Quo vadis, Domina? Wohin geht die Frauenbewegung?

Ist der Feminismus zum bloßen Zensierungsmechanismus mutiert?

Frauenbewegung in Deutschland 1894

Es gab vor Jahren einen aufsehenerregenden Prozess, bei dem es im Wesentlichen darum ging, die Anrede bei Schriftstücken anzugleichen. Die Klägerin fand, dass die gebräuchlichen Modi, also Herr für einen männlichen Adressaten und Frau für einen weiblichen, eine Ungleichbehandlung darstellten. Es müsste wohl, bei korrektem Sprachgebrauch entweder Herr bzw. Dame heißen, oder aber eben nur Frau oder Mann. Das war zunächst für einige Lacher gut - aber auf den zweiten Blick hatte die Frau völlig recht.

Ein Mann ist eben grundsätzlich ein Herr, eine Frau allerdings nur eine Frau - und nicht automatisch eine Dame. Das war die Quintessenz des Ganzen. Die Klägerin verlor übrigens, was niemanden verwunderte. Natürlich können solche Kleinigkeiten vernachlässigt werden, aber in einem Land, in dem es das Wahlrecht für Frauen noch nicht allzu lange gegeben hatte zum Zeitpunkt dieser Verhandlung konnte man durchaus noch am Sprachgebrauch die alltägliche Diskriminierung erkennen. Das kann man heute auch noch - nur interessiert es keinen mehr.

Was hat sich wirklich bewegt in den vergangenen fünfzig Jahren?

Die Frauenbewegung hatte ihren langen Marsch mehr als einmal unterbrochen seit der Zeit der Suffragetten - sie musste sich an den Zeichen der Zeit neu orientieren. Wo es den Genannten um das Wahlrecht ging, ohne allerdings die Grundstellung der Geschlechter wirklich neu definieren zu wollen, war es ein großer Sprung zu den jungen Frauen, die ihre BHs verbrannten. Den Männern gefiel diese Protestaktion gar nicht so übel - den Herstellern von Dessous weniger. Es war eine witzige Geste - hätte es sich um Korsetts gehandelt, wäre der Symbolgehalt allerdings weitaus leichter zu erkennen gewesen.

Wie auch immer, die Zeit der Frauenhäuser und der Frauentreffs brach an, Latzhosen und Kurzhaarfrisuren gehörten dazu, ebenso wie die Selbstbestimmtheit, was den Körper anging. Lesbengruppen formierten sich, Frauenbuchläden schossen aus dem Boden ... das war nicht falsch, sorgte aber für eine neue Art von "Apartheid". Es gab Frauenlyrik, Frauenbücher, Frauenfilme, Frauenmusik. Alles wurde getrennt gehandhabt, und das grenzte die Frauen genau so unfehlbar aus wie der männliche Chauvinismus. Diese Strömungen sind untergegangen mittlerweile - unter Frauenromanen versteht man nun etwas, das irgendwo in Irland spielt und eine Romanze beinhaltet.

Nicht, dass man den Aktivistinnen der siebziger Jahre wirklich nachweinen müsste - sie hatten ebenso wie die modernen Frauenrechtlerinnen völlig den Kontakt zur Basis verloren, sollten sie ihn jemals gehabt haben. Die Diskussionen um die Gewalt gegen Frauen, um die Diskriminierung und Benachteiligung nur des Geschlechtes wegen waren mit Sicherheit wichtig - aber zuweilen verloren sie sich in fürchterlichen Erbsenzählereien.

Nur sehr wenige gingen auf die Straße, um die Frauen anzusprechen, um die es eigentlich dabei ging - die Mädchen, die schon im Elternhaus indoktriniert und von der elterlichen Gewalt in die Gewalt des Ehemannes übergeben wurden, ohne dass sie je auch nur wussten, dass sie andere Möglichkeiten gehabt hätten. Die Frauen, die alles aufgegeben hatten, um den Schutz einer Ehe zu genießen, einfach weil sie nie eine andere Wahl gesehen hatten.

Diejenigen, die Flugblätter verteilten, in denen zu Treffen eingeladen wurde, oder die erlebten, wie Männer ihren Freundinnen und Frauen schlichtweg verboten, das auch nur in Erwägung zu ziehen ... diejenigen erlebten hautnah, worum es wirklich ging. Nicht um eingeschliffenes Sprachverhalten, nicht um diskutierbare Programmpunkte, sondern um den ganz alltäglichen Horror. Die Frauen, die keinen Hochschulabschluss hatten, die mitarbeiten mussten, weil es sonst nicht reichte, um die Kinder großzuziehen, die erlebten von der Frauenbewegung mehr als eine Abqualifizierung. Und die verstanden, was die Frauen der Bewegung einfach nicht verstehen wollten ... dass die Emanzipation kein exklusiver Club ist, sondern alle angeht. Auch die Männer.

Während die öffentlichen Diskussionen in den Frauenforen lautstark und taff geführt wurden, schlugen Männer ihre Frauen und Kinder krankenhausreif, arbeiteten Frauen für minderen Lohn für gleiche Arbeit. Das ist heute noch so - und es sieht nicht so aus, als ob sich das je ändern würde. Die neuen Silikonamazonen können wohl kaum als Vorbild dienen, ebenso wenig die jungen Frauen und Mädchen, die nichts haben und in den Zeiten der Krise wohl auch nicht so bald zu etwas kommen werden, dass sie in ihr Äußeres investieren können, um einen Mann zu finden, der sie vor der Armut bewahrt. Sie haben aufgegeben, diese Frauen, sie lassen sich auf ein mieses Geschäft ein: "Schönes Mädchen gibt alles, um den Lebensunterhalt zu sichern." Sie werden dabei verlieren, aber erst, wenn ihr Marktwert sinkt. Dieser Zeitpunkt kommt allerdings immer früher, denn es rücken immer neue Mädchen nach.

Worte sind wichtig, sie zeigen vieles auf - selbst unser Sprachverhalten ändert sich immer schneller - aber Inhalte, die Schwächere diffamieren, werden niemals ausgemerzt werden können. Es wäre wieder Zeit, um auf die Straße zu gehen, nicht nur mit Bildern von gesteinigten Frauen im Schleier, sondern auch mit Bildern von durch Schlägen grausam zugerichteten Frauen, die um die Ecke leben und deren Kinder genau dasselbe Modell leben werden - einfach, weil niemand sich für sie interessiert. Die Frauen in der Politik und in der Wirtschaft zählen nicht - sie waren nie so hilflos und chancenlos.

Was gebraucht wird, sind durchaus keine neuen Ansätze, sondern der Wille zu helfen. Einer misshandelten Frau nützen Grundsatzdiskussionen nichts. Dass viele dieser Opfer ihre Peiniger beschützen und die bekannte Hölle dem Neuen, Unbekannten vorziehen, das ist eine Tatsache. Aber wenn sich bis heute nichts an diesen Dingen geändert hat - wer hat hier versagt?

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© Text zu "Quo vadis, Domina? Wohin geht die Frauenbewegung?": , 2012. Die Abbildung zeigt die Führerinnen der Frauenbewegung in Deutschland 1894, Lizenz: gemeinfrei

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