StilettoWie man Masochismus lebt und damit überhaupt nicht auffällt |
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In früheren Zeiten machte er ja manchmal noch Sinn, der Absatz am Schuh. Für Reiter zum Beispiel ist dieses kleine Teil durchaus wichtig - der Fuß hält sich leichter im Steigbügel. Natürlich waren die Erhöhungen des Schuhes im Mittelalter zuweilen unverzichtbar - denn die Straßen waren eher Schlammgruben als Gehwege. Das war in vielen Burgen nicht unbedingt besser, denn verschmutzte Binsen, in denen sich Hundehäufchen und Abfälle sammelten, waren für die Säume der langen Gewänder nicht gut. Man behalf sich mit einer Art hölzernem Überzieher, welcher allerdings vorne und hinten gleichermaßen erhöht war und einfach nur vor dem Kontakt mit dem üblichen Unrat auf dem Boden schützen sollte. Als die Bazillen endlich erfunden waren und man alles mit Sand und Kernseife schrubbte, war so etwas natürlich nicht mehr notwendig. Auf den Marmorfußböden der vornehmen Römer und Griechen der Antike hatte es so etwas ebenfalls nicht gebraucht - man trug Sandalen oder eine Art Stiefel mit flacher Sohle. Aber diese kleine Erhöhung unter der Ferse rettete sich in das Zeitalter der Kanalisation hinüber, denn man hatte mittlerweile Gefallen daran gefunden. Herren und Damen trugen sie unter den Seidenschuhen, einige Zoll machten die Erscheinung eleganter. Und dann wurde dieses Stück Zusatzschuhwerk zur Diva, denn es mutierte zum Stöckelschuh und dann zum High Heel. Pfennigabsätze waren einmal der Schrecken aller sorgsam gebohnerten Böden und das Entzücken der Herren - denn, wie man überall lesen kann, sorgt die aufgezwungene Haltung des Fußes für ein völlig anderes Gangwerk. Die Frauen gehen mit gestreckten Waden und angespanntem Becken einher und wirken unwiderstehlich erotisch dadurch. Das wiederum kann auch einen niedlichen Eindruck machen oder eine Hilflosigkeit hervorrufen, die den Männern angeblich gefällt. Wer High Heels tragen will, sollte das auch können - wer es nicht perfekt beherrscht, schreitet nicht wie eine Diva, sondern humpelt leicht schwankend wie ein kleines Mädchen, das die Pumps seiner Mami geklaut hat. Aber seien wir ehrlich - außerhalb der Laufstege oder Domina-Studios nerven High Heels die Mitmenschen. Da wird nämlich nicht geschritten oder mit straffen Beckenmuskeln geschwebt, sondern marschiert. Nichts ist enervierender am frühen Morgen als das Konzert der knallenden Absätze an der Bushaltestelle oder zu anderen Zeiten auf den glatten Böden der Supermärkte. Dass man in diesem Schuhwerk nicht marschieren sollte, wissen viele nicht - es wirkt nicht elegant sondern eher bedrohlich. Kluge Frauen und Mädchen tragen die Teile sowieso in einer Tasche mit sich, wenn sie zum Tanzen gehen, denn die Schuhe gehören einfach nicht auf die Straße. Aber selbst die Trägerinnen, die das Balancieren auf Heels wirklich beherrschen, wirken damit immer ein wenig wie Aliens... das tägliche Leben ist kompliziert genug. Wer wird um jede Kanalabdeckung einen Bogen machen wollen oder unmöglich in Laufschritt verfallen können, wenn das einmal notwendig sein sollte? Dazu könnte noch angemerkt werden: wer spätabends allein unterwegs ist und solche Schuhe trägt, ist selber schuld.
Es erinnert ein wenig an die verkrüppelten Füße der vornehmen Chinesinnen vor der großen Revolution - nur, dass sie sich dieser Folter nicht entziehen konnten, es war weit mehr als ein Modediktat. Die heutigen Frauen aber, die sich ständig in diese Folterinstrumente zwängen, arbeiten auf Krampfadern und verdickte Fesseln hin - was nicht unbedingt erotisch wirkt. Tatsächlich haben diese Schuhe keinen anderen Zweck, als die Bewegung zu erschweren, den natürlichen Gang in etwas Ruckelndes zu verwandeln und auf lange Sicht den Orthopäden Geld zu bringen. Oder den Designern. © Text: Pressenet | © Illustration: Thomas Alwin Müller, littleART © Abbildung unten: "Stilettoabsatz an einem Damenstiefel" von Karin Månsson (Quelle: Wikipedia, Creative Commons-Lizenz) Lesen Sie auch Lord Greystoke - Was Tarzan und Dr. Jekyll gemeinsam haben
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