Schlecker-Pleite: Den Opfern bleibt die Zwangsumschulung

Wo es dem Arbeitslosen zu wohl wird, gibt man ihn in Pflege

Gefesselt

(Juni 2012)   Es gab einmal eine Zeit, da war alles, was mit Deutschland zu tun hatte, mit einem eingebauten Gütesiegel ausgestattet. Das ist eigentlich gar nicht einmal so sehr lange her, aber kaum einer erinnert sich noch wirklich daran. Es gehört nämlich in die Zeit, in der es so viele freie Arbeits- und Ausbildungsplätze gab, dass man sich seinen Wunschberuf aussuchen konnte. Denn, wer seinen Job mag, macht ihn gut - das ist nachvollziehbar.

Wer heute einen Job sucht, ist längst nicht mehr festgelegt. "Ich mache alles, wenn ich nur Arbeit kriege" - diesen Ausspruch wird man immer öfter hören. Viele Jugendliche bewerben sich um Ausbildungsplätze, die gar nicht ihren Fähigkeiten oder Neigungen entsprechen - einfach, weil sie keine Wahl haben.

Da verschlägt es einen Einser-Schüler in eine Werkstatt, obwohl er überhaupt nicht praktisch begabt ist - und ein kreativer Jugendlicher, der Dekorateur werden wollte, landet in einem Pflegeberuf. Es kann natürlich sein, dass man sich irgendwann damit arrangiert, aber ein technikbegeisterter Teenager wäre wohl die bessere Wahl für den Installationsbetrieb, während jemand mit gut ausgeprägtem sozialen Bewusstsein ein Gewinn für eine Pflegestation wäre. Durch die marode Ausbildungssituation des Arbeitsmarktes geht es aber längst nicht mehr darum. Wer eine Lehrstelle bekommt, hat Glück - und gute Noten. Beides beinhaltet allerdings nicht unbedingt die wirkliche Eignung.

Mittlerweile treffen die Auswirkungen dieser Fehlentwicklungen auch Arbeitslose jeden Alters. So wird der Plan diskutiert, die Opfer der Schlecker-Pleite in Pflege- und Betreuungsberufe zu bringen. Vor allem in konjunkturschwachen Regionen soll auf "Teufel komm raus" umgeschult werden. Auf den ersten Blick sieht das nicht schlecht aus - denn hier, so könnte man meinen, wird für die Frauen etwas getan. Aber bei näherem Hinsehen sieht das ganze wie eine hilflose "bloß schnell unterbringen-Aktion" aus, die nicht durchdacht ist. Zuerst einmal decken die arbeitslosen Frauen fast alle Altersgruppen ab. Wer jenseits der fünfzig ist, wird aber kaum noch wirklich als Pflegehilfe einsetzbar sein. Der eigene körperliche Verschleiß könnte da Grenzen setzen.

Außerdem ist nicht jeder für so einen Job geeignet. Es gehört mehr dazu, als Menschen mit raschen Griffen auf einem Bett umzudrehen und im Akkord zu waschen, damit der Pflegebetrieb reibungslos abläuft. Immer wieder aufkommende Fälle von Überforderung der Arbeitskräfte in Altersheimen oder Kliniken sprechen da eine deutliche Sprache. Dass Pflegehelfer, setzt man es in Bezug zur Arbeitszeit, eher mäßig bezahlt werden, ist bekannt. Dazu kommt der unvermeidliche Schichtbetrieb - wer diese Arbeit länger durchhalten will, muss einen Bezug dazu haben, der über das Materielle hinausgeht. Sonst wird es immer düsterer aussehen in unseren Seniorenheimen und Kliniken.

Arbeitslose nun werden oft in solche Arbeitsverhältnisse vermittelt, und es sieht tatsächlich auch nach Freiwilligkeit aus. Aber wer längere Zeit keinen Job hat und Bezüge bekommt, kann sich nicht wehren und wird diese Arbeit antreten, um keine Streichung des Geldes zu riskieren. Im günstigen Fall besteht auch guter Wille und die Fähigkeit dazu, die sich nicht nur über körperliches Vermögen definiert. Aber das ist nicht die Regel.

Wer etwas machen muss, das ihn körperlich und psychisch belastet, wird es nicht besonders gut machen und öfter krank sein. Das wiederum baden diejenigen aus, die sich noch weniger wehren können als die arbeitslosen Betroffenen solcher Pläne, Maßnahmen oder Programme. Das wären pflegebedürftige Menschen in Kliniken und Heimen. Natürlich leidet unser Gesundheitssystem unter einem galoppierenden Mangel an Kräften, was jeder, der schon einmal in einem Krankenhaus war, zu seinem Leidwesen bestätigen kann. Das liegt aber weniger an willigen Helfern, sondern an der innerbetrieblichen Finanzpolitik dieser Institute. Man versucht, mit immer wenigeren Pflegekräften immer mehr an Arbeit zu bewältigen - dabei gäbe es genug motivierte ausgebildete Kräfte oder auch Hilfspersonal.

Dieses selbstgemachte Dilemma ist eines der größeren Probleme im Land. Es unnötig durch zwangsumgeschulte Arbeitslose zu komplizieren, wäre nicht eben logisch und würde auch nichts bringen - außer Kosten. Vor allem, wenn man bedenkt, wie viele Arbeitslose um eine Umschulung nachsuchen und sie nicht bekommen.

© "Schlecker-Pleite: Den Opfern bleibt die Zwangsumschulung" - ein Textbeitrag von , 2012. Illustration: Thomas Alwin Müller, littleART

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