pfeilen zu folgen... die Straße entlang, dann in eine schmale Seitenstraße und in eine noch schmälere Gasse, die er nicht kannte. Und dann stand Jan vor einem Haus, das die Gasse abschloss, ein eher kleines Haus, an dessen Tür wieder das Plakat klebte - allerdings viel größer als das erste. Der Junge fuhr zusammen, als er eine Hand auf der Schulter spürte - instinktiv zog er den Kopf ein und hob den rechten Arm vor das Gesicht. "Na na, ich wollte dich doch nicht erschrecken, ich wollte dich nur begrüßen, Junge." Jan ließ den Arm sinken und sah auf - und in das interessante Gesicht des Kasperle von dem Plakat. Jedenfalls sah der Mann fast genau so aus, mit ziemlich großer Nase und buschigen Augenbrauen. "Du kommst gerade recht zur Vorstellung, Junge. Gleich wird angefangen." Die Stimme des Mannes war tief und freundlich, und Jan hätte beinahe angefangen zu weinen, als er stotternd sagte, dass er kein Geld habe. "Heute ist Gratisvorstellung, du hast Glück, Junge." Mit diesen Worten drehte ihn der Mann um und schob ihn sachte durch die jetzt offene Tür in das Haus. Wie es nun eigentlich gekommen war, dass er mit schmerzenden Knochen auf einem harten Stuhl saß und auf einen roten Vorhang starrte, wusste Jan nicht so recht - aber den Gedanken daran vergaß er, als die Musik anfing. Der Vorhang ging auf und alles war anders, ganz anders als er sich ein Puppentheater vorgestellt hatte. Die Puppen hingen wirklich an Fäden, aber sie sahen aus und bewegten sich wie richtige Menschen. Man hätte denken können, dass man etwas im Fernsehen sah - so echt war das. Es ging um einen Jungen, der sein Glück machen wollte und von zu Hause fortging. Seine Mutter weinte und jammerte, weil sie Angst um ihn hatte und weil sie ihn gerne bei sich gehabt hätte. Einen Moment lang dachte Jan an seine Mutter und das, was sie ihm wieder einmal nachgeschrien hatte - er wünschte sich in diesem Augenblick nur, dass er die beiden austauschen könnte, die Puppe und seine Mutter - dann vergaß er es wieder, weil das Märchen ihn gefangen nahm. Er fühlte sich wie in einem seiner schönen Träume, die Geschichte war schön und es gab Musik, zu der die Puppen tanzten und sangen. Aber dann wurde der große rote Vorhang zugezogen und er stand draußen auf der Straße, wo gerade die Beleuchtung eingeschaltet wurde. Er wusste nicht, wohin er gehen sollte, also wandte er sich dahin, wo er wohnte - er hatte keine Wahl. Eigentlich hatte Jan keine Angst an diesem Abend, die Puppen und die Lieder und das alles waren noch zu gegenwärtig. "Wunder", dachte Jan, "das bräuchte ich jetzt." Vielleicht hatte er ja Glück und die Alte war schon eingeschlafen oder überhaupt ausgegangen und er konnte auf seiner alten Couch liegen und an das Puppentheater denken. Der Schmerz in der Hüfte war einer Art Taubheit gewichen - spürbar, aber nicht mehr so stechend, und Jan kam ganz gut voran. Als er die Treppen hochstieg, vorsichtig und langsam, überkam ihn wieder für einen Moment die Angst. Aber er schloss kurz die Augen und sah das Plakat "Märchenbühne der Wunder" vor sich, und auch die Mutter aus dem Stück. Daran wollte er denken, nur daran.
Jan humpelte, so schnell er konnte, auf sie zu und warf sich in ihre Arme, die sie ihm entgegenstreckte. Es war so, wie er es sich immer gewünscht hatte. Sie roch wundervoll nach Leim und Farbe, und er nahm sich sehr in Acht, damit er die Fäden nicht durcheinander brachte. © Text: Ilona Elisabeth Schwartz für Pressenet © Abbildung: Gemälde "Erstaunlich" von Margret Hofheinz-Döring, Strukturmalerei, 1964 (Mit freundlicher Lesen Sie auch Golf (Ein Traum) - Cartoon von Thomas Alwin Müller
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