Das Diapendel - Stellen seiner Kindheit

Leseprobe aus dem Roman von Christian Bedor

Brief schreiben

Der Roman "Das Diapendel":

Der 52-jährige Thomas Lehr unternimmt in den vergangenen Jahrzehnten mit seinem Auto immer wieder Tagestouren zu seinem Geburtsdorf. Dieses musste er im Alter von 12 Jahren verlassen, weil seine Stammfamilie in eine Großstadt zog.

Im Dorf sucht er "Stellen" seiner Kindheit auf, fotografiert sie. Schwarzweiß und Farbe. Er macht sich Notizen mit Hilfe eines Diktiergerätes. Auf Tagestouren folgen mehrtägige Aufenthalte in einer Ferienwohnung, am Hang des Dorfes. Dort schreibt er ein Tagebuch und unternimmt Wanderungen.

Aus Angst, seinem emotionalen Vater, dem Bruder, seiner Herkunftsfamilie und den damit verbundenen Familiengeheimnissen zu begegnen, spricht er jedoch niemanden im Dorf an. Doch um seine eigenen Gefühlsanteile besser erkennen und sortieren zu können, möchte er sich öffnen. Da kommt ihm der Brief eines Schulfreundes zu Hilfe, der sich nach 40 Jahren zum ersten Mal meldet und ein Klassentreffen organisieren will.

Leseprobe aus "Das Diapendel":

... Samstag, 8. August 2009. Gestern war der Todestag seines Vaters. Thomas Lehr erinnerte sich jetzt im Alter von 52 Jahren stärker daran als in den Jahren zuvor. Er schrieb das seinen Tagebuchaufzeichnungen zu, die er in den Juli-Wochen intensiviert hatte. Der Todestag seines Vaters lag nun 19 Jahre zurück.

Es machte Lehr unzufrieden, dass er kaum zum Schreiben kam. Sein neues Buchprojekt. Das lag an häuslichen Aktivitäten. So kauften Lehr und seine Frau vorgestern eine Neon-Röhre für die Küche. Lehr hatte das initiiert. Das hätte nicht sein müssen. Es gab ausreichend künstliche Lichtquellen um Essen zuzubereiten. Er war nicht mal am Grab gewesen. Nach der Beerdigung am 7. August 2009. Er hatte seinen Vater angefasst. In der Totenhalle. Bevor der Deckel geschlossen wurde. Nur seine Mutter hatte ihn zum Sarg begleitet. Sie stand schräg hinter ihm. Am Unterarm, am Leichenhemd. Mit leichtem Druck. Weich und kalt fühlte sich das an. Es war seine erste Leiche, die er im Leben sah. Die er anfasste. Im Alter von 33 Jahren. Die Nachkriegsgeneration hat kaum Leichen gesehen. Die Kriegsgeneration viele. An der Front, in der Heimat. Nach Fliegerangriffen.

Lehrs Schwestern wollten ihren Vater nicht sehen und nicht berühren. Clemens ebenso wenig. Das packte Thomas' älterer Bruder nicht. Dazu gab es viele Gründe. Zum Beispiel diesen: Als Lehrs Vater und sein bereits erwachsener Bruder mal wieder Streit hatten, sagte Clemens in scharfem Ton zu seinem Vater: "... mich hättest Du besser an die Wand gespritzt!" Clemens kam angetrunken zur Trauergemeinde und während des Leichenschmauses ging das Saufen weiter. Auffällig. Er besoff sich auffällig. Clemens packte es sonst nicht. Während des Leichenschmauses. Nach circa einer Stunde bestellte Lehrs Bruder ein Taxi und verließ die Gesellschaft, ohne sich zu verabschieden.

Immer wieder dachte Lehr an den Tod. Das Leben ist endlich. Kam er nicht zum Manuskript-Schreiben, weil er in dieser Hinsicht blockiert war? Blockiert vom Tod und den Ereignissen drumherum? Das Leben ist endlich. Und es ist nicht halligalli.

"Wann schreiben Sie denn die Fortsetzung des 'Beichtgangs'?", hatte eine Leserin vor Jahren gefragt. Darauf hatte Lehr keine Antwort, denn einerseits kam diese Frage ad hoc, andererseits schmeichelte sie ihm. Lehr hätte lachen und weinen können. Gleichzeitig. Vor freudiger Trauer. Vor trauriger Freude. Jedenfalls hatte er keine Antwort bezüglich der Zeit. Eher eine gefühlsmäßige.

"Sie sollten wieder was Autobiografisches schreiben!", hörte Lehr an anderer Stelle.

Jaja, er hatte an Autobiografisches gedacht. Immer wieder mal. Und innerhalb von 52 Jahren hatte sich einiges angesammelt. Das musste raus.

Die Meldungen zur aktuellen Konjunktur ließen ihn depressiv werden. Im Radio hörte Lehr eingespielte Interviews. Passanten wurden gefragt: "Sind Sie auch schon depressiv, aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung? Glauben Sie, dass es wieder aufwärts geht?" "Wir müssen aus dem Loch herauskommen und sämtliche Kraftanstrengungen dazu unternehmen!", skandierten Politiker in den Medien. Das war bislang immer so, bei Menschen. Nach einer Tal-Sohle kommt der Berg. Das heißt dann: Aufstieg. Der Aufstieg ist mit Strapazen verbunden. So ist das im Leben. So war das schon immer. Immer. Wer was verändern will, muss aufsteigen. Aber wenn man auf der Bergspitze ist, geht es nur noch abwärts. Rundherum.

"Ich will nicht zu Hause bleiben! Während meine Urlaubs", sagte Lehrs Frau 2009. "Ich will draußen was erleben!"

Er erlebte drin etwas. In sich selbst. Da ging hinlänglich die Post ab. Thomas Lehr brauchte das Draußen nicht. Er war so schon ständig genug unterwegs. In seinem Innersten. Hauptsächlich in seiner Vergangenheit. Und in der Vergangenheit derjenigen Menschen, die damals sein Netzwerk ausmachten. Man lebt ja nicht nur in seiner eigenen Vergangenheit. Andere Vergangenheiten werden mitgelebt. So griff Lehr mit dem Schreiben in die Vergangenheit anderer Menschen ein. So oder so. Ob sie es wollten oder nicht. ...

© Leseprobe aus "Das Diapendel" mit freundlicher Genehmigung von Christian Bedor; Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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