Die Qualen des Abnehmens des Herrn T.

Erzählung der Autorin Ulla Schmid

Die Qualen des Abnehmens

Herr Talert, ein sehr fetter, schon älterer Kriminalkommissar, wurde von seinem Hausarzt in eine Rehabilitation nach Bad Honnef geschickt, damit er dort abnehmen solle. In Bad Honnef angekommen, wurde er zu seiner Erstuntersuchung beordert, seine Größe und sein Gewicht gemessen und er wurde für zu schwer befunden. Der Blutdruck und der Puls wurden ihm gemessen. Es wurde ihm Blut abgezapft, er musste den Urin und den Stuhlgang abgeben; er wurde auf alles untersucht, was man sich nur denken konnte. Der ihn behandelnde Arzt, ein Herr Dr. Steinmann, war entsetzt: über 40 Kilogramm Übergewicht.

"Sie wissen selbst, dass Sie starkes Übergewicht haben", begann er. "Sie hätten das richtige Gewicht, wären Sie 50 Zentimeter größer."

Herrn Talert fiel dazu nichts ein, nickte nur und ahnte schon Schlimmes. Er wurde auf Nulldiät gesetzt und musste Sport treiben, letzteres natürlich nicht leistungsmäßig. Es wurde mit leichter Gymnastik begonnen und sollte sich langsam steigern, damit er sich zu Beginn seiner sportlichen Aktivitäten nicht überanstrengen sollte. Ihm wurde nahegelegt, sich an allen Sportangeboten der Klinik zu beteiligen. Gleich nach der Untersuchung hatte er Termin bei der Ernährungsberaterin, Frau Keller. Nach einem langen Vortrag stellte sie ihm einen Diätplan für zu Hause auf. Obwohl ihn schon der Horror packte, erklärte er sich mit allem einverstanden. Dabei ahnte er selbst, dass er nicht durchhalten konnte. Wie ein Häufchen Elend schlich er in sein Zimmer.

Am 1. Tag bekam er nichts zu essen, dafür trank er Mineralwasser Marke Elisabethenquelle. Sie machten ihm einen Einlauf und gaben ihm Glaubersalz. Er ging zu seiner ihm verordneten Gymnastik, dabei keuchte er wie eine alte Dampflok. Am 2. Tag gab es das Gleiche - nur ohne Einlauf und Glaubersalz. Er wusste, was ihm am 3. Tag bevorstand. Nach diesen drei Tagen hatte er mehr als genug von diesem Wasser, die Gymnastik nervte ihn und abgenommen hatte er kein Gramm. Wie er die restlichen dreieinhalb Wochen überstehen sollte, war ihm ein Rätsel.

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In Gedanken sah er sich in einem Fünf-Sterne-Lokal die Speisekarte hinauf- und hinunteressen und einen erstklassigen Rotwein dazu trinken. Nachts träumte er von gegrillten Hähnchen, anderem Geflügel, Schnitzeln, Reh- und anderen Braten, Bratwürsten und dazugehörigen Beilagen sowie Forellen und anderem Fischzeug. Schwarzwälder Kirschtorte kam in seinen Träumen auch vor. Seine Gedanken kreisten nur ums Essen. Vor seinem geistigen Auge sah er warmen Leberkäse mit und ohne Kartoffelsalat; das sah er so deutlich, dass er den Leberkäse zu riechen glaubte. Auf einmal sah er eine Pizza vor sich, mit allem drauf, was auf eine Pizza gehört und so groß wie ein Wagenrad mit einem schönen kühlen Bier dazu. Wenn er es genau betrachtete, könnte er das alles auf einmal essen, schön der Reihe nach und die Schwarzwälder Kirschtorte zum Dessert.

Beim "Griechen" und beim "Chinesen" war er auch schon lange nicht mehr gewesen. In seinem Verwandten- und Freundeskreis nannten sie ihn nur den Feinschmecker. Am späten Nachmittag des dritten Tages gab er sich mit weniger zufrieden. Er wäre schon glücklich gewesen, wenn er einen Magerquark oder Magerjoghurt bekommen hätte. Er kam sich vor wie in den Hungerjahren nach dem Krieg und dachte: "Ein Königreich für ein kleines Stückchen trockenes Brot!" Damals war er gertenschlank.

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Er verließ die Klinik nur, um an Spaziergängen teilzunehmen. Dabei kam er natürlich an Restaurants, Cafes, Lokalen, Bistros, Bäckereien und Metzgereien vorbei. Da er in der Gruppe lief, konnte er es nicht wagen, sich einfach etwas zu essen zu kaufen, obwohl in den Bäckereien und Metzgereien hinter den Schaufenstern verführerische Leckereien lagen. In ein Lokal zu gehen, um sich dort etwas zu essen zu bestellen, konnte er auch nicht wagen, zudem hätte das zu lange gedauert. Sonst verließ er die Klinik nicht, damit er nicht in Versuchung kam, irgendwo "einkehren" zu müssen. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, er meinte daran zu ertrinken und sein Magen knurrte und gurgelte, dass die sich neben ihm Aufhaltenden es hören konnten. Niemand wagte, eine humorige Bemerkung zu machen, denn wenn er Hunger hatte, wurde er gemein, unsachlich und unfair. Er wähnte sich so schwach, dass er glaubte, zusammenzubrechen. Vor seinen Augen tanzten rote Sternchen und seine Knie gaben nach.

Mit jedem Tag wuchs sein Selbstmitleid, er aalte sich richtig darin. Für ihn war es nur noch eine Frage der Zeit, wann er den Hungertod sterben würde. In seiner Phantasie sah er bei seiner Beerdigung seine Witwe Gertrud, die beiden Töchter Ilona und Maria mit ihren jeweiligen Männern Klaus und Joachim und den fünf Enkeln am Grab zusammenbrechen. Die Klinik und besonders Herr Dr. Steinmann und diese Ernährungsberaterin, Frau Keller, wären schuld an seinem Hungertod, der so unnötig war wie ein Kropf. Weiter malte er sich aus, wie Gertrud vor Gericht ging, denn es war offensichtlich, dass sie ihn hier umbringen wollten.

Nun gab es in dieser Klinik auch magere Leute, die hierher kamen, um etwas zuzunehmen. Er saß zwar im Speisesaal etwas abgesondert und trank sein Mineralwasser, aber er bekam trotzdem mit, was diese Leute zu essen bekamen. Vor Neid bekam er fast die Gelbsucht. Als dann noch so ein dünner Mensch abends im Fernsehsaal ihm hämisch grinsend erklärte: "Wissen Sie, ich möchte ja zunehmen. Sie glauben gar nicht, was ich alles verdrücken kann und jeden Tag brauche ich nach dem Mittagessen meine Tafel Schokolade", stiegen Mordgedanken in ihm hoch. Wortlos drehte er sich um und verließ den Fernsehraum. Der Film "Rebekka" interessierte ihn nicht mehr und am liebsten hätte er diesem Spargel den Hals umgedreht. Zurück in seinem Zimmer gönnte er sich Krokodilstränen. So hatte er nicht geweint, seit er als kleiner Junge vom Baum gefallen war und sich den Arm gebrochen hatte. Es nahm ihn wunder, dass er mit seinen Tränen keine Überschwemmung herbeigeführt hatte.

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Nach einer Woche wankte er zu Herrn Dr. Steinmann und wollte mit ihm ein längeres Gespräch führen. Mit beinahe weinerlicher Stimme begann er: "Wissen Sie, Herr Doktor, mir leuchtet ja ein, dass ich abnehmen muss, aber seit einer Woche trinke ich nur diese Elisabethenquelle, die hängt mir zum Hals raus und zu essen bekomme ich gar nichts. Ich habe solchen Kohldampf, ich möchte jetzt endlich etwas essen, es muss nicht viel sein. Es ist bekannt, dass Menschen, die abnehmen müssen, durchaus etwas essen müssen; es muss nur die richtige Nahrung sein."

Dr. Steinmann machte ein bedächtiges Gesicht, obwohl er in sich hineingrinste. Er hatte gewusst, dass dieser Mensch bei ihm auftauchen und ihn auf die Ernährung ansprechen würde.

"Nun", meinte dieser Sadist von Arzt, "Sie wissen selbst, dass Sie stark übergewichtig sind, und Ihrem Gewicht zufolge müssten Sie zwei Meter dreißig sein."

"Ja, schon", kam es kleinlaut zurück, "aber ich halte es nicht mehr aus, seit einer Woche trinke ich nur dieses Mineralwasser und der Sport behagt mir auch nicht. Ich möchte jetzt einfach etwas anderes."

"Gut", lächelte der Arzt, "ab morgen wechseln wir von der Elisabethen- zur Hirschquelle, denn Abwechslung muss sein."

Damit war das Gespräch beendet. Herr Talert wankte als gebrochener Mann aus dem Behandlungszimmer des Arztes und war sich darüber im Klaren, dass er diesen Klinikaufenthalt nicht überleben würde.

Drei Wochen später war er wieder zu Hause, hatte tatsächlich etwas abgenommen und seine Frau Gertrud kochte ihm seine Leibspeise.

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© Text zu "Die Qualen des Abnehmens": Autorin Ulla Schmid; Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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