Otto Normalverbraucher ist in Rente

Der Weltverbrauchertag am 15. März

Verbraucher kauft Obst

Der 15. März ist ein Gedenktag, der sich mit etwas völlig Alltäglichem befasst - dem Verbrauchen. Das ist etwas, das wir täglich tun, jedenfalls mehr oder weniger.

Man könnte wehmütig an die Zeiten des so genannten deutschen Wirtschaftswunders zurückdenken, dem sogar ein tiefgründiger und sehr unterhaltsamer Film gewidmet wurde damals. Gert Fröbe spielte in der "Berliner Ballade" (1948) die Hauptrolle des "Otto Normalverbraucher", einer Art Burleske der intelligenten Art. Der Titel wurde sprichwörtlich für all die Deutschen, die nach der entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegszeit plötzlich nicht mehr darben mussten, sondern aus dem Vollen schöpfen konnten. Im Prinzip waren das alle Deutschen, denn Arbeit gab es in Hülle und Fülle.

Der Mensch ist allerdings, wie es so schön heißt, ein Gewohnheitstier, und so konnten nicht alle im gewünschten Sinne umdenken. Deshalb wurde im damals noch recht jungen Fernsehen eine besondere Werbung geschaltet, die kein bestimmtes Produkt bewarb, sondern das Kaufen an sich. "Öfter mal 'was Neues" hieß der Slogan, den eine sympathische Männerstimme verbreitete und zum Geldausgeben anregte.

Tatsächlich verstanden die Deutschen ja etwas vom Verbrauchen, denn meist konnten sie sich trotz des neuen Überflusses nicht dazu durchringen, eine Scheibe Brot wegzuwerfen, nur weil sie etwas angetrocknet war. Zu viele hatten noch die Zeit im Gedächtnis, als sie nicht wussten, wie sie ihre Kinder vor dem Verhungern bewahren oder wie sie die Kriegsgefangenschaft überleben sollten. Verschwendet wurde damals nichts - aus dem trockenen Brot machte man irgendetwas anderes, wie zum Beispiel Brösel für die Buletten, oder Opa tunkte sie in den Morgenkaffee.

Das Verbrauchen im Sinne von "völlig nutzen" ist etwas, das viele Kulturen und Völker anwandten. Die Inuit zum Beispiel verstanden es, ein erlegtes Tier völlig zu nutzen - nicht nur das Fleisch. Sie verbrauchten das durch die Jagd gewonnene Gut ganz und gar, ebenso durch den Verzehr wie auch das Herstellen von Kleidung und Gebrauchsgegenständen.

Zurück in die Gegenwart. Kaufte eine Familie sich eine Musiktruhe oder ein Fernsehgerät, verschliss sie das Teil geradezu. Man reparierte oder ließ reparieren, bis nichts mehr ging - teuer genug war die Anschaffung ja gewesen. Ein neuer Wohnzimmeraltar in Form eines Fernsehers war ein Ereignis, das lange geplant wurde. Kam so ein Gerät auf den Schrott, war meist wirklich nichts mehr zu retten und es hatte endgültig ausgedient - hatte sich verbraucht.

Aber in rasanter Weise änderte sich das - die Artikel wurden billiger und natürlich schlechter, denn kein Hersteller hat wirklich etwas davon, wenn ein Staubsauger fünfzehn Jahre hält, was es im Übrigen tatsächlich gab. Irgendwann hat ja jeder so ein Ding, und manche davon sogar eines von der Konkurrenz. Also setzte man nicht mehr auf wirkliches Verbrauchen sondern auf Benutzen und versuchte dies zeitlich zu begrenzen. Eine Möglichkeit war das frühere Verschleißen, was schon in der Fertigung in gewisser Weise festgelegt werden konnte. Aber als weitaus wirksamer erwies sich eine Zauberformel, die - einmal festgesetzt - in den Köpfen der Verbraucher zu einem gigantischen und lukrativen Selbstläufer wurde. Sie hieß: "Neuer, besser, moderner" und wird noch heute benutzt.

Langsam vollzog sich eine unglaubliche Änderung in den Köpfen der Käufer - man kaufte nicht mehr Ersatz für das Kaputtgegangene, sondern gönnte sich etwas, das einem besser gefiel. Im Verhältnis zur Kurzlebigkeit von Möbelstücken, Geräten und anderen Gebrauchsgütern wuchsen die Müllberge und wurden leicht problematisch. Wenn man heute einem Jugendlichen den Vorschlag machen würde, er solle sein Handy solange benutzen, bis es nicht mehr funktioniert und erst dann ein neues kaufen, würde man wohl als eine Art Außerirdischer angesehen, der eine völlig unverständliche Sprache spricht. Hätte der oder die Betreffende dann verstanden, was gemeint ist, würde die wortlos mit einem Grinsen vorgezeigte Sammlung abgelegter Mobiltelefone alles Weitere sagen. So etwas kauft man nicht, um es zu verbrauchen, höchstens zum Benutzen. Für kurze Zeit jedenfalls ... bis es ein neues angesagtes Modell mit integrierter Mikrowelle nebst Flirthilfe gibt.

Vielleicht könnte man auf der Suche nach Verbrauchbarem die Nahrungsmittel ins Auge fassen, aber die sind auch nicht wirklich dafür zu gebrauchen. Fleisch schwindet schon in der Pfanne auf wundersame Weise, bei anderen Lebensmitteln landet ein recht großer Teil in der Biotonne. Und die Container für abgelegte Kleidungsstücke sind meist voll, wenn man sich endlich dazu entschlossen hat, die Modelle der letzten Saison zu entsorgen.

Wir benutzen, tauschen aus, machen vielleicht kaputt, umgeben uns mit all den schönen Dingen - aber was "verbrauchen" wir eigentlich wirklich? Ein Modetrend verbraucht sich vielleicht, aber was haben wir damit zu tun? Dieser Gedenktag wäre vielleicht wert, ein wenig darüber zu reflektieren, was wir wirklich gebrauchen, verbrauchen, brauchen können. Und was von den Bedürfnissen, die wir haben, wirkliche sind - sprich, von uns selber kommen - oder solche sind, die einfach gerade allgemein in Gebrauch sind. So wie vielleicht Glätteisen für die Haare, Handys mit Touchscreen und noch kleinere Notebooks.

© "Otto Normalverbraucher ist in Rente" - ein Textbeitrag von , 2011. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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