Modernes Stadtleben anno 2050 |
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Die letzten Worte sagte die Frau mit unverhohlener Befriedigung. "Man ist sich ja seines Lebens nicht mehr sicher", meinte sie dann noch und sah Beifall heischend in die Runde. Diese bestand aus mehreren Leuten mittleren Alters, die es sich auf drei in U-Form angeordneten Parkbänken gemütlich gemacht hatten. Ein Mann meinte dann noch: "Das ist ja sowieso eine Schande, das da", und deutete abfällig auf eine weit entfernte, sehr hohe, mit Stacheldraht gesicherte Mauer, die mehrere große Gebäudekomplexe umschloss und vor deren Toren uniformierte Sicherheitskräfte patrouillierten. "Müsste alles weg", sagte er dann noch. "Was war da eigentlich vorher einmal?", fragte jemand. "Das war doch sicher nicht immer eine Zone gewesen." "Das weiß keiner so recht, ist schon zu lange her", sagte die Frau, die sich als erste geäußert hatte. "Es war ein Industriegebiet gewesen - damals, bevor die Zone entstand." Der Satz kam von einem sehr alten Mann, der bisher noch kein Wort gesagt hatte. Er hatte schweigend auf der Bank gesessen, beide Hände auf einen altmodischen Rollator ohne Antrieb gestützt. "Das war so um die 2015 gewesen. Während der großen Flaute hatten viele ihre Betriebe verkommen lassen und später mit den ungeheuren Subventionen neue hochgezogen." Die anderen hörten gespannt zu, während der Alte, der niemanden direkt ansah, weiterredete. "Damals, so müsst ihr wissen, konnten sie sich noch völlig ungehindert bewegen. Man sah sie überall: in der Stadt, in den Parks und sogar in den öffentlichen Gebäuden." Aufgeregtes Murmeln war zu hören, doch der Mann beachtete es nicht und erzählte weiter. "Man konnte sie nicht erkennen, sie trugen keine Abzeichen damals. Das kam erst später. Ihre Kinder teilten sich die Schulen mit den Kindern der Verdiener, das war überall noch so. Hier und da gab es natürlich böses Blut - aber so richtig zu Aufständen kam es erst in den Zwanziger Jahren."
Mittlerweile hörten alle gespannt und fasziniert zu. "Es wurden immer mehr von ihnen und es gab Unruhen in den Städten, Schließlich sorgte man dafür, dass sie in bestimmten Gebieten konzentriert wurden. Lange Zeit hatte es nur eine Polizei gegeben, nicht wie heute, wo es auch die Zonen-Miliz gibt. Heute können sie sich nicht mehr auf die Verfassung berufen, so wie es damals noch möglich war. Und es gab noch keine Ausgangssperre." Die Zuhörer schauderten. "Hatten die Bürger denn keine Angst?", fragte ein Mann. Lächelnd schüttelte der Alte den Kopf. "Zuerst noch nicht, aber als die Zonenleute begriffen, was mit ihnen passierte, drehten einige durch und es gab Tote und Verletzte. Dann kam die Zeit, in der sie ohne Passierschein nicht mehr aus der Zone durften, außer sie hatten Arbeit. Aber selbst dann wurden sie in gesonderten Bussen zu den Betrieben gebracht. Das war sehr teuer und man baute die Produktionsstätten direkt neben die Zone, sozusagen. Der Transfer ging nun einfacher, nur die Wachmannschaften wurden verstärkt. Jetzt gibt es ja nur zehn Stunden Strom pro Block und Gemeinschafts-Waschküchen. Die Geräte sind Eigentum der Firmen. Keiner von denen, die da leben, könnten sich so etwas leisten."
Der Alte putzte umständlich seine altmodischen Augengläser. "Die hießen doch früher einmal anders, nicht?", fragte ein Mann. "War ein komischer Name, hab ich mal irgendwo gelesen." Der Erzähler setzte seine Gläser wieder auf und nickte. "Ja, man nannte sie Hartz IV-Empfänger." © Text: Winfried Brumma, Pressenet Das Foto zeigt die Prager Straße in Dresden zu DDR-Zeiten vom Oktober 1980
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