Tarot: Darf man nur "gute" Karten haben?

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Wie man in jedem Fachbuch nachlesen kann, gibt es beim Tarot keine Unheils- oder schlechten Karten. Das weiß mittlerweile fast jeder - und doch erschrecken wir meist erst einmal, wenn sich eine solche Karte bei der Legung zeigt. Man versichert sich und anderen mit dem Brustton der Überzeugung, dass das Arkanum "Der Tod" nicht zwingend das Dahinscheiden eines Menschen ankündigt - aber etwas hüpft ein wenig schneller links unter den Rippen, wenn diese Karte erscheint.

Dabei trägt gerade "Der Tod" eine eher positive Botschaft, denn tatsächlich zeigt sie ein Ende an, das "an der Zeit ist" - keinen gewaltsamen Bruch, wie es zum Beispiel beim "Turm", der Karte XVI, der Fall ist. Es ist selten der Tod eines Menschen, sondern das Ende von etwas anderem, sei es einer Beziehung oder einer Zeit der Leiden. Mit Schmerzen verbunden, aber notwendig und auf längere Sicht gesehen wichtig für uns und unsere Entwicklung - das ist der Tod.

Eine andere, sehr übel beleumundete Karte ist Der Teufel, die Nummer XV. Traditionell heißt es sogar, dass er alle anderen Karten in seiner Umgebung negiert oder geradezu ins Negative umkehrt. Das ist nicht unlogisch, weiß man, was das Bild dieses geflügelten Dämons eigentlich mitteilen will. Bei genauerem Hinsehen fällt die Ähnlichkeit zum Hierophanten auf, der Karte mit der Nummer V. Hier wie dort stehen zwei Menschen vor einer Person, einmal vor einem weisen Lehrer und einmal vor Beelzebub selber. Bei Letzterem ist das Paar angekettet - lose zwar, aber immerhin in seiner Freiheit beschränkt. Die Fesseln wären sehr leicht abzustreifen, aber die beiden Menschen tun es nicht. Sie können es noch nicht.

Und hier liegt das Dunkle dieses Arkanums, in der Beschreibung der hingenommenen Beschränkung oder Unfreiheit. Zwar kann die XV auch vor Neid, falschen Freunden und Widersachern warnen, doch das sind Gefahren, die weit einfacher zu meistern sind als dieses Abhängigkeitsverhältnis, diese Hingabe zur Unfreiheit, die niemals zu etwas Gutem führen kann.

Solche Fesseln kennt jeder Süchtige, wobei nicht nur der Drang zu einer Droge gemeint sein kann, sondern auch andere ungute Hingaben. Harmoniesucht zum Beispiel klingt durchaus nicht schlimm, sondern eher positiv - doch führt diese auf Dauer zu nichts anderem wie andere Abhängigkeiten auch und kann durch die ständige, unmöglich ausbleibende Frustration zu ernsten Konsequenzen führen. Wie auch immer, es ist wohl so, dass jede Sucht grundsätzlich an allem hindert, alles andere überwiegt und dadurch alles, was das tägliche Leben ausmacht, beeinflusst. So gesehen ist verständlich, wieso diese Negierung alles Umgebenden dem Teufel zugesprochen wird.

Der bekannte Ausspruch "Ach du grüne Neune!" passt hervorragend zu einem der kleinen Arkanen, der "Neun der Schwerter". Die blaugrüne Farbe dieser Karte, die in vielen traditionellen Decks gehalten wird, ist für einen Teil dieses Zitates zuständig. Außerdem ist die Botschaft nicht sehr erfreulich - das Bild zeigt einen Menschen, der aufrecht mit vor das Gesicht geschlagenen Händen im Bett sitzt. Also geht es um Schlaflosigkeit, und somit indirekt um Ängste, die die Seele belasten. Ob diese Ängste berechtigt sind, steht auf einem anderen Blatt, aber erst einmal werden Sorgen und seelische Nöte angezeigt.

Jeder kennt die schlaflosen Nächte, in denen alle möglichen schweren Gedanken in unserem Kopf Karussell fahren und uns nicht zur Ruhe kommen lassen. Bei dieser haarsträubenden Aussicht ist der mildernde Umschlag allerdings gleich enthalten, denn aller Logik nach kann unmöglich alles, wovor man sich fürchtet, tatsächlich eintreffen. Zudem kann eine Situation, die uns solche Nächte beschert, unter Umständen vermieden werden - dafür ist der Tarot unter anderem auch da... um andere Wege aufzuzeigen.

Eine weitere Karte, die vor allen diejenigen erschreckt, die Rat in Liebesdingen suchen, ist die "Drei der Schwerter". Graue Wolken und Regen, und davor ein raumfüllendes rotes Herz, das von drei Schwertern durchbohrt ist. So ein Bild ist nicht dazu angetan, positiv in die Zukunft zu blicken. Immer zeigt diese Karte Schmerzen seelischer Natur an, ob es sich nun um alte Wunden oder neuen Kummer handelt... man wird sich damit auseinandersetzen müssen. Aber wie ein kluger Mensch einmal sagte: "Herzschmerzen, Kummer und das alles... das bedeutet, dass du lebst." Auch wenn man momentan durchaus nicht daran glauben will, so ist manches für unsere Entwicklung notwendig. Wobei man anmerken sollte, dass die Karte auch sachte daran erinnern kann, geradezu liebgewordenen Kummer endlich "ad acta" zu legen.

Bei aller Einsicht ist es allerdings so, dass es uns nicht wirklich weiterhilft, wenn wir jedwede Botschaft des Tarot entschärfen oder gewissermaßen durch schönreden verwässern wollen. Wenn wir Antworten erwarten, müssen wir uns klar darüber sein, dass sie vielleicht erschreckend sein könnten. Wer das nicht akzeptieren kann, sollte eben keine Fragen stellen - und den Tarot in der Schublade lassen.

© Text: Eleonore Radtberger für Pressenet

Die Abbildung zeigt Satan, auf einem Stich von Gustave Doré (Quelle: Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei)

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