Ulla Schmid - Irmhild, Tochter Ansgars

Leseprobe, 2. Kapitel - Teil 4

Rom Kolosseum

Jetzt fiel ihm der Cherusker ein, der ihm seine Fragen entweder nicht oder frech beantwortet hatte. Nicht ein Mal seinen Namen hatte er genannt und ihm Paroli geboten, und zwar so, dass er wie ein kleiner Junge, der bei etwas Verbotenem ertappt worden war, dagestanden hatte. Dabei hatte Drusus keine Ahnung davon, dass Ansgar ihn am liebsten umgebracht hätte. Diesen Cherusker würde er schon noch bekommen. Solche wie er waren genau die Männer, die römische Legionen gebrauchen konnten. Mit Sicherheit war er militärisch unbedarft, aber der würde das Militärwesen sehr schnell kapieren, dessen war sich Drusus sicher.

Mit Sicherheit würde der Cherusker doch noch einwilligen, zur römischen Armee, bei der er ganz andere Möglichkeiten hatte als in diesem Dorf, zu kommen. Bei der römischen Armee würden ihm seine Frechheiten schon ausgetrieben werden. Die Ausbilder auf dem Marsfeld waren alles andere als zimperlich. Obwohl, wenn er als Sohn des Kaisers nicht Herr über diesen Cherusker wurde, wie sollten das dann die Ausbilder schaffen? Es waren die zwiespältigen Gefühle des Drusus diesen Cherusker betreffend. Doch dann ließ er es gut sein und er grinste. Warum sollte er sich mit diesem Cherusker aufhalten? Das sollte jetzt nicht seine Gedanken gefangennehmen. Sehr viele Männer kamen aus allen Ecken des Reiches um in Rom in die Armee eintreten zu können, weil es bei dieser ganz andere Möglichkeiten gab, als in den armen, erbärmlichen Dörfern ihrer Heimat.

Am nächsten Morgen hatte er sich beruhigt. Er dachte darüber nach, ob er nicht doch noch zur Elbe ziehen sollte. So nahe war er dran und jetzt sollte er umkehren?! Schweren Herzens gab er keinen Gegenbefehl mehr. Die Augen der Frau ließen ihn nicht zur Ruhe kommen: "Kehr um!", hatte sie ihm befohlen. Ja es war ein Befehl. An das andere, das ihm gesagt hatte, mochte er nicht denken: "Das Ende deiner Taten und deines Lebens steht kurz bevor!"

Die Legionen marschierten schweigsam. Aber dieses Schweigen sollte einen Außenstehenden nicht verwundern. Römische Legionäre dürften wohl immer schweigend marschieren. Mit etwa 30 Kilogramm Gepäck, das waren Waffen, Handwerkszeug zum Lagerschanzen, Lebensmittel für einige wenige Tage sowie persönliche Dinge legten die Legionen bis zu 30 Kilometer an einem Tag zurück. Dabei dürften zusätzliche Reden eher anstrengend sein. Es war auch klar, dass jeder Legionär für seine Waffen und sein Gepäck selbst verantwortlich war. Die Kavalleristen hatten es zwar leichter, aber auch sie hatten mit Sicherheit kein Interesse an ausgedehnten Unterhaltungen.

Römische Legionäre waren nicht nur Soldaten. Während ihrer überharten Ausbildung erlernten die Männer einen Beruf für die Zeit nach dem Militär, die immerhin zwanzig Jahre und länger dauern konnte. So waren die Mitglieder römischer Legionen Angehörige aller damals bekannten Berufszweige. Für nur eine Nacht schanzten sie sich ein einfaches Marschlager.

Am nächsten Morgen packten sie ihre Siebensachen und zogen weiter. Die Standlager für einen längeren Aufenthalt wurden mit Sicherheit etwas komfortabler angelegt, wenn man unter damaligen Verhältnissen von Komfort reden konnte. In einfachste, kleine (35 qm, davon 20 qm Wohnfläche), bescheiden eingerichtete Unterkünfte zogen bis zu acht Legionäre. Aber am Abend eines anstrengenden Tages dürfte sich wohl kein Legionär Gedanken über die Einrichtung seiner Unterkunft machen. Nur die Generäle, Offiziere und der Oberbefehlshaber wurden etwas besser untergebracht und bezogen zumeist alleine eine etwas größere Unterkunft.

Dieser Tag ging ereignislos vorüber. Abends schanzten sie sich wieder ein Marschlager, um am nächsten Morgen weiterzuziehen.

Sie waren noch nicht lange unterwegs, als das Pferd des Drusus, der vorneweg ritt, sich aufbäumte. Eine Schlange war ihm über den Weg gekrochen. Drusus flog im hohen Bogen von seinem Pferd und schlug schwer auf dem harten Boden auf. Nun kann so etwas einem Kavalleristen durchaus passieren und es waren schon Reitunfälle passiert, die auch einen glücklichen Verlauf genommen hatten. Zunächst schien niemand etwas an Drusus zu bemerken, außer dass er etwas benommen war. Valerius Aemilius half ihm auf die Beine, aber diese sackten unter ihm weg.

"Drusus, was ist mit dir?", fragte er.

"Wird schon nicht so schlimm sein", versuchte Drusus trotz großer Schmerzen zu lächeln. "Ich habe Schmerzen im Bein. Ich lege mich eine Weile ins Gras und dann geht's wieder weiter. Ihr solltet mir einen Arzt holen."

Noch immer dachten Drusus und seine Kameraden, dass es harmlos sei. Doch bis der Arzt gekommen war, hatte Drusus schon Blut gespuckt und sein Gesicht wurde wächsern. Er selbst und die ihn Umstehenden begriffen. Der Arzt konnte nichts mehr tun und Drusus hatte sehr schnell das Bewusstsein verloren. Sein Atem ging flach und stoßweise bis er schließlich ganz aussetzte. Der Arzt hielt ihm noch einen Spiegel vor Mund und Nase ob nicht etwa der Atem des Drusus den Spiegel beschlüge.

Nichts - kein Atem. Der 29-jährige Drusus war tot (neun vor Christus).

"Was ist da passiert?", fragte der Arzt.

"Sein Pferd hat gescheut, eine Schlange lief ihm über den Weg. Das Pferd hat ihn abgeworfen. Zunächst fiel uns nichts auf. Ich wollte ihm auf die Beine helfen. Er hat gesagt, er habe Schmerzen im Bein", sagte Valerius Aemilius zu dem Arzt.

Dieser untersuchte das Bein: "Es ist gebrochen", sagte der Arzt entsetzt, "aber an einem gebrochenen Bein stirbt man normalerweise nicht. Das Blutspucken rührt von schwersten inneren Verletzungen her."

In gewisser Weise waren die Römer abergläubisch, aber nun schienen sie den Verstand zu verlieren. Ihnen fiel die Frau ein, die im Lager aufgetaucht war und dem Drusus die Rückkehr befohlen sowie sein Lebensende prophezeit hatte. Dass sich diese Prophezeiung überhaupt erfüllen würde, hätten sie nicht gedacht und dann auch noch so schnell. Ganz in der Nähe des Geschehens stand am Waldrand eine riesengroße, schöne, blonde Frau mit einem seltsamen Lächeln auf den Lippen, dem allem zusehend, von niemandem bemerkt. Sie drehte sich um und verschwand im Wald. Ihre Prophezeiung war eingetroffen und ihr Auftrag war beendet.

Der Stab des Drusus hatte alle Hände voll zu tun, die Legionäre zu beruhigen: "Verliert jetzt nicht die Nerven, denn damit schaden wir uns am meisten. Die Germanen könnten das sehr schnell mitbekommen. Wenn wir wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen durch die Gegend rennen, dann haben sie leichtes Spiel mit uns", meinte Valerius Aemilius. "Wir müssen die Angehörigen in Rom benachrichtigen und dazu brauche ich Freiwillige."

Das ließ die Legionäre zur Besinnung kommen. Den Leichnam des Drusus würden sie mitnehmen. Sie wollten ihn nicht hier bestatten, denn die Germanen würden sicher kommen und sein Grab schänden. Das hatte ihr Feldherr nicht verdient. Nach vielen Ehrungen und der Abhaltung der Leichenfeier für Drusus zogen sie geordnet wieder zurück. Dazu war es September und im Herbst zogen sich die Legionen in ihre Winterlager links des Rheins zurück. Valerius Aemilius bekam mehr Freiwillige zusammen, als er brauchte. Er suchte sich fünf Männer aus die als besonders tapfer und zuverlässig galten, und diese machten sich auf den Weg nach Rom.

Alle Bücher von Ulla Schmid auf ihrer Autorenseite

© Textauszug aus "Irmhild, Tochter Ansgars": Autorin Ulla Schmid; Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

Werden Sie Autor bei Pressenet und schreiben Sie Fachartikel. Info: Autor werden

Sponsoren und Investoren

Sponsoren und Investoren sind jederzeit herzlich willkommen!
Wenn Sie den Beitrag auf dieser Seite interessant fanden, freuen wir uns über eine kleine Spende. Empfehlen Sie uns bitte auch in Ihren Netzwerken (z. B. Twitter, Facebook oder Google+). Herzlichen Dank!

Hinweis: Bücher von Pressenet gibt es im Buchhandel

Nach oben Sitemap
Impressum & Kontakt