Gespräch mit einem Bürger

Herr Deutschmann und die Krise

Schulden

Was? Krise? So ein Blödsinn! Der das sagt, könnte alle Namen haben ... Kowalski oder Raitlmeyr, Schröter oder Jantschik. Aber nennen wir ihn einfach: Herr Deutschmann. Herr Deutschmann also hat Antworten auf alle Fragen, er kennt die Gründe für fast alles, und er glaubt nicht an eine umfassende Krise.

Arbeitslosigkeit, so sagt er, die ist praktisch nur selbstgemacht von den Leuten. Arbeiten will niemand mehr so richtig, und überhaupt kann er das Gejammer nicht mehr hören. Wer wirklich was tun will, der findet auf jeden Fall einen Job. Sind sich nur zu fein, die Herrschaften, so sagt Herr Deutschmann.

Die Sache mit den steigenden Preisen hält er für stark übertrieben, das betrifft schließlich nur diese Faulenzer, nicht wahr. Er hat vierzig Jahre in einem Betrieb gearbeitet und ein bisschen was auf der Seite. Die paar Jahre bis zur Rente kriegt er rum, dann freut er sich auf einen schönen Ruhestand. Man hat doch hart geschuftet und darf sich dann ruhig etwas leisten. So war es schließlich immer.

Die Politiker sind samt und sonders halbseidene Burschen, aber sie werden dafür bezahlt, dass sie ihre Arbeit machen und werden die Karre schon wieder auf die Straße kriegen. Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

Die Kanzlerin macht das im Übrigen schon richtig, man muss dafür sorgen, das gespart wird - und wenn es nach ihm ginge, gäbe es sowieso kein Kindergeld mehr. Früher gab's das auch nicht, und die Leute haben ihre Kinder großgezogen. Haben eben gearbeitet. Und wenn überhaupt die Frauen daheim bleiben würden, wenn sie Kinder haben, dann wären wieder genug Jobs da, das liegt doch auf der Hand.

Herr Deutschmann sagt auch, dass das Fernsehen und die Zeitungen immer übertreiben. Er sieht das mit dem Müll trennen ja noch ein, denn das ist auf jeden Fall ordentlicher. Aber dass er den Motor abstellen soll an einer Ampel - ja, wo kommen wir denn hin, sagt er. Und nur, weil er den Wagen nicht jedes Mal neu starten will, wenn seine Gisela schnell aussteigt und zum Kiosk rennt für die Bild-Zeitung, wird das Ozonloch schon nicht größer werden. Das wird sowieso in den Medien eher hochgeputscht. Klimaveränderung - das ist doch eine gute Sache. Hilft auf jeden Fall Heizkosten sparen. Herr Deutschmann versteht die Aufregung nicht.

Gegen Ausländer hat er eigentlich überhaupt nichts. In seinem Betrieb arbeiten ja auch einige und Herr Deutschmann kommt ganz gut mit ihnen aus. Er ist nur dafür, dass die kriminellen Ausländer ausgewiesen werden. Und natürlich auch diejenigen, die nicht arbeiten wollen, und die mit den Kopftüchern auf jeden Fall auch. Herr Deutschmann ist katholisch erzogen worden, da gab's garnix. Jeden Sonntag in die Kirche und ab und zu auch zur Beichte, geschadet hat es ihm nichts. Nicht, dass er wirklich etwas am Hut hat mit der Kirche, aber es ist schließlich Tradition. Ob er viel weiß vom Islam? Das braucht er nicht, sagt er. Das hier ist Deutschland und da gibt es Kirchen und Dome - Minarette sollen die am Bosporus bauen.

Ob er mit seinem Leben zufrieden ist? Sicher ist er das, denn er lebt in einem reichen Land, er kann tun und lassen, was er will und auch sagen, was er denkt. Wenn er mit Gisela kegeln geht alle vierzehn Tage, unterhalten sie sich schon manchmal über Politik mit den Bekannten. Aber da gibt es keinen Streit, schließlich sind sie ja auch alle Nachbarn und kennen einander viele Jahre. Hier ist es immer ruhig und niemand stört die Ordnung. Das ist eine gepflegte Siedlung, hier sieht man keine von den Jugendlichen, die ihre Mützen verkehrt herum auf dem Kopf haben oder diese langen Ketten an den Hosen baumeln lassen. Man würde auch sofort die Polizei rufen, wenn sich die hierher verirren würden. In die Innenstadt geht er nicht so gerne, da sitzen immer mehr von diesen Bettlern herum. Aber das kennt man ja - machen einen auf hungrig und am Feierabend gehen die zu ihrem dicken Auto, das eine Straße weiter geparkt ist. Für so was hat Herr Deutschmann nun gar nichts übrig.

Außerdem haben so viele Geschäfte zugemacht, in denen er und Gisela gerne eingekauft haben. Man sieht nur noch diese Billigschuppen für Kleider und Krimskrams. Es ist schon traurig, dass keiner mehr auf Qualität achtet, findet Herr Deutschmann. Die wirklich guten Fachgeschäfte sind verschwunden, das sieht er immer wieder. Früher war es angenehmer in der Fußgängerzone, es lag nicht so viel Müll herum und auch weniger von diesen kleinen Schnapsflaschen. Alles verwahrlost ein bisschen, selbst zu Weihnachten gab es nicht so viele Lichterketten wie sonst in früheren Jahren. Das hat auch in der Siedlung abgenommen, wie Herr Deutschmann sieht, wenn er abends mit dem Dackel noch rausgeht. Immer weniger Leute schmücken ihre Fenster mit Lichtern - sie haben wohl kein Gefühl mehr für Atmosphäre, denkt Herr Deutschmann.

Aber wenn er abends mit Gisela vor dem Fernseher sitzt und sich einen wohlverdienten Feierabend macht, fühlt er sich wohl. Und von einer Krise ist da ganz bestimmt nichts zu spüren.

Herr Deutschmann, wir danken für das Gespräch!

© Das Interview "Gespräch mit einem Bürger - Herr Deutschmann und die Krise" führte , 2012. Illustration: Thomas Alwin Müller, littleART

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