Die Mutter des Marionettenkaisers I

Leseprobe aus dem Roman von Ulla Schmid

Westrom

Ort und Zeit der Handlung:
Weströmisches Reich, in der zu Ende gehenden Kaiserzeit zwischen 450 und 476 nach Christus.

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Orestes saß in seinem Büro und las Schriftstücke und Depeschen. Seinen Sohn Romulus hatte er mit irgendeinem unwichtigen Schriftstück, das er studieren sollte, in dessen Zimmer geschickt. Irgendwann einmal musste Orestes den Jungen in sein künftiges Amt als Kaiser einweisen. Mit wichtigen Anliegen kam der Junge bislang noch nicht in Berührung, aber es wäre jetzt an der Zeit, ihn so nach und nach in sein Amt hineinwachsen zu lassen. Doch es sollte nicht so weit kommen, und das rettete Romulus letztendlich das Leben. Dieser war aber so sehr mit seinem Vater verbunden, dass er alles, was dieser tat, als richtig ansah.

Orestes hatte jetzt die absolute Macht inne. Er zog alle Fäden und nichts geschah ohne seine Einwilligung. Nur war er endlich da, wo er hingewollt hatte. Seinen Bruder Paulus und seine Getreuen hatte er an wichtigen Stellen sitzen, um sich so ihrer Treue und Gefolgschaft sicher zu sein.

In Dalmatien saß immer noch Julius Nepos, der von Orestes gestürzte Kaiser, der trotz seiner Flucht noch sehr viel Macht über Westrom ausübte.

Nun erhoben sich die für das Römische Reich so wichtigen germanischen Hilfstruppen und forderten Land - und ausgerechnet Odoaker war ihr Anführer. Odoaker hatte sich schon immer für seine Landsleute eingesetzt, und eines Tages war er verschwunden. Orestes ahnte, wohin es Odoaker verschlagen hatte und was er wohl plante, und doch war er überrascht. Es sollte nicht lange dauern, bis Odoaker an der Spitze der Aufständischen vor dem Kaiserpalast auftauchte.

Den Palastwachen gab er barsch zu verstehen: "Ich möchte sofort in den Palast geführt werden zu demjenigen, der die Macht innehat, und das ist sicher nicht dieses Jüngelchen namens Romulus Augustulus."

Die Palastwachen bebten vor Zorn, was von Odoaker mit Zufriedenheit bemerkt wurde. Und doch mussten die Römer schon lange hinnehmen, dass andere Völker eben so mit ihnen umgehen konnten. Dafür ließen sie Odoaker über Gebühr lange warten, bis er zu Orestes geführt wurde. Odoaker war sowieso nicht bester Laune, und er glaubte vor Zorn platzen zu müssen. So stand das Treffen unter keinem guten Stern.

Orestes war die Hauptperson, aber Romulus stand neben seinem Vater und neben diesem Paulus. Das Gespräch führten Odoaker und Orestes und eine bitterböse Bemerkung des Odoaker, wer denn nun Kaiser sei, trieb nicht nur dem Romulus die Verlegenheitsröte ins Gesicht. Zum ersten Mal begriff der Junge, dass er nur eine Marionette seines Vaters war. Dieser und Odoaker maßen sich mit zornigen, ablehnenden Blicken.

"Ich bin gekommen, um für die germanischen Hilfstruppen Land in Italien zu fordern. In den germanischen Hilfstruppen dienen sehr gute Soldaten und du könntest bei einem Angriff auf Rom auf sie zurückgreifen; sie sind sehr zuverlässig. Du weißt sicher, dass es sich Rom nicht leisten kann, auf die Dienste der Hilfstruppen zu verzichten. Wir wollen nur ein Stück Land, das wir bebauen können, und uns integrieren."

War es wirklich nur die Landforderung? Es soll fast ein Drittel der Reichsfläche gewesen sein. Orestes lächelte spöttisch. Wusste er wirklich nicht, dass Odoaker Recht hatte? Auf jeden Fall wusste er schon, dass er Odoakers Forderung nicht nachkommen würde. Allerdings musste er Zeit schinden. Auf jeden Fall hätte er mit den Angehörigen der Hilfstruppen sicher leben können und das geforderte Land wäre für das Reich nicht "verloren" gewesen.

Odoaker ahnte um die Gedanken des Orestes und gab ihm barsch zu verstehen: "Du weißt doch sehr genau, dass du meine Forderung nicht ablehnen kannst."

"Gib mir noch drei Tage Bedenkzeit", begann nun Orestes überheblich. "Ich werde dir dann sagen, wie ich mich entschieden habe."

Odoaker bebte vor Zorn, und er sah, wie Romulus das Haupt senkte. Der Junge hatte sich überhaupt nicht geäußert. Dieser Orestes schien wirklich noch nicht begriffen zu haben, dass er es sich nicht leisten konnte, die Hilfstruppen vor den Kopf zu stoßen. Odoaker konnte sicher sein, dass Orestes seiner Forderung nicht nachkommen würde.

"Verlass dich drauf, dass ich mit den Hilfstruppen, die vor dem Palast warten, in drei Tagen wiederkomme, und glaube mir, du kannst es dir nicht leisten, uns abzuweisen. Bedenke die Folgen", sagte Odoaker eindringlich.

Orestes grinste ihn höhnisch an. Auf keinen Fall würde er dem Ansinnen der Hilfstruppen nachgeben. Paulus indessen sah es als besser an, dem Ansinnen des Odoaker und der Hilfstruppen nachzukommen. Mit seinen wirklich guten Argumenten konnte er Orestes nicht überzeugen.

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Über die Autorin:

Ulla Schmid wurde im Jahre 1955 in Aalen geboren. Zum Schreiben kam sie erst im Jahr 2000, hat aber die Schreiberei nur als Hobby betrieben. Erst in den letzten Jahren der Grund- und Hauptschule wurde ihr Interesse am Historischen geweckt. Als sie mit dem Schreiben auf der Stelle trat, buchte sie ein Fernstudium bei der "Schule des Schreibens" in Hamburg. Im März 2004 begann sie ihren Roman über die Varusschlacht und die daraus resultierenden Germanenkriege.

Alle Bücher von Ulla Schmid auf ihrer Autorenseite

© Text zu "Die Mutter des Marionettenkaisers": Autorin Ulla Schmid. Die Abbildung zeigt einen Kartenausschnitt des westlichen Mittelmeerraumes ab 450 bis etwa 476, aus dem "Allgemeinen historischen Handatlas" von Gustav Droysen, 1886 (Quelle: Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei)

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