Walgesang

Kurzgeschichte von I. E. Schwartz

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Er war auf der richtigen Fährte, er konnte die Gegenwart des Bösen spüren - so wie er sie fühlte seit dem ersten unheimlichen Zusammentreffen. Er kreuzte die Weltmeere, er nahm sein Recht in Anspruch, das ihm als überlegene Lebensform zustand: jagen, um zu überleben. Das war seine Aufgabe und das war es, was er tat - einsam, aber fast unangreifbar. Die Gesellschaft der anderen war ihm nicht so wichtig, obwohl er sich ihrer wohl bewusst war. Dieses Bewusstsein gehörte zu seinem Leben, die Stimmen, die er zuweilen wahrnahm mit allen seinen Sinnen und die ihm sagten, dass er letztendlich einsam war, aber doch nicht allein in den Weiten seiner Welt.

Immer wieder kreuzten Lebewesen in ihrer großen und harten Schale seinen Weg, er war es gewohnt und mied sie, wo es ging. Lange hatte er nicht gewusst, wozu sie fähig waren, er war erheitert über ihre täppische Art der Bewegung und ihre Langsamkeit. Aber dann hatte er das Blut gesehen, das Blut, das seine Sinne verwirrte und ihn in unendliche Trauer versinken ließ. Sie waren Jäger, genau wie er und so war das Gesetz. Er ging ihnen aus dem Weg, wo er konnte, versuchte den Geschmack des Wassers zu vergessen, wenn sie Beute gemacht hatten und noch langsamer als gewöhnlich durch das Meer krochen.

Doch dann kam dieser besondere Tag, an dem er selber zum Gejagten wurde. Er war noch jung gewesen und mit einer Gruppe unterwegs, die auf ihrer jährlichen Reise in die Nordmeere war. Ein Weibchen hatte es ihm besonders angetan, sie war flink und ihre Stimme wunderschön. Für eine kurze Zeit verließ er die anderen, um alleine zu jagen, wie er es manchmal tat - und als er nach ihnen suchte, fand er nur das Grauen. Das war der Tag, der alles veränderte, der sein Leben veränderte und seit dem er gegen das Gesetz lebte.

Das Wasser hatte diesen fürchterlichen Geruch, den er fürchtete. Niemand war mehr da, aber oben am Licht schwamm seine Gefährtin, obwohl seine Sinne ihm sagten, dass sie tot war. Als er auftauchte, begriff er, was geschah... sie war blutig und verstümmelt und mit diesen dünnen Tentakeln umwickelt, die er schon oft gesehen hatte. Eine kleinere Schale mit diesen Jägern war dabei und zog sie heran zur großen Schale, die in der Nähe dümpelte. Sie zerrten so das Weibchen weg, um es verschwinden zu lassen, wie er es schon oft aus sicherer Entfernung gesehen hatte. Als wäre der Grund des Meeres verschwunden, so tief sank seine Seele in diesem Moment - er war unfähig zu jeder Bewegung und nahm mit allen seinen feinen Sinnen auf, was geschah.

Sie waren zu sorglos gewesen, niemand hatte diese Geschöpfe bemerkt, obwohl sie nicht weit weg gewesen sein konnten. Wenn er nur hier geblieben wäre... wenn er nur bei ihr gewesen wäre... das durchfuhr seinen mächtigen Körper und seinen verletzten Geist mit nie gefühlter Wucht. In diesem Moment füllte sich die Luft mit Schreien aus der kleinen Schale, er war entdeckt. Und da sah er, dass es noch andere solcher sonderbaren, mit Jägern gefüllten harten Dinger gab. Und sie kamen auf ihn zu, sie wollten ihn. Was dann über ihn kam, war wie das Einstürzen des Himmels... er wendete sich nicht zur Flucht, sondern schwamm direkt auf die Schalen zu. Es war so einfach, sie waren zerbrechlich wie Muscheln und die kreischenden schwachen Wesen darin waren sehr schnell still.

Er spürte Stiche in seiner Haut und ein Zerren, dann Widerstand. Auf eine böse Weise hatten sie diese dünnen Tentakel an ihm festgemacht und wollten ihn zur großen Mutterschale zerren. Das kam von der einzigen kleinen Schale, die noch übrig war, und in ihr stand einer von ihnen, der ihm direkt ins Auge sah. Dieser war anders als die anderen, er schrie nicht. Von diesem einen ging das ganze Böse aus, es war spürbar wie brackiges Wasser. Und da war es wie rote Gischt vor den Augen und trotz der Tentakel richtete er sich auf und drehte seinen mächtigen Körper, schnappte zu und tauchte dann mit aller Kraft ab. Es tat weh für kurze Zeit, aber dann waren die Fesseln fort.

Was er zwischen den mächtigen Kiefern hatte, schluckte er nicht hinunter, er ließ sich damit bis fast auf den Grund tragen, um Geschmack und Geruch in sich aufzunehmen für alle Zeiten. Er ließ es fahren, als er Atem holen musste, dieses Teil des Bösen aus der Schale. Und seit jenem Tag jagte er nicht nur um Nahrung. Mit der Zeit fand er immer mehr Geschmack daran, es war wie eine Besessenheit, die ihn langsam von den anderen seiner Art trennte. Er trieb grausame Spiele mit der Beute, wiegte sie in Sicherheit, um dann plötzlich abzutauchen und unter den Schalen hochzuspringen. Mit seiner Nase schleuderte er die kleinen kreischenden Dinger solange hoch, bis sie still waren, oder er ließ sich auf die Hüllen fallen, in denen sie waren. Er hatte gelernt, wo die großen Schalen am verwundbarsten waren, und dagegen stieß er mit Macht, bis sie hinuntersanken.

Dann spürte er wieder dieses besondere Böse, dieses Wesen, das er glaubte vernichtet zu haben... spürte dessen Hass, der so groß war wie sein eigener. Und da wusste er, dass er es endgültig vernichten musste. Und es entkam ihm, mehr als einmal entkam es ihm, weil er im Rausch wahllos tötete und zerstörte. Aber dann begriff er, dass auch seine Gegner ihre Wanderwege hatten, die sie immer wieder nutzten, ebenso wie sein eigenes Volk. Und deshalb wartete er hier an der Pforte zum Nordmeer, wo alles begonnen hatte... seit Tagen wartete er.

Und es hatte sich gelohnt, denn seine Sinne machten mehrere große Schalen aus... DIE Schalen. Dann hatte er sich gezeigt, hatte spielerische Kreise gedreht, um dann zu tauchen. Die erregten Schreie hörte er, aber was sie schrien, verstand er nicht... die Bedeutung erschloss sich ihm nicht. Aber er hörte es, als er mit grausamer Freude seine Muskeln zum Rammen spannte: "Moby Dick!"

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© Illustration: Thomas Alwin Müller, littleART

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