Kein Geld für Strom: Dunkle Fenster, strahlende Sterne

Der Mann mit der Zange und die Abwärtsschraube

Sternschnuppen

Rentner, Hartz-IV-Bezieher oder Studenten - sie alle haben ein Problem mit dem Strom: wenn der Mann mit der Zange kommt, dann stehen alle Räder still in den deutschen Haushalten. Und der Mann im Blaumann kommt immer öfter - denn die Stromkosten steigen allerorts um etwa 20 Prozent - das Einkommen und natürlich die Hartz-IV-Regelsätze nicht. Bereits 2011 gab es rund 300-tausend Stromsperren sowie sechs Millionen Mahnverfahren - Tendenz steigend.

Auf Energie sind wir alle angewiesen, ein zünftiges Lagerfeuer in der Küche oder unter dem Badezuber wie anno dazumal ist nicht mehr machbar, schnelle Alternativen - wie zum Beispiel Gaskartuschen und Campingkocher - sind recht kostenintensiv. Sie würden sich wundern, wie viele Familien so einen Behelf mittlerweile im Küchenschrank haben ... für den Notfall. Und der kommt immer öfter - denn wer ein geringes Einkommen hat, muss sich immer gegenwärtig sein, dass es zu einer Stromsperre kommen kann.

Selbst wenn die monatlichen Abschläge gerade noch aufzubringen sind (oft nur mit der größten Selbstverleugnung und massivem Verzicht) kommt das dicke Ende mit der Jahresendabrechnung. Die hat nämlich gerade im letzten Jahr viele Bürger das Fürchten gelehrt. Flattert nun so eine Abrechnung ins Haus, kann man sich nur aufmachen zum jeweiligen städtischen Versorgungsbetrieb und eine Stundung beantragen. Die wird auch gewährt in den meisten Fällen, aber es gibt zahlreiche Regelungen über die Höhe dieser monatlichen Raten. Natürlich darf man nicht vergessen, dass die laufenden Zahlungen ja ebenfalls zu leisten sind. Und weil wir gerade dabei sind, werden die auch noch heraufgesetzt ... schließlich war ja der Verbrauch höher.

Fassen wir also zusammen: man hat seine Stromrechnung pünktlich bezahlt, steht aber am Abschluss mit einer Nachzahlung da. Und nicht nur, weil man vielleicht mehr verbraucht hat (das kann an vielen Faktoren liegen, ein kühler Sommer oder ein härterer Winter zum Beispiel), sondern vor allem der recht dreisten und nicht nachvollziehbaren Erhöhungen der Energiekosten. Plötzlich verdoppeln sich die Zahlungen, weil man ja einige Monate die Stundung bedienen muss - außerdem muss sowieso mehr abgedrückt werden.

"Wenn die Abschläge höher sind, müssen Sie dafür nichts mehr nachzahlen - oder nur wenig" - so lautet ein Spruch, den die Kunden der Energiekonzerne immer öfter hören. Das aber ist Unsinn, denn erstens ist die nächste Teuerung schon am Horizont zu sehen, und zweitens tröstet das nicht über die momentane Katastrophe hinweg. Wer nicht viel Geld zur Verfügung hat, kann - auch wenn das unlogisch klingt - kaum sparen. Billige Schuhe und Klamotten, die nach wenigen Wochen kaputt sind, kommen unterm Strich viel teurer als qualitativ hochwertigere Sachen - man hat nun mal keine dreißig Euro für einen Pullover, der straßentauglich ist ... schließlich muss man an die Stromrechnung denken. Die Geringverdiener sind also darauf angewiesen, letztendlich mehr zu zahlen. Rechnet man das alles zusammen, ist die Chance, den an und für sich schon sehr bescheidenen Standard zu halten, äußerst gering. Bald wird man die Menschen, die wenig Geld haben, wieder an den fadenscheinigen Kleidern erkennen, so wie das früher gewesen ist. Schon jetzt müssen sich viele Leute immer öfter entscheiden: entweder für neue Sachen - oder eine helle Unterkunft und warmes Essen. Das klingt vielleicht übertrieben, ist allerdings für viele Menschen in diesem Land schon Realität.

Gedankenspiele werden zur fixen Idee: neue Klamotten für die Schule gekauft - aber man muss sie mit kaltem Wasser und per Hand waschen. Stromrechnung gerade wieder bezahlt - aber es gibt nichts, das man im Kühlschrank aufbewahren oder auf dem Herd kochen könnte. Und das lange vor dem Ersten.

Wer sich fragt, wie es dazu kommen konnte, dem sei gesagt, dass Dumpinglöhne nicht sein müssen. Ebenso wenig, wie die ständigen Strompreiserhöhungen für Bürger nicht sein müssen - es gibt keinen wirklich nachvollziehbaren Grund dafür. Es ist nicht so, dass Deutschland auf ein unglaublich großes Arm-Reich-Gefälle zusteuert. Darum geht es längst nicht mehr. Was unserer Gesellschaft droht, ist eine scharfe Trennlinie zwischen lebenswerter Existenz und einem ständigen Kampf um ein würdiges Leben. Dieser Kampf allerdings ist nicht zu gewinnen - die Schraube dreht sich ständig abwärts in eine gesteuerte Armut für den Großteil der Bevölkerung.

Aber alles hat ja sein Gutes ... die Romantiker unter uns können sich über einen klaren Sternenhimmel über unseren Städten freuen. Der kommt nämlich besser zur Geltung, wenn immer mehr Fenster dunkel bleiben.

© "Kein Geld für Strom: Dunkle Fenster, strahlende Sterne" - ein Textbeitrag von , 2012. Illustration: Thomas Alwin Müller, littleART

Werden Sie Autor bei Pressenet und schreiben Sie Fachartikel. Info: Autor werden

Sponsoren und Investoren

Sponsoren und Investoren sind jederzeit herzlich willkommen!
Wenn Sie den Beitrag auf dieser Seite interessant fanden, freuen wir uns über eine kleine Spende. Empfehlen Sie uns bitte auch in Ihren Netzwerken (z. B. Twitter, Facebook oder Google+). Herzlichen Dank!

Hinweis: Bücher von Pressenet gibt es im Buchhandel

Nach oben Sitemap
Impressum & Kontakt