Unser Aufopferungs-Gen

Sollten manche Opfer nicht besser dem Rotstift zum Opfer fallen?

Pflanze opfern

Opfer sind nötig - Opfer muss man bringen - etwas muss geopfert werden. Der Sprachgebrauch ist voll von dieser Opferbereitschaft, welche übrigens als höchste Tugend gilt. Wo das herkommt, wissen wir in etwa - die Geschichte ist voll davon. Tier- und Menschenopfer sind ein Teil der Geschichte aller Völker, zumindest in den Anfängen. Man kann die Brauen heben über solche Gedankengänge, denn irgendeinem Gott einen Menschen oder eine Kuh schlachten heißt eigentlich nur, dass derjenige, der den Kuchen gebacken hat, auch ein Stück davon überreicht bekommt. Dafür hofft man dann auf mehr Kuchen. Wieso irgendein als "höher" eingestuftes Wesen so etwas wollen oder brauchen sollte, ist bis heute nicht schlüssig geklärt.

Schon die Bibel kennt Tier- oder Pflanzenopfer, weswegen es in den Anfängen der Menschheit zum ersten folgenschweren Familienstreit kam. Gott, so hieß es, verachtete das Opfer des einen Bruders und schaute wohlgefällig auf das des anderen. Der Rest ist graue Vorzeitgeschichte und fast jedem bekannt. Wieder fragt sich der interessierte Laie, wieso Gott überhaupt an einem toten Vieh oder an auf Stein gehäuftem Gemüse lag - er kannte diese Dinge, denn er hatte sie ja geschaffen. Nach unserer Vorstellung wäre es netter gewesen, wenn man Tier wie Gemüse entweder pfleglich behandelt oder gegessen hätte. Man soll Gaben, die einem zukommen, nämlich nicht verachten.

Dann gibt es noch die Geschichte von Abraham, dem Gott wohl ein wenig Angst machen wollte, indem er ihm befahl, seinen Sohn zu opfern. Der liebende Vater tat es, denn er liebte Gott noch mehr und wurde von einem Engel daran gehindert. Es war ein Fall von: "War nur ein Test - und du hast bestanden." Heute würde Abraham wohl auf Schmerzensgeld klagen und verlangen, dass der Psychotherapeut für den Jungen bezahlt wird (er käme damit wohl durch, jedenfalls in den USA). In späterer Zeit konnte man die Tauben, denen dann der Hals herumgedreht wurde, bzw. die Kehle durchschnitten, in Läden direkt beim Tempel kaufen. Das galt für den großen Tempel in Jerusalem wie für die Tempel der Griechen oder anderer Völker. Eine erstaunliche Sitte, und völlig nutzlos dazu.

Die berühmten Moorleichen Skandinaviens oder auch Norddeutschlands sollen zum Teil auch Opfer gewesen sein - und sind ironischerweise diejenigen, welche überdauert haben. Das kann man von den Priestern, die so etwas angeleiert haben, wohl nicht sagen. Aber es steckt in uns allen, dieses Handeln mit höheren Mächten. Im Mittelalter war es höchste Mode, ein Mitglied der Familie einem Kloster zu überantworten - eine Art Versicherung für das Leben nach dem Tod. Außerdem sozial gedacht, da nicht alle Kinder erben oder überhaupt auf etwas hoffen konnten. Im Grunde ein Menschenopfer, denn wahrscheinlich waren auch nicht alle damit einverstanden. Wobei man das Leben bei den Mönchen als gar nicht so übel betrachten könnte - es gab Essen und zuweilen Bildung für sich begabt zeigende Eleven.

Auch Kriege fordern Opfer, wobei man davon ausgehen kann, dass diese Art Opfer überhaupt nichts bewirkt außer Elend auf allen Seiten. Aber es zieht sich auch durch das zivile Leben - Mütter beklagen, dass sie sich für die Familie aufgeopfert haben, Väter tun das Gleiche. Die Kinder sehen sich derweil als Opfer der elterlichen Willkür, und nicht selten wird der Notgroschen geopfert, damit "die Kinder es einmal besser haben". Und weil das immer so wunderbar klappt, bitten die Politiker auch zum großen allgemeinen Opferstock. Denn da müssen schließlich alle ran (außer den Politikern, die bringen keine Opfer, weil sie diejenigen sind, denen der gesunde Menschenverstand zum Opfer fällt).

Je aufopferungsvoller man ist, desto höher fällt die Belohnung aus, das ist die Rechnung. Leider aber war, vor Jahrtausenden wie heute, der Wechselkurs erbärmlich schlecht. Also wäre es sinnvoll, ein wenig Zeit zu opfern, um vorher zu überlegen, was man draufzuzahlen bereit ist.

© "Unser Aufopferungs-Gen: Opfer sind nötig, Opfer muss man bringen" - ein Beitrag von , 2012. Illustration: Thomas Alwin Müller, littleART

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