Meister Till und die Presse |
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Auf dem Podium stand ein Typ, von dem ich mit Sicherheit kein gebrauchtes Auto gekauft hätte. Er redete eine Menge süßlichen Quatsch - über Betriebstreue und Einsatz, dass alle Mitglied einer großen Familie seien - und was dergleichen Allgemeinplätze mehr sind. Den Quark würzte er mit launigen Bemerkungen und schob zur Sicherheit seine fettige Lache gleich hinterdrein. Könnte ja sein, dass niemand darüber lachte. Dann wurde den 15 Verabschiedeten eine Urkunde nebst Wandbild, auf dem der Betrieb als falsches Kupferrelief zu sehen war, überreicht. Jeder hier wusste, dass die Firma der reine Abzockerbetrieb ist - deshalb war mir eigentlich so richtig schlecht dabei. In der kleinen Stadt hier hat fast jeder einen Bekannten, der in dieser Firma Schichten fährt, schon allein, weil es sonst praktisch keinen größeren Arbeitgeber gibt - deshalb fragte ich mich, wieso irgendwer glaubte, den Leuten Lügen erzählen zu müssen. Während ich dem Programm so halb und halb zuhörte, sah ich ihn. Er stand an einer Seitenwand nahe der Bühne, hatte die Arme verschränkt und grinste auf eine Weise, die mir irgendwie sofort auffiel. Er trug eine Jeans und ein Jackett, war also eigentlich richtig unauffällig. Auf der Bühne wurde nun eine Bildershow angekündigt, weswegen ich sofort diesen kaum zu unterdrückenden Drang zum Gähnen spürte. Einen Moment lang hatte ich die Wand nicht beobachtet - und der Kerl war weg.
Aber dann waren alle hellwach - denn was nun auf der Wand zu sehen war, taugte nicht zum Wegpennen. Der derzeitige Chef der Firma grapschte begeistert an einer drallen Dame herum, die nicht allzu viel anhatte. Eigentlich hatte sie außer hohen Stiefeln überhaupt nichts am kurvigen Leib. Während allen der Kiefer herunterhing, kam das nächste Bild, welches äußerst interessante Abrechnungen zeigte. Dann ein Schreiben mit dem Stempel "Intern", auf dem die Vorarbeiter angewiesen wurden, die Leute unter Druck zu setzen, damit sie "freiwillige" Sonderschichten führen. Und immer wieder Leute aus der Chefetage in interessanter Gesellschaft. Der Saal tobte mittlerweile und jemand versuchte den Projektor auszuschalten, was aber aus irgendeinem Grund nicht gelang. Dann brach die Show ab, vermutlich hatte jemand den Stecker gezogen. Aber ich genoss das Spektakel nicht allzu sehr, denn ich beobachtete diesen speziellen Mann. Der ging, geradezu sardonisch lächelnd, auf den Ausgang zu, die Hände immer noch in den Taschen und mit einem seltsam tänzelnden Gang. Ich kämpfte mich durch das Gedränge, um ihm zu folgen, aber als ich endlich die Tür erreichte, war er verschwunden (unnötig zu sagen, dass mir nicht erlaubt wurde, über die Bilder zu berichten).
Als ich ihm wiederum folgte, drehte er sich herum und sah mir lächelnd ins Gesicht, so als ob er sich an mich erinnern würde. Ich machte ein Foto, bevor ich ihn wieder verlor. Als ich in der Redaktion die Aufnahmen auswerten wollte, waren alle Bilder gut geworden - nur dieses eine nicht. Es war schlichtweg nicht mehr vorhanden. Dann sah ich ihn immer öfter, er war bei der Sitzung der Karnevalsfreunde dabei und auch bei der Einweihung des neuen Rathauses. Ich sah ihn bei der ultimativen Werbeveranstaltung eines Multi-Level-Marketing-Molochs und bei einer Spendenaktion des hiesigen Waisenhauses. Und jedesmal passierte etwas sehr, sehr Außergewöhnliches und vor allem sehr Skandalöses. Immer lächelte er mir zu, meist mit einem Zwinkern. Als wutentbrannte Tierschützer mit Gemüse warfen (bei der Vorstellung des neuen Vogelhauses im Tierpark) war er auch dabei - er verschwand, kurz bevor man auf dem projizierten Video sah, wie zwei Tierpfleger mit Bierdosen nach den Fasanen warfen, und tänzelte bei dem darauf folgenden Tumult zum Tor. Diesmal wollte ich mich nicht abhängen lassen und rannte ihm nach. Er verschwand nicht, sondern drehte sich um und sah mir lächelnd in die Augen. Dann deutete er auf die Kamera und stellte sich in Positur. Er machte eine absonderliche Geste - so als wollte er mir eine lange Nase drehen. Wie im Traum drückte ich auf den Auslöser, und wie im Traum starrte ich ihm nach. Ich fuhr nicht zur Redaktion, sondern nach Hause, wo ich sofort den Computer einschaltete. Ich konnte es kaum erwarten, das Bild zu sehen, denn ich wusste, dass es diesmal nicht verschwunden sein würde. Auf dem Foto stand er inmitten der Leute, mit beiden Händen diese typische Bewegung machend. Sein überaus kluges Gesicht trug einen mutwilligen Ausdruck. Genau so hatte ich es gesehen, als ich den Auslöser drückte - nur hatte ich einen Mann in Jeans, Shirt und Jacke fotografiert. Auf dem Bild trug er schreiend bunte Kleidung, die in viele Zipfel auslief. Eine Art enge Kapuze, die ebenfalls mit Zipfeln besetzt war, bedeckte den Kopf völlig, bis auf das Gesicht. Und überall blitzten kleine Schellen auf. Und da wusste ich, wo ich das schon einmal gesehen hatte... es war in einem Buch gewesen, das mit alten Holzschnitten illustriert war. Einer davon sah genau so aus wie meine Fotografie und hatte folgende Unterschrift gehabt: "Meyster Ulenspygel tut den Herren eynen Tort." * Tort: etwas Unangenehmes, Ungerechtes Die Illustration des Till Eulenspiegel stammt aus dem Buch "Bibliothek des allgemeinen und praktischen Wissens. Bd. 5" (1905), Deutsche Literaturgeschichte, Seite 60, und zeigt den Titel der ersten erhaltenen Ausgabe des Eulenspiegel, gedruckt zu Straßburg durch Johannes Grieninger 1515 (Quelle: Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei) Lesen Sie auch Bienen haben Sinn für Humor
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