Nie wieder Colabier - Eine Runde Billard spielen

Eine Schulgeschichte von Friedrich Treber

Friedrich Treber: Neben der Spur

Ich hätte das Colabier nicht trinken sollen. Eigentlich mag ich solches Zeug schon ohnehin nicht. Aber ich hatte beim Billard verloren und zwar ziemlich oft. Der Sieger wählt das Getränk, und der Verlierer bezahlt, jedes Mal einen ganzen Literkrug voll, getrunken wird grundsätzlich gemeinsam. So gibt es keine Chance, ungeschoren davonzukommen. Dass ich in der Nacht schlecht schlief, war nicht besonders schlimm. Das kommt bei mir öfter vor, und in der Regel nehme ich es nicht tragisch.

Dazu hatte mir das Frühstück noch gut geschmeckt und die Pausenzigarette auch, bis eben zu diesem Moment.

Irgendwer hatte die Tür des Lehrerzimmers offenstehenlassen. Schrill trommelten die Bleistiftabsätze einer aufstrebenden jungen Lehrerin über die Fliesen des Ganges. Solche Schuhe passten eigentlich nicht zu ihrer Weltanschauung, aber sie war nun mal nicht besonders groß. Ihre Beine hätten darin recht sehenswert wirken können, doch der Rock war durch einen angesäumten handbreiten Folklorestreifen auf eine züchtigere Länge gebracht, und so wirkten die behaarten Waden zu stark und schienen zu weit auseinanderzustreben. Nun ja, die Kinder mochten diese Lehrerin im Allgemeinen recht gern.

Sie musste diese kurzschrittige Trommelwirbelgangart wählen, weil sie einen wuschelköpfigen Knirps an der Hand mit sich zerrte, zielbewusst in Richtung Chef. Bei diesem Anblick schluckte ich den Rauch statt zu inhalieren.

"So, Herr Rektor, da habe ich endlich einen von denen, die immer Papier auf den Schulhof werfen."

Über der Chefkrawatte wurde der Mittelknopf geschlossen. Der Mann, den ich in innerlicher Boshaftigkeit oft "Gottes Geschenk an die pfälzische Volksschule" nannte, schüttelte seine braunen Locken, die auch dann noch wie zusammengefrorenes Vorjahresgras wirkten, wenn er sie für seine große Schau auf der Jahresschlussfeier hatte zurechttrimmen lassen.

"Na, was haben wir denn da? So du bist also einer von denen, die wir hier schon lange suchen. Na, auf dich haben wir gerade gewartet."

Dem Knirps lief bereits eine Träne über die rot angelaufene Wange. Doch er drückte die Knie durch, blies die Backen auf und versuchte, sich zu verteidigen. Bemerkenswert, aber was da kam, war nur Gestammel und schwäbisches noch dazu, eine Unmöglichkeit hier, wo man ein Grenzland-Pfälzisch spricht, das selbst der weltoffenste Hannoveraner nicht für Deutsch halten würde.

Ich erkannte den Kleinen wieder. Fast regelmäßig hatte er während meiner Pausenaufsicht Prügeleien. Immer hatte er angefangen, sagten seine Gegner und die Zuschauer.

Es ist schlimm, wenn man die Meute gegen sich hat. Dieser Gedanke und das verdammte Colabier in meiner Blutbahn lösten wohl eine Sinnestäuschung in meinem Gehirn aus. Plötzlich roch es in diesem blitzsauberen und erst wenige Jahre alten Raum nach Dielenöl. Damit waren in den Fünfzigern die Wagenböden der Deutschen Bundesbahn getränkt gewesen. Daran hatte ich nie mehr denken wollen, es war vorbei und nicht mehr zu ändern, aber da war es wieder: Der Geschmack von Dielenöl vermischt mit dem eigenen Blut und Tränen und darüber das Gejohle der Meute.

Das Gestammel des Knirpses jaulte hoch bis in den Nasenton und erstickte in Schluchzen. Es ist schlimm anders zu sein. Es ist schlimm anders zu reden. Langsamer reden genügt schon.

Was weiß ich, wie die Chemie des Mischzeugs, das ich getrunken hatte, auf mein Nervensystem wirkt, jedenfalls sah ich nun auch noch den Bibi vor mir. Er war unser Musiklehrer gewesen, damals, in dem ersten Gymnasium, in dem ich mir die Knickerbocker abgewetzt hatte. Eine bauchlastige Kugel mit Froschaugen im roten Gesicht. Seinen Spitznamen, Bibi, musste er seit seiner eigenen Schulzeit ertragen, weil er das Perfektum eines lateinischen Verbs nicht beherrschte, aber er hatte nichts daraus gelernt.

Damals, als elfjähriger Frischling, war ich noch einen Kopf kleiner als er.

"Wonnsche so longsom laafscht, wie de reddscht, is des kä Wunna, wonn de de Zuuch vabasse duuscht!" so hatte der Bibi damals auf mich heruntersüffisiert, und das Gefühl, vor dem Gelächter der Klassenkameraden in irgendein Mauseloch kriechen zu müssen, war mir jetzt in diesem nüchternen Neubaulehrerzimmer so gegenwärtig, dass mich warmer Schweiß auf dem Rücken kitzelte, von den Schulterblättern bis zu der empfindlichen Stelle zwischen den Hinterbacken.

"A - mau, mo, mauum." äffte der Chef den Knirps nach und ein pflichtschuldiges Kollegengelächter klang wie Meutengekläff. Jetzt heulte das Kind seine Scham und Hilflosigkeit laut heraus. Die Zunge des Chefs drückte genüsslich die Wange nach außen, und der kräftige Kiefer bewegte sich unter der großen Habsburgernase hin und her.

Beim Boxen brechen solche Nasen leicht und sehen dann schlimm aus, wenn die beiden Teile auseinanderstehen. Die Schweißperlen unter meinem Hemd hatten sich in Eisnadeln verwandelt. Mein Nacken krampfte, weil ich die linke Schulter zu eng an das Kinn gezogen hatte. Der Rauch drückte aus meinem Magen nach oben. Es gelang mir eben noch, die Lippen zusammenzupressen, und so ließ der Rülpser nur das Gaumensegel knallen. Neben mir schnalzte die Englischlehrerin angewidert.

Ich warf die Kippe in den nächsten Aschenbecher. Sonst drücke ich ja meine Kippen aus, ja wirklich, immer! Aber jetzt ließ ich das Ding glimmen, wie es war und hastete zum Lehrerklo. Dort rülpste ich nochmal den Colabiergeschmack hoch und spuckte ein paar braungrüne Klumpen in das Becken. Die ließen sich kaum wegspülen. Cola ist klebriges Zeug und man sollte es nicht mit Bier mischen.

Unbehelligt kam ich zur Treppe in Richtung meines Klassenzimmers. Aber oben auf dem Gang stand die Berufsberaterin mit der kindhaft schmalen Figur und den großen warmen Augen. Sie hielt in jenen Tagen Vorträge vor den achten Klassen.

Sie sind Buchautor/in? Wir schreiben Rezensionen
für Verlage und Selfpublisher

Die dunklen Pupillen, die mich nicht vorbeiließen, waren feucht eingefasst. "So geht es also zu, hier bei euch, das, das habe ich nicht gewusst."

Meine Handbewegung war die von Schillers Dunois, den ich als Student mal spielen gedurft hatte. "Den König hofft' ich kriegerisch gerüstet an seines Heeres Spitze schon zu finden und find ihn hier!" Das waren die Worte zur Geste gewesen, aber jetzt brachte ich nur ein abgedroschen hohles "Tja, so ist das eben." heraus. Und weil mich die Augen trotz der peinlichen Stille nicht entließen, hängte ich noch lahm an: "Und jetzt wissen sie ja, wie's so ist."

Verdammt, Mädchen, hätte ich gern gesagt, klage nicht mich so an mit deinen Augen. Ich war's ja schließlich nicht und ich tue auch sowas nicht. Und ich kann ja nicht wissen, dass hier noch jemand ist, der es so sieht. Das Maul hab' ich ja auch nicht immer gehalten. Aber manchmal mag ich mich einfach nicht mehr aufführen wie der gute alte Don Quixote. Und was man dafür hintenrum einstecken muss, ist nochmal eine andere Geschichte. Die Meute findet die schwachen Punkte, bei jedem.

Es war wohl gut, dass ich das nicht gesagt habe. Es hätte niemandem etwas genutzt und wäre doch nur in ungeklärtes Geschwafel ausgeartet. Wie soll man auch erklären können, dass man trotz aller demokratischer Grundrechte zum Schweiger wird?

Wenn das nun eine richtige Geschichte wäre, dann hätte in meinem Klassenzimmer an der Tafel stehen müssen: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Da stand aber: "Die Holländer gewinnen dem Meer Land ab."

Überhaupt, was war denn eigentlich schon passiert? Die Leute, mit denen ich damals glaubte reden zu können und zu müssen, hatten wohl recht, wenn sie sagten, ich nähme alles zu schwer und würde es auch noch dramatisieren. Ein Schüler war gemaßregelt worden, weil er sich bei einem Vergehen hatte erwischen lassen. Das passiert jeden Tag und überall, hundertfach, ja tausendfach. Mich regte es wohl nur so auf, weil ich ein wenig vergiftet war!

Jedenfalls wird mich heute der amtierende Weltmeister im Schwergewicht nicht dazu überreden können, mit ihm eine Runde Billard zu spielen, wenn ich dann hinterher Colabier trinken muss!

© "Nie wieder Colabier - Eine Runde Billard spielen" - eine Erzählung von Friedrich Treber. Der Künstler und Schauspieler Friedrich Treber, Jahrgang 1943, ist Lehrer im Ruhestand und lebt im pfälzischen Pirmasens. Mehr von und über Friedrich Treber finden Sie auf dieser Seite

Schreiben Sie Fachartikel bei Pressenet. Info: Autor werden

Sponsoren und Investoren

Sponsoren und Investoren sind jederzeit herzlich willkommen!
Wenn Sie den Beitrag auf dieser Seite interessant fanden, freuen wir uns über eine kleine Spende. Empfehlen Sie uns bitte auch in Ihren Netzwerken (z. B. Twitter, Facebook oder Google+). Herzlichen Dank!

Hinweis: Bücher von Pressenet gibt es im Buchhandel

Nach oben Sitemap
Impressum & Kontakt