Gedanken zu den Reisen der Seele

Pilgerfahrten - was erwartet den Reisenden?

Der heilige Jakobus

Peregrinus, also Landfremder, so wird er genannt, der Pilger. Und es gibt ihn schon viele Jahrhunderte lang. Das Pilgertum gab es lange vor der Christenheit, denn schon in der Antike machten sich Gläubige auf, um eine Wanderschaft zu einem heiligen Ort anzutreten. So war der Artemis-Tempel zu Ephesos, der heute zu den sieben Weltwundern zählt, ein viel besuchter Pilgerort. Viele Menschen zog es auch zu heiligen Hainen oder Quellen, Orten der Kraft und der Heilung.

Es scheint ein Bedürfnis eines gläubigen Menschen zu sein, eine solche Wallfahrt zu unternehmen, ganz gleichgültig, welcher Religion er angehört. Als sich die Kirche in Europa etabliert hatte, zogen die Pilger zu Tausenden durch das Land, ihr Ziel waren Kirchen, Klöster sowie auch Grotten oder Höhlen. Wundertätige Quellen kannte die Antike ebenso wie das Mittelalter, meist war der Ort mit einer Legende verbunden. Die Grotte von Lourdes in Frankreich, in der die heilige Bernadette eine Marienbegegnung hatte, ist ein Pilgerziel für viele Menschen, die auf Heilung hoffen. Denn dafür ist Lourdes berühmt.

Eine der größten Pilgerfahrten ist immer noch die in das Heilige Land, nach Jerusalem. Bereits im Mittelalter, ebenso wie heute, machten sich viele Gläubige auf den Weg zu der Stadt, die für mehrere Religionen ein heiliger Ort ist. Für Christen hat auch der Jakobsweg einen sehr hohen Stellenwert. Es handelt sich um eine Pilgerreise zum Grab des heiligen Jakobus, das sich im spanischen Santiago de Compostela befinden soll. Die Route ist seit dem frühen Mittelalter bekannt und wird gerade in den letzten Zeiten wieder verstärkt genutzt. Der Überlieferung nach soll der Apostel Jakobus in Spanien tätig gewesen und in Santiago begraben worden sein.

Das Christentum kennt - anders als der Islam - kein zwingendes Gebot zur Pilgerfahrt. Aber viele tausend Gläubige machen sich jährlich auf den Weg zu einem Ort, der als heilig gilt, um etwas zu erbitten oder um Heilung zu suchen. Jeder Muslim soll einmal im Leben nach Mekka ziehen, dorthin wo sich die Kaaba befindet - der heilige Stein des Islam. Diese Pilgerfahrt gehört zu den Pflichten eines gläubigen Muslim und keiner, der nicht durch hemmende Umstände verhindert ist, wird sich weigern.

Die Pilgerfahrt - eine Reise, die als Abgeltung bzw. als Dank gelten soll für etwas, das gewährt wurde. Als Buße für etwas, das die Seele bedrückt, ebenso ein Gelübde. Was aber erwartet den, der die Strecke hinter sich gebracht hat, zum Beispiel die Reise zum Grab des Jakobus? Die Kathedrale von Santiago de Compostela ist mit Sicherheit sehenswert - aber was ist darüber hinaus? Man wird dort nichts finden als eben einen Ort, an dem ein Verstorbener liegt, dessen Identität keineswegs bewiesen ist. Diejenigen, die in der Antike nach Ephesos kamen, nach mühevollem Weg, fanden nichts als Priester und die Statue der Göttin. Könnte hier der Weg das Ziel sein, das "auf sich nehmen"? All die Verheißungen und Hoffnungen, das ist etwas, das in unserem Inneren liegt.

Es heißt, dass die Galizier auf die Frage, wo denn der Jakobsweg beginne, immer so antworten: "Der Weg beginnt in deinem Haus." Letztendlich beginnt er in uns selber, lange bevor der Rucksack gepackt oder der Bus bestiegen wird. Aber das, was man wirklich erreicht - einen Sarg oder die Figur eines Heiligen in einer Grotte oder Kapelle - ist nicht das Wesentliche. Das wirkliche Ziel liegt in der Seele des Suchenden, sei er nun Christ, Muslim, Jude oder Pagan - wir tragen alles in uns, und genau da beginnt jeder Weg. Heilung - Vergebung - Erleuchtung - Verzeihen. Wir werden es da finden, wo es wirklich möglich ist: in uns selber und in unseren Mitmenschen.

© "Gedanken zu den Reisen der Seele" - ein Textbeitrag von , 2011. Die Abbildung zeigt ein Fresko des heiligen Jakobus an der Kathedrale von Le Puy-en-Velay, Frankreich (Quelle: Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei)

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