Winter in Deutschland: Das Leben auf der Straße

Erst wohnungslos, dann Penner-Romantik?

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Spätherbst jeden Jahres. Der Winter ist aktuell wieder ein Thema hier in Deutschland. Gerade jetzt, wo es auf die wirklich kalten Tage zugeht. Nicht, dass bis jetzt alles glatt gegangen wäre - es hat schon etwa 20 Tote gegeben in diesem Jahr, und in den letzten Jahren waren es einige hundert. Bilder von der Penner-Romantik, abenteuerliche Typen, die im Winter um ein altes Ölfass herumstehen, in dem ein Feuer brennt und die es sich gut gehen lassen, gehören eher in Spielfilme. So etwas ist vielleicht in den USA möglich, denn hier in Deutschland ist das Ordnungsamt schon zur Stelle, bevor das erste Streichholz angerissen ist.

Das Leben auf der Straße hat auch im Sommer nichts romantisches, es ist nur weniger mühevoll für eine kurze Zeit. Das Erfrieren ist wenigstens ausgeschlossen, gefährlich bleibt es trotzdem. Vielleicht gibt es wirklich Menschen, die das Leben ohne Dach über dem Kopf vorziehen... wenn es warm ist. Im Winter macht das keiner freiwillig.

Es geht sehr schnell heutzutage, sich als Wohnungsloser wiederzufinden. In unseren Städten leben Kinder, Jugendliche, Alte, Paare, Singles, Kranke, Noch-Gesunde und alle möglichen Menschen auf der Straße. Sie ziehen von Schlafplatz zu Schlafplatz, von einem Kurzaufenthalt zum anderen und von einem leer stehenden Keller zum nächsten. Es geht nicht um ein unangenehmes Frösteln um die Schulterblätter herum, wenn die Heizung ein wenig länger zum Anspringen braucht. Es geht um die gemeine, Schmerz verursachende, tödliche Kälte. Hat sie einen im Griff, dann kommt man nicht mehr so leicht aus ihren Klauen. Kurz aufwärmen gibt es nicht, denn es braucht lange Zeit, bis sich der ziemlich ausgekühlte Körper wieder erwärmt.

Warmes Essen ist ein Luxus für einen Obdachlosen, und ohne dieses ist es kaum möglich, irgendwie richtig warm zu werden. Die Kälte sorgt für eine Mauer, die vom Leben trennt, sie wird zum zentralen Thema und betäubt alles. Jede Aktion ist hundertfach schwieriger für einen völlig verfrorenen Menschen und irgendeine Initiative so gut wie unmöglich. Hunger tut irgendwann wirklich weh - es ist nicht der Gedanke an etwas zu essen, der schmerzt, sondern es sind wirkliche physische Schmerzen, die ein Mensch hat. Mit der Kälte ist es ebenso - das unangenehme Bibbern ist nur die lächerliche Vorstufe. Wenn es eisig wird, ist der Körper ein einziger Schmerzensschrei.

Wie es bei jedem einzelnen gekommen ist, dass er sich nicht an eine Heizung setzen kann, spielt letztendlich keine Rolle. Selber schuld sind die wenigsten, außerdem hat niemand den Kältetod verdient, weil er die Arbeit verlor, eine Scheidung hinter sich hat und Stufe für Stufe näher an die Straße geriet oder vor prügelnden Eltern geflohen ist.

In Frankreich sind die Dinge in Bewegung gekommen - das Land garantiert seinen Bürgern ein Recht auf eine Wohnung. Ebenso dürfen Menschen in den Wintermonaten nicht mehr auf die Straße gesetzt werden - auch dann nicht, wenn sie Mietschulden haben. Wer da "Selber schuld!" schreit, sollte bedenken, dass es gar nicht so schwer ist, sich in einer Situation wiederzufinden, in der man seine Rechnungen nicht mehr zahlen kann, und dass auch ein säumiger Zahler nicht mit dem möglichen Kältetod auf der Straße bestraft werden darf.

Was das Recht auf Wohnung betrifft, könnte man anmerken, dass es ebenso nur auf dem Papier stehen wird wie das Recht auf Arbeit oder einen Platz im Kindergarten. Aber Wohnungen und Häuser, die leer stehen, gibt es wirklich, was man von Arbeitsplätzen für jeden nicht behaupten kann. Wer das bezahlen soll, ist mit Sicherheit eine weitere Frage. Naive Gemüter könnten vielleicht von einigen unwesentlichen Umschichtungen - was den Rüstungsetat betrifft - sprechen. Wie auch immer, Frankreich geht einen notwendigen Schritt in Richtung Verantwortlichkeit des Staates - und Deutschland sollte den Abstand nicht schon wieder zu groß werden lassen.

© Winfried Brumma, Pressenet

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