Die Geschichten von meinem Großvater

Erzählung

Margret Hofheinz-Döring

Margret Hofheinz-Döring: Janssen

Ich gehe gern zu Opa, auch wenn meine Eltern meinen, dass er mir "unsinnige Ideen in den Kopf setzt". Ich weiß nicht genau, was sie damit meinen, denn ich find die Geschichten von meinem Großvater einfach nur cool. Nicht, dass ich alles glaube, was er mir so erzählt, aber das allermeiste ist schon wahr, denke ich.

Er wohnt in einem Altersheim, jedenfalls nennt er es so. Mam sagt "Seniorenresidenz" dazu, aber Residenz ist irgendwie anders. Ich hab das Wort im Internet nachgesehen ... das hier ist anders. Nicht wie ein Krankenhaus, aber auch nicht wie eine Art Regierungssitz. Egal, ich geh jeden Freitag zum "Haus goldener Herbst", wo die vielen alten Leute nun eben residieren und besuche Opa. Er hat einen Zimmergenossen - einen, der anders ist als mein Großvater, aber auch ziemlich nett. "Wir leben in einer WG", meint Opa immer und kichert dann vor sich hin.

Mein Opa ist anders als alle anderen hier im Heim, er ist der einzige, der zusammengebundene lange Haare hat. Er hat noch keine Spur von Glatze, und ich mag die weiße Mähne, sie erinnert mich an die Fantasy-Geschichten, die ich mir früher gern angeschaut habe. Ja, und außerdem hat er auch andere Klamotten an, so Hemden mit Weste drüber und Jeans. Mama meint immer, dass ein alter Mann doch etwas mehr Würde zeigen und sich anders kleiden soll. Wenn Opa aber mit seinem typischen Grinsen fragt, was er denn anziehen soll, gibt sie keine Antwort. Ich kenn ihn nicht anders, und ich mag ihn, wie er ist.

Er erzählt gern von früher, als er so alt war wie ich ... also vierzehn. Muss 'ne interessante Zeit gewesen sein. Die hatten kein Handy damals, was ich erst mal nicht glauben konnte. Aber Herr Schüller, der Mitbewohner, hat gesagt, dass es sogar Leute gab, die nicht mal einen Festnetzanschluss hatten. Ich kann's mir nur schwer vorstellen, aber Opa meint, dass man etwas, das man nicht kennt, auch nicht vermissen kann. Die haben damals jedes Treffen direkt ausmachen müssen, die konnten sich nicht spontan verständigen oder so. Es gab so Treffpunkte, wo man hinging, weil man wusste, dass die Leute, die man kannte, alle da waren. Aber man konnte auch Pech haben und stand erst mal alleine rum. Ich find so was eher umständlich, aber andererseits auch irgendwie abenteuerlich.

Wenn ich irgendwas tun will, simse ich meine Kumpels alle an und mach die Zeit fest. Ist einfach. Opa nennt das allerdings "langweilig". Als ich fragte, wie die das mit den Mädels gemacht haben, hat Opa richtig losgelacht. "Die haben wir angesprochen", hat er gegluckst. Mann, einfach so ansprechen ist nix für mich. Erst mal ansimsen, ob sie überhaupt Interesse hat, find ich cooler. Aber dann hat er von den Zettelchen erzählt, die man sich geschrieben hat. Das gefällt mir besser. Ist irgendwie schon romantischer. Ja und dann, als er älter wurde, da hat er sich für Dinge eingesetzt, die wichtig waren für ihn. Die Geschichten hör ich am liebsten, wenn meine Eltern das auch nicht gern sehen.

Opa hat mit seinen Kumpels demonstriert, so gegen irgendeinen Krieg, weil der nicht gerecht war. Dann gab's richtige Schlachten gegen die Polizei und so, weil die das nicht gerne hatten, wenn man gegen irgendwas war, das die Regierung tat. Und sie haben ihren Eltern Fragen gestellt, von wegen Adolf Hitler und so. Darüber hab ich im Internet nachgelesen und auch was in der Schule gelernt. Also DAGEGEN wär ich auch gewesen. Ich hätt's auch nicht gut gefunden, wenn meine Eltern das gemocht hätten. Aber als ich mal gefragt hab, da hieß es nur: "Lass doch die alten Geschichten, das ist lange vorbei", und dass sie das ja alles nicht erlebt hätten. "Dein Opa war ja wohl auch nicht dabei", kam dann noch.

Dann gab's auch noch die Typen, die gegen Tierversuche und das alles waren, die haben richtig was getan. Opa sagte, dass viele "Aktionen" eher illegal waren - aber was viele bei uns an der Schule machen, ist auch nicht legal. Und es nützt niemandem. Ich hab meine Alten schon mal gefragt, wieso sie sich nicht für irgendwas einsetzen. Aber die haben gar nicht richtig mitgekriegt, was ich wollte. Von meinen Freunden macht eigentlich auch keiner richtig was, wir sitzen rum und zocken Games oder so. Mam hat Angst, dass ich von Opa zu viel über Drogen oder so was hören würde. Aber er hat's mir erklärt, wie das war damals. Und wenn ich so höre, wie die "Gras" geraucht haben und zusammensaßen, denk ich mal, dass die Typen an der Schule, die immer ihren Flachmann dabeihaben, wohl abgedrehter sind. Gefährliche Drogen hat's auch gegeben, klar - aber die konnte man nicht mal eben so am Kiosk kaufen. Opa sagt, dass man nix nehmen soll, weil der Verstand das wichtigste ist, das man hat. Er hat auch ein Handy und ein Notebook, und er kommt echt klar damit. Er freut sich auch über die Leute, die er so kennenlernt im Web und alles. Aber trotzdem, damals war alles eben - dann zwinkert er immer - "voll Echtzeit und live, ständig in 3D und Blu-ray". Und völlig kostenlos dazu.

Manchmal denke ich, es wäre schon spannend, mal 'ne Woche in der Zeit zu leben. Vor allem, weil Opa sagte, "Kloppe, bis einer liegt, und dann noch voll reintreten, hätt's nicht gegeben". Und das find ich ja nun echt cool.

© "Geschichten von meinem Großvater" - eine Kurzgeschichte von , 2011. Abbildung: Gemälde "Janssen" von Margret Hofheinz-Döring, 1932 (Mit freundlicher Genehmigung
der Galerie Brigitte Mauch)

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